Satsang mit Swami Niranjanananda Saraswati

Nach yogischer Auffassung ist die Persönlichkeit des Babys im Mutterleib von der seiner Mutter nicht zu unterscheiden, so wie die Ernährung und das Wachstum völlig von ihr abhängen. Bevor ich von der Bedeutung des Mantras spreche, möchte ich in diesem Zusammenhang drei andere Aspekte beleuchten. Der erste ist der direkte Einfluss des Bewusstseins der Mutter auf das ungeborene Kind; der zweite befasst sich damit, inwieweit das ungeborene oder neu geborene Kind bestimmte Worte aufnimmt und darauf reagiert; und der dritte betrifft die Eindrücke, die im Bewusstseinsfeld des Babys durch die Einstellung und das Verhalten der Mutter und später auch des Vaters haften bleiben.

Die drei Aspekte der Persönlichkeit

  • Die Stimmung der Mutter
  • Die Sprache
  • Das Bewusstseinsfeld

Die Stimmung der Mutter

Zunächst was das Verhalten und die Einstellung betrifft. Wenn eine innere Spannung bei der Mutter besteht oder sie sich frustriert oder niedergeschlagen fühlt, sich in einer negativen Gemütsverfassung befindet, dann wird das natürlich durch ihre Atmung, den Herzschlag, die Drüsenaktivität und die hormonellen Sekrete auf das Kind übertragen.

Die Sprache

Wir alle reagieren auf eine bestimmte Sprache, eine bestimmte Ausdrucksweise, da wir diese als Werkzeug der Verständigung benutzen. Du kannst zwei oder zwanzig Sprachen beherrschen, aber generell, wenn du in europäischen Ländern chinesisch, Hindi, japanisch oder arabisch sprichst, macht es für Menschen, die diese Sprachen nicht sprechen, keinen Unterschied. Wenn du dagegen englisch oder deutsch sprichst, das verstanden wird, dann bilden die Worte Emotionen, Gefühle oder Wünsche. Das Konzept und Verständnis für die Sprache gräbt sich dem Kind automatisch über die Reaktionen der Mutter auf Worte ein. In Indien, wo in weiten Teilen Hindi gesprochen wird, saugt das Kind automatisch diese Sprache auf, genau auf diesem Weg - über die mütterliche Reaktion. Es ist nicht die Sprache als eine Sprache, die aufgenommen wird, sondern vielmehr die Gedanken und Gefühle, die hinter der Sprache stehen.

Außerdem läuft ein unbewusstes Training ab, das unsere Reaktionen formt. Wenn das Wort `Idiot' oder `Mitleid' fällt, reagiert die Mutter auf eine bestimmte Weise, und diese Information wird dem Kind übertragen. Der Keim seiner Reaktionen auf Worte wie `Vater', `Mutter', `dumm', `gut' usw. ist bereits im Kind vorhanden und kann seine ganze Natur positiv oder negativ beeinflussen. Die Verantwortung dafür liegt bei der Mutter. Man weiß heute, dass ein Kind während der Geburt auf jeden Laut seiner Muttersprache mit einer bestimmten Muskelspannung oder Bewegung reagiert. Das ist gut nachvollziehbar, wenn man weiß, dass der Ursprung der Reaktion, der Keim des Gefühls, das mit einer Sprache oder einem Wort einhergeht, vom Kind bereits im Mutterleib aufgenommen wird.

Das physische Bindeglied, durch die das Kind mit den für das Wachstum nötigen Dingen versorgt wird, ist die Nabelschnur. Ist der Körper der Mutter innerlich nicht gereinigt, können die Gifte trotz schützender Mechanismen im Nabelgeflecht das ungeborene Kind beeinflussen. Nicht nur in der indischen Tradition wird nachdrücklich betont, dass die werdende Mutter ein sehr harmonisches, ausgeglichenes Leben führen soll. Das ist die Tradition, wenn auch heute nicht mehr überall danach gelebt wird. So wurden während der Zeit der Schwangerschaft gewisse Arbeiten eingestellt und mehr Zeit dem Zuhören von religiösen oder spirituellen Geschichten, dem Satsang, dem Singen von Mantras usw. gewidmet. Heute sagt man auch den werdenden Müttern in den westlichen Ländern, dass Nahrung und Getränke mit negativem Einfluss auf das Kind, aber auch jede Art von seelischer Spannung, Ängste oder Sorgen vermieden werden sollten.

Das Bewusstseinsfeld

An diesem Punkt kommt der dritte Aspekt ins Spiel: Die Entstehung von Eindrücken im Bewusstseinsfeld oder das Programmieren des Bewusstseinsfeldes. Laut indischem Glauben zieht die Seele nach dem vierten Monat im Mutterleib ein. Die werdende Mutter sollte deshalb von diesem Zeitpunkt an sehr achtsam mit ihren Gedanken, Gefühlen und Wünschen sein und stets eine positive Einstellung zum Leben behalten, denn nach dem Eintritt der Seele ist das Bewusstsein für alle Arten von Informationen, die eingegeben werden, weit geöffnet. Das Programmieren des Bewusstseins beginnt mit der Eingabe von Informationen durch mütterliche Reaktionen und Sprachtraining.

Mantra und die Entwicklung übersinnlicher Wahrnehmung

Wir gehen davon aus, dass Mantras keine wörtliche Bedeutung haben. Es sind Kombinationen verschiedener Klänge oder Vibrationen, die unterschiedliche Bereiche der schlafenden Persönlichkeit stimulieren. Gebet und Mantra sind nicht das gleiche. Wenn wir ein Mantra chanten, das keinerlei emotionale Verbindung mit sich trägt, z.B. `SO HAM', so wird das eine andere Wirkung auf das Kind haben, als ein Gebet, z.B. `Oh Gott, gib mir dies, gib mir das, lasse mein Kind glücklich und erfolgreich im Leben werden.' Nichts dergleichen - es hat nicht die geringste Verbindung; nur das Geräusch des Ein- und Ausatmens. Es ist etwas ganz anderes als jedes Gebet, das wir sprechen, ob in Sanskrit, Latein, Englisch, Deutsch oder Hindi, denn mit jeder Art von Gebet gibt es eine emotionale Verbindung, die wir uns selbst schaffen.

Das Gefühl, dass `ich zu jemandem bete und dass mich jemand erhört', ist eine Verbindung, die ich selbst zwischen mir und dieser Vorstellung erzeuge. Mit einem Mantra gibt es diese Verbindung nicht, vorausgesetzt, dass keine religiöse oder philosophische Bedeutung des Mantras vorhanden ist. Das Mantra `Om Namah Shivaya' ist sehr mächtig. In dem Moment jedoch, wo du dir Shiva in göttlicher Gestalt vorstellst, wird sich das Mantra in eine Gebetsform verwandeln. Denn nun schaffst du dir selbst eine Verbindung durch den Gedanken: `Oh, ich wiederhole den Namen Shivas.' Das Mantra `Om Namo Narayanaya' wird in dem Moment zum Gebet, wo du an Vishnu denkst. Ein Mantra, mit einer Vorstellung gesprochen, wird zum Gebet; hast du aber keinerlei Vorstellung, dann wirkt es auf den Teil der Persönlichkeit, die übersinnliche Wahrnehmungsfähigkeit hat.

Bei einer werdenden Mutter, die ein Mantra chantet oder rezitiert, gedanklich oder laut, wird sich das Bewusstsein auf einen Punkt konzentrieren. Dieser Zustand der Konzentration und der Mantrawahrnehmung wird das Bewusstseinsfeld des Kindes in der Weise programmieren, dass das Erwachen übersinnlicher Fähigkeiten sehr einfach sein wird. Solche Kinder nennen wir `Psychic Child', im Westen auch als `Wassermannzeitalter' bezeichnet. Es bedeutet, dass das neugeborene Kind intuitiv und seelisch entwickelt sein wird und Meisterschaft über seine innewohnenden Fähigkeiten hat. Wenn wir das Bewusstseinsfeld des Kindes in dieser Art durch ein Mantra prägen können; wenn die Mutter sich positiv verhält, d.h. keine äußere Verwirrung zuläßt; wenn die richtige Atmosphäre da ist dann wird genau diese Atmosphäre auch der Mutter helfen, sich zu konzentrieren, sich besser zu sammeln und ihre Mitte zu finden und es wird zu einer äußeren Hilfe, um das Bewusstseinsfeld des Kindes zu beeinflussen.

Wir können nicht sagen, dass das Mantrarezitieren während der Schwangerschaft das Kind spirituell machen wird. Es ist auch nicht die Absicht, irgendjemanden spirituell zu machen. Spiritualität ist einfach ein Seinszustand, der sich natürlich und spontan offenbart. Der eine Mensch ist von Natur aus spirituell und ein anderer, auch wenn er in hohem Grade wahrnehmungsfähig, intuitiv und psychisch entwickelt ist, nicht. Spiritualität ist das Symptom einer bestimmten Gemütsverfassung und des Bewusstseinszustandes. Der Sinn des Mantrarezitierens liegt vielmehr darin, das Bewusstseinsfeld als Ganzes bereit und aufnahmefähig zu machen, so dass die sogenannten schlafenden Fähigkeiten spontan zum Vorschein kommen können. Bei uns Erwachsenen schlummern diese Fähigkeiten, während das höchstwahrscheinlich, vorausgesetzt, dass wir bereits einen Weg für die Seele geschaffen haben, beim Kind kurz nach der Geburt nicht der Fall ist. Wenn das Kind dann in einer Weise großgezogen wird, dass es ein diszipliniertes Leben führt, dann wird es sich selbst darum bemühen, sein Bewusstseinsfeld aufnahmefähig zu machen.

Ein Kind erziehen

Um weiter in dieser Richtung zu arbeiten, sollte das Kind in drei Übungen eingeführt werden, und zwar mit etwa acht Jahren, kurz vor der Pubertät, bevor die Zeitbombe im Körper losgeht. Diese drei Übungen bestehen aus: Asana, um die Explosionen steuern zu können und das Drüsen- und Hormonsystem harmonisch wachsen und arbeiten zu lassen. Pranayama, um das klare Bewusstseinsfeld nicht durch Spannungen und Situationen, die natürlich in das Bewusstsein eines Kindes eindringen, durcheinander bringen zu lassen. Mantra, so dass der Zugang für die seelische Entwicklung und das Erwachen der Fähigkeiten offen ist. Vorher ist das nicht möglich, wenn aber Asana, Pranayama und Mantra vom achten Lebensjahr an geübt werden, lässt dies eine genau ausbalancierte Aktivität des sensorischen und motorischen Nervensystems zu.

Die Erziehung - analysieren, koordinieren, in Verbindung stehen - beginnt offiziell im Alter von acht Jahren, obwohl sie natürlich schon lange vorher beginnt. An unsere eigene Erziehung, Meisterschaft über Körperfunktionen und Denkabläufe zu erlangen, gehen wir mit Ernsthaftigkeit erst später heran. Aber das Durcheinander des kindlichen Systems beginnt mit etwa acht Jahren. Erwachsene glauben, das Kind müsse auf eine bestimmte Art und Weise unterrichtet werden. Du denkst vielleicht, dass eine Stunde - davon zehn Minuten Unterricht und fünfzig Minuten kein Unterricht - eine ausreichende Entspannung für das Kind bringt, um nicht zappelig oder ängstlich zu werden. Das ist unsere Sichtweise, aber vom Standpunkt des Kindes aus gesehen, ist jede Minute des Tages Erziehung, auch wenn es nicht verbal oder akademisch geschieht.

Alles, was das Kind sieht oder wahrnimmt, alles, womit es Erfahrungen macht (auch Hunger, Durst oder Zufriedenheit), wird analysiert. Jede Kommunikation, die das Kind mit seinen Eltern hat - `Vater, ich möchte dies', `Mutter, ich möchte das', `Ich mag das nicht', - und ihre Reaktionen darauf gehören zur Erziehung. Aktion und Reaktion der Eltern - hereinkommen und sich aufs Sofa schmeißen -, ist Erziehung für das Kind. Wie der Mann mit seiner Frau, die Frau mit ihrem Mann redet - auch das ist ein Augenblick der Erziehung. Jeder Augenblick ist für das Kind ein Augenblick der Erziehung und so werden eine Menge Informationen gespeichert. In den frühen Stadien kann das Kind unwichtige Informationen noch nicht herausfiltern und wichtige festhalten, weil der Intellekt noch nicht entwickelt ist. Um eine Überladung mit Informationen zu verhindern, wird ein Mantra benutzt, so wird schon von frühem Alter an die Konzentrationsfähigkeit geschult.

Als geeignetes Mantra wird das Gayatri Mantra für die Erziehung des Kindes benutzt. Die Vorstellung, dass durch dieses Mantra eine gute und schnelle Erziehung erfolgt, ist im indischen Bewusstsein tief verwurzelt. Dazu sagt man dem Kind, dass es beim Chanten des Mantras auf die rot aufgehende Sonne schauen soll. Auch diese Anweisung liegt tief verwurzelt und hat eine Bedeutung. Die aufgehende Sonne dient als Symbol, das dem Kind die Hilfe gibt, sich zu zentrieren, sonst würde es hierhin und dorthin gucken, das Mantra nebenher aufsagen, manchmal langsam, manchmal schnell, und würde glauben, es sei egal, wie es die Übung macht.

Wir können einem Kind nicht sagen, es solle seine Augen schließen und sich jeden Tag die aufgehende Sonne vorstellen. Um Bedingungen zu schaffen, die für ein achtjähriges Kind geeignet sind, wird einem indischen Kind gesagt: `Schau, jeden Morgen musst du die Sonne aufgehen sehen. Weißt du, wie die aufgehende Sonne aussieht? Sie ist rot. Während du der aufgehenden Sonne zuschaust, wiederholst du dein Mantra 21 oder 30 oder 15 mal. Das ist die beste Art der Erziehung und du wirst den Segen der Göttin Saraswati erhalten.' (Saraswati ist die Göttin, die die Aspekte Musik und Weisheit verkörpert; Gayatri ist nur ein anderer Name für sie. Im griechischen Pantheon entspricht sie der Göttin Sophia. Anm. des Übers.)

Es ist, als wenn du vor die Nase des Esels eine Karotte hängst und ihn so dazu bringst, zu laufen, immer der Karotte nach. Es ist der Anfang zur Meditation, wird aber in einer dynamischen Art gelehrt. Das Kind braucht die Sonne nicht innerlich zu sehen, sondern außen am Horizont. Anstatt fünf Minuten zu sitzen und das Mantra zu wiederholen, und dabei in der Gegend herumzuschauen, zählt es mit Hilfe seiner Finger fünfzehn mal. Während dieser Zeitspanne ist es konzentriert. Wenn du aber dem Kind sagst, es soll sich in eine Ecke setzen und einige Male sein Mantra sagen, wird es bald anfangen, sich zu kratzen, herumzuwackeln und der ganze Affenzirkus im Kopf würde losgehen. Gute Kenntnisse der menschlichen Psychologie wurden benutzt, um Übungen zu entwickeln, die dazu beitragen, die Zerstreuung der geistigen Kräfte unter Kontrolle zu halten und die geistige Wachsamkeit und Konzentrationsfähigkeit des Kindes zu schulen.

Schlussfolgerung

Von der Schwangerschaft bis zum zehnten Lebensjahr sollte also ein bestimmtes System aufrechterhalten werden. Während der Schwangerschaft ist es für die Mutter wichtig, eine positive Einstellung und eine ausgeglichene körperliche Verfassung zu haben, so dass in ihrem Körper Klarheit herrscht. Ihre Reaktionen auf die unterschiedlichsten Situationen sollten ausgeglichen und nicht aufbrausend sein. Das Rezitieren des Mantras ist wichtig, weil sich durch die Konzentrationskraft der Mutter die seelischen oder feinsinnigen Bereiche im Bewusstseinsfeld des Kindes öffnen. Dann folgt im Alter von acht Jahren die Einführung in die drei wichtigen Übungen: Asana, empfehlenswert ist Surya Namaskara; Pranayama, empfehlenswert ist Nadi Shodhana; und das Gayatri Mantra.

Das Kind sollte nicht Asana, Pranayama und Meditation in der uns bekannten Form lernen; wir lehren es, wie es sich durch Yoga in dynamischer Weise selbst zum Ausdruck bringen kann. Wenn dieses System von der Schwangerschaft bis zum zehnten Lebensjahr aufrechterhalten wird, dann wird sich das Kind im Leben gut zurechtfinden und ein Leben voller Zuversicht, Selbstvertrauen, Leichtigkeit und Achtsamkeit führen.

(Aus: Yoga Heft Nr. 34) - 1989 in Ganga Darshan (Munger)