Yoga, Vedanta, Samkhya, Tantra

In unserem spirituellen Erleben sollten wir uns durch vier unterschiedliche Übungssysteme bewegen. Indem wir diesen vier verschiedenen Wegen folgen, lassen wir die Vorstellung von Richtig und Falsch hinter uns. Ich möchte ganz allgemein sagen, das richtig und falsch die Gesetzes-Vertreter sind, mit denen wir unser Leben handhaben. Als ich 1986 durch Hobart in Tasmanien lief, sah ich ein Schild, auf dem geschrieben stand: "Right and Wrong, Attorneys at Law" - Richtig und Falsch, Vertreter des Gesetzes. Es war aber so geschrieben: W R I G H T and W O N G , und mir war schlagartig klar, das es so richtig geschrieben war. Unsere Vertreter im Leben sind richtig und falsch, weil das ganze Spektrum des menschlichen Verstehens, das ganze Spektrum menschlichen Akzeptierens auf diesen beiden Prinzipien basiert. Entweder du akzeptierst, und was du akzeptierst ist richtig. Oder du weist zurück, und was du ablehnst ist falsch.

Es sind zwei äußerst mächtige Kräfte in unserem Verständnis für das Selbst. Anfangs halten wir sie für rein intellektuelle Konzepte, die durch Konditionierung aufgetaucht sind. Eine solche Konditionierung entsteht durch den Einfluss von Gesellschaft, Kultur, Familie, und im späteren Leben durch unsere eigenen Ideenschöpfungen. Laut Yoga ist es genau dieser Aspekt, der tiefe, innere oder spirituelle Verwirklichung blockiert.

Wir erfahren das in unserem eigenen Sadhana, werden bewusst dafür. In unserer Meditationsübung landen wir manchmal in einem äußerst kreativen, positiven, einfachen, sogar transzendentalen Bewusstseinszustand. In diesem Zustand haben wir womöglich verschiedene Einsichten, wir können uns mit unserem inneren Selbst identifizieren. Wir sehen vielleicht Engel, Halbgötter und Gottheiten; und am anderen Ende der Erfahrung sehen wir die Hölle und Dämonen und werden mit Negativität konfrontiert. In solchen Momenten neigen wir dazu, das angenehme zu bevorzugen. Wir haben vielleicht wiederholt die gleiche gute Erfahrung. In dem Moment jedoch, wenn wir ein schlechtes Erlebnis haben, schaffen wir uns selbst eine neue Konditionierung, um unsere eigene Natur zufrieden zu stellen: "Wahrscheinlich ist das nicht das Richtige für mich. Irgendwie ist das der falsche Weg." Yoga sagt uns, dass wir hier voneinander trennen müssen, uns herausbewegen müssen aus der mentalen Konditionierung von Richtig und Falsch.

Dieses Richtig und Falsch wurde in der yogischen Tradition als Anziehung und Ablehnung beschrieben. Es sagt deutlich aus, dass wir uns Vergnügen, Glücklichsein, Zufriedenheit, Befriedigung und Erfüllung wünschen, wenn etwas anziehend für uns ist. Wo wir Ablehnung begegnen, finden wir unweigerlich Schmerz, Trennung, Leid und Niedergeschlagenheit. Das beeinflusst unseren Gemütszustand, der umgeben ist von Objekten des Schmerzes und des Vergnügens, und das ist die Welt.

Dieses ist das vedantische Konzept von Yoga. Um also die innere Freiheit zu erlangen, müssen wir neben den yogischen Übungen, neben Yoga auch ein Verständnis für Sankhya, Vedanta und Tantra gewinnen. Alle vier zusammen decken die ganze Spannbreite des menschlichen Lebens ab. Yoga ist nur ein Viertel der menschlichen Entwicklung oder des Wachstums. Sankhya deckt ein weiteres Viertel ab, Tantra das dritte Viertel und Vedanta das letzte Viertel.

Sankhya

Kurz beschrieben, macht das System von Sankhya uns auf die natürlichen Kräfte aufmerksam, auf die Elementarkräfte, die die gesamte Persönlichkeit unter Kontrolle haben. Sicher hast du schon vom reinen und vom unreinen Gemüt gehört. Wir leben mit einem unreinen Gemüt, das in das Reich der Natur, das Reich von Shakti gehört, in dem Bewegung und Transformation stattfindet, wo es Veränderungen gibt, wo kein einziger Wahrnehmungszustand und kein einziger Bewusstseinszustand kontinuierlich ist. Das ist das Reich der Energie, das unreine Gemüt.

Es ist wie in der Geschichte von einem Blinden, der seine Glieder benutzen kann und einem Lahmen, der zwar nicht laufen, dafür aber seine Augen funktionsfähig hat, und die sich gegenseitig helfen, die Stadt zu durchqueren. Der Blinde trägt den Lahmen auf seinen Schultern, und der Lahme sagt dem Blinden, wo er lang gehen soll. Der Lahme ist absolut statisch, er kann sich nicht bewegen. Aber er hat eine klare Sicht, eine Vorstellung von der Richtung, in der sie sich bewegen müssen. Das ist das Bewußtsein. Der Blinde, der zwar nicht sieht, sich aber durch die Führung überallhin bewegen kann, ist die Energie. Das Reich der Energie ist also das Reich des unreinen Gemüts, und das Reich des Bewusstseins ist das des reinen Gemüts.

Auch in Kundalini Yoga begegnen wir diesem Konzept. Erwachen der Chakras, was ist das? Aufsteigen der Kundalini, was ist das? Es ist die Umkehrung der Energiemanifestation. Die Abwärtsbewegung der Energie von Sahasrara zum Muladhara Chakra ist das äußere Wachstum in die manifestierte Welt hinein. Um die Energie durch innere Bewegung zur nicht manifestierten Dimension zurück zu lenken, verläuft der Weg von Muladhara zu Sahasrara. Durch Sankhya werden wir für diesen Aspekt des Lebens aufmerksam: die Interaktion der Kräfte, die Interaktion der Tattwas, die Interaktion zwischen Gemüt und Elementen, Interaktionen zwischen den verschiedenen Komponenten des Gemüts. Diese Achtsamkeit, dieses Wissen, diese Erkenntnis ist für einen spirituellen Aspiranten wichtig.

Wenn wir uns ernsthaft bemühen, unser Leben in allen Dimensionen neu zu strukturieren und zu harmonisieren - die grobstoffliche, die sichtbare, die feinstoffliche, die kausale und die transzendente Dimension - können wir uns mit dem Wissen über Sankhya sehr viel tiefer mit den Interaktionen der Kräfte in der menschlichen Persönlichkeit vertraut machen. Mit diesem Wissen können wir dann unsere Yogaübungen bereichern. Das wird uns in die Lage versetzen, diese Kräfte so einzusetzen, dass wir Sinne und Gemüt besser kontrollieren können.

Tantra

Der dritte Aspekt ist Tantra. Kurz beschrieben ist Tantra die Beobachtung, das Erkennen und das Akzeptieren des eigenen Lebensstils. Es ist das Beobachten, das Erkennen und die Akzeptanz der eigenen Natur, der Verhaltensmuster und der mentalen Konditionierung. Hand in Hand mit größerer Erkenntnis wird sich innerlich ein System der Disziplin aufbauen, welches einem Individuum dazu verhilft, sich zu entwickeln und die Ebene des Bewusstseins ohne Ängste, ohne mentale Konflikte und ohne ein Gefühl der Unsicherheit anzuheben. Ein yogischer Aspirant sollte daher auch die tantrische Methode verstehen, damit er das Leben in seiner Ganzheit akzeptiert.

Vedanta

Der vierte Aspekt ist Vedanta. Vedanta betont das Aufblühen der universalen menschlichen Natur. Universal, Mensch und Natur sind hier die Schlüsselwörter. Ist unsere Natur auf das kleine Selbst begrenzt, beschränkt sie sich auch auf dieses kleine Selbst. Die universale menschliche Natur ist Ausdruck göttlicher Qualitäten, die das Gemüt über die Dualität hinaustragen kann. Sie gibt ein Gefühl oder eine Erfahrung der Einheit zwischen dem individuellen Bewußtsein und dem höheren Bewußtsein. Die Bewegung von Dualität zur Einheit nennt man Vedanta. Wenn wir diese vier Prinzipien einbeziehen können, könnte das Leben eine sehr schöne Erfahrung sein. Paramahamsaji liebte es stets zu sagen: "Leben ist ein blühendes Geheimnis und jedes neue Aufblühen ist wunderschön.

(Aus: On The Wings of The Swan. Part VI; YOGA Nr. 56) - von Paramahamsa Niranjanananda