Das Leben Jesu Christi in Indien, das nirgends aufgezeichnet ist

Frage: Es werden Stimmen laut, die behaupten, Jesus habe in seinen jungen Jahren einige Jahre in Indien studiert. Ist das wahr? Außerdem ist eine Ähnlichkeit zwischen der Geburt von Jesus und der Geburt von Krishna nicht abzustreiten. Ist es möglich, dass diese beiden in Wirklichkeit ein und derselbe waren?

Swamijis Antwort: Jesus und Krishna waren zwei große, göttliche Wesen, und die Mythen, die ihre Geburten beschreiben, ähneln sich sehr. Von Krishna wird erzählt, dass er in Mathura zur Welt kam, wo seine Eltern von dem gottlosen König Kamsa gefangen gehalten wurden. In der Geburtsnacht floh Vasudeva mit seinem neugeborenen Sohn Krishna über den Yamuna-Fluss nach Gokul. Der König, der in großer Angst lebte, dass dieses Kind ihn vernichten würde, ließ alle Babys in dieser Gegend töten. Diese Geschichte ist der Geburtsgeschichte Jesu, wie sie in der Bibel erzählt wird, sehr ähnlich.

Es gibt in Indien zwei Auffassungen, was die Ähnlichkeit dieser Geschichten betrifft. In der einen betrachtet man Christus und Krishna als nicht von einander verschieden. Krishna ist in vielen Orten Indiens - besonders in Bengalen und Orissa - als Kristo bekannt, und nicht als Krishna. So gibt es hier viele Menschen, die davon ausgehen, daß Christus' Geburtsgeschichte die Geschichte Krishnas ist, die von Indien in den Mittleren Osten getragen wurde; so, wie Rama's Geschichte von Indien in verschiedene Teile von Süd-Ost-Asien getragen wurde. Auch heute noch kann man in Java, Sumatra, Bali, Kambodscha, Thailand und Borneo Rama's Geschichte in der indischen Fassung hören.

Gut, dieses ist eine Theorie. Es gibt aber noch eine andere, die besagt, daß weder Krishna noch Christus wirklich geboren wurden. Von einigen alten Philosophen dieser Richtung stammt die Geschichte der individuellen Seele, dem Atman, der inneren Seele. Krishna ist die innere Seele, die sich durch diesen Körper manifestiert. Der Körper ist ein Gefängnis, in der die individuelle Seele gefangen ist, und der jeweilige Körper wird vom Willen oder den Ausdrucksformen des Bewusstseins regiert - Symbol dafür ist König Kamsa. Ich spreche hier über die verschiedenen Blickwinkel, nicht nur mit historischem sondern ebenso mit esoterischem Hintergrund. Es wäre gut, wenn sich Menschen anderer Religionszugehörigkeit auch mit dieser esoterischen Interpretation auseinandersetzen würden.

Nehmen wir an, dieser Körper ist ein Gefängnis, in dem der Atman gefangen ist. Der Körper wird vom Gemüt und dem niederen Bewußtsein geführt und regiert und erlaubt der Seele nicht, sich zu zeigen; ja, wenn immer sie einen Weg nach außen sucht, wird dieser Versuch von den niederen Tendenzen verhindert. Irgendwann im Leben kommt aber die Zeit, wo sich die Seele manifestieren muss, ob man es möchte oder nicht. Dieser Moment ist Symbol für die Geburt Krishnas. Wenn Shakti erwacht, sind die niederen Tendenzen überwunden. Krishnas Vater Vasudeva wurde gefangen gehalten. Dies ist die esoterische Interpretation, es sind nicht die geschichtlichen Ereignisse.

Und nun widmen wir uns Jesus Christus. Er war der Sohn eines Tischlers. Was ist ein Tischler? Er fertigt einen Stuhl und einen Tisch aus verschiedenen unfertigen Holzstücken. Dieser Körper ist ebenfalls aus verschiedenen Teilen gemacht, die von einem Tischler zusammen gefügt werden. Und dieser Tischler ist die Natur.

Christus ist das innere Licht, das Licht der Seele. Dieses Licht weilte unter den Juden, die die mentalen Samskaras, die Eindrücke der Vergangenheit, der verschiedenen Aberglauben, Motive und Tendenzen des Menschen, repräsentieren. Christus wanderte in ihrer Mitte und versuchte, ihnen die Wahrheit zu sagen, aber sie wollten diese Wahrheit nicht hören. So wie eine Stimme in uns sagt: Ich sollte nicht rauchen, nicht trinken usw., und die andere Seite in uns kümmert sich nicht darum. Die Juden beschimpften Christus als Hexenmeister, als Schwarzmagier; dass er ein Prophet war, wollten sie nicht sehen.

Christus ist das Licht, die lautere Begründung des Menschen, die Stimme, die deutlich sagt, wo wir einen Fehler machen. Aber wir machen uns nichts daraus, wir hören nicht hin. Schließlich wird die Seele von den weltlichen Wünschen und Motiven ganz und gar unterdrückt und geht zum Kreuze. Sie stirbt jedoch nicht, sondern steht wieder auf. Das Kreuz ist nicht der Tod, sondern symbolisiert das Erwachen von Kundalini, der spirituellen Kraft im Menschen.

Christus wurde zwar gekreuzigt, aber er starb nicht am Kreuz. In der Nacht hat man ihn mit den beiden anderen, die mit ihm gekreuzigt wurden, herunter genommen, und die Soldaten stachen ihm eine Lanze in den Körper. In der Bibel steht geschrieben: `...und das Wasser floss heraus'. Dieser Satz soll zum Ausdruck bringen, dass Christus nicht tot war, denn Wasser oder Blut fließt nicht aus einem toten Körper.

Jesus Christus war also nicht tot, als sie ihn vom Kreuz nahmen. Sie brachten seinen Körper in eine Höhle und rollten einen Felsblock vor die Öffnung. Viele Menschen bewachten die Höhle, aber Jesus' Jünger wussten sehr genau, dass er noch lebte. In der Nacht gingen sie zu ihm, verbanden seine Wunden und pflegten ihn. Am dritten Tag ging es ihm besser, und er verließ die Höhle.

Deshalb sagt man, dass Christus von den Toten auferstanden ist, aber wir können es auch so deuten, dass er sein Sinnesbewusstsein zurück erlangt hat. Später traf er Thomas, einen seiner Jünger, und folgte ihm. Thomas glaubte ihm nicht, dass er Jesus Christus sei, bis dieser ihm die Zeichen der Kreuzigung an seinem Körper zeigte. Daraufhin entstand der Glaube, dass er vom Himmel herabgestiegen sei.

Als Christus zu seinen Jüngern kam, haben ihn viele aus Angst vor Verfolgung verlassen, und so dachte er sich: `Warum soll ich meine Zeit mit diesen Menschen verschwenden? Ich habe meine eigenen Gemeinschaften in anderen Teilen des Landes.' Er verließ Jerusalem, seinen Geburtsort und kam nach Kaschmir. In der Bibel können wir nachlesen, dass dreiundzwanzig Stämme der Israelis nach Kaschmir zogen. Als er Kaschmir erreichte, starb er, weil sein Körper von der Kreuzigung zu sehr geschwächt war. In Shrinagar in Kaschmir wird bis zum heutigen Tag sein Grab gepflegt. Der Name Isho Asap steht auf dem Grabstein geschrieben. Ich habe diesen Ort selbst besucht.

Christus hat demnach das Evangelium nicht nur den Menschen von Jerusalem gepredigt, sondern auch seinem Volk in Kaschmir. Viele Ortsnamen in Kaschmir tragen gleiche Namen, wie die um Jerusalem herum, z.B. Palästina oder Galiläa. Von Kaschmir aus gingen einige seiner Jünger - Johannes, Thomas und andere - entlang der Westküste Indiens gen Süden. In Malhatad steht die älteste Kirche der Welt, die von Jesu Jüngern erbaut wurde. Das erste Evangelium kam erst im dritten oder vierten Jahrhundert nach Indien, aber die urchristliche Lehre wurde zuerst in Indien gepredigt, dann ging sie in die Welt. Das ist meine Überzeugung.

Frage: Glaubst du, dass man Shiva vom esoterischen Gesichtspunkt aus auch als Retter betrachten kann, so wie Christus und Krishna? Von ihm wird gesagt, dass er das Gift trank, um die Welt zu retten.

Swamijis Antwort: Ja, aus esoterischer Sicht kann man die drei miteinander vergleichen. Das Christusbewusstsein, das Krishnabewusstsein und das Shivabewusstsein sind die höheren Energieströme, die sich im Menschen entwickeln. Aus diesem Grund sind die Charakteristika sehr ähnlich. Christus starb für die Sünden der Menschheit, und Shiva trank alles Gift, um die Menschheit zu retten.

Frage: Was geschah, als Jesus ein junger Mann war? Kam er nach Indien?

Swamijis Antwort: In zwei indischen Schriften finden wir deutliche Hinweise auf Jesus. Das eine sind alte Aufzeichnungen der Nalanda Universität, 100 Meilen von Munger entfernt. In ihrer Blütezeit studierten dort eintausend Studenten. Die Universität hatte eine stattliche Bibliothek mit Tausenden von Texten, die zuerst von Bhaktiyar Khiji, einem der großen Einwanderer, und später von den Hindus vollkommen zerstört wurde. Zweimal wurde die Bibliothek in Brand gesetzt und unzählige alte Texte gingen verloren.

In den Universitätsaufzeichnungen von Nalanda existiert der Hinweis auf einen Mann aus Palästina, der Sohn von Maria und einem Tischler, von seinem Volk nicht sehr geliebt, von großer Statur und einem Bart. Hier steht außerdem: `Unter den tausend Studenten ist er wirklich herausragend.' Ein anderes Mal wird er in alten Aufzeichnungen aus Nepal erwähnt. Hier wird von einem Studenten aus Nalanda mit seinem Namen gesprochen, der Nepal besuchte und dort mit vielen Pandits zusammentraf. Außerdem gibt es einen Hinweis darauf, dass Christus drei Jahre in Benares gelebt hat. Zusammengerechnet ergibt das dreizehn Jahre, in denen Christus in Indien gelebt hat. In der Bibel fehlen diese dreizehn Jahre. Wo sind sie? Indien hat die Antwort.

Frage: In der Bibel wird gesagt, daß über diese Jahre nichts bekannt ist.

Swamijis Antwort: Ja, aber in Indien wusste man von diesem großen Mann schon vor seiner Geburt. Indische Astrologen haben seine Sterne beobachtet; sie sagten voraus, dass er ein großer Prophet werden würde. Als Jesus zur Welt kam, reisten vier weise Männer aus dem Osten zu ihm, indem sie einem Stern folgten. Sie folgten nicht irgendeinem hellen Stern, sondern dem Stern seines Horoskops. Sie suchten nach dem Platz, wo der Prophet geboren wurde, fanden ihn und kamen wieder zurück. Dieses Ereignis wird in den Schriften erwähnt.

Nun, ich komme jetzt zu der Philosophie Jesu Christi. Ich möchte sie eine Kombination von der buddhistischen Ethik und dem hinduistischen Bhakti nennen. Bhakti ist Gottesliebe, Selbsthingabe - `Es wird geschehen'. Das war seine Lehre. Christus predigte ethische Grundsätze, die denen von Buddha sehr ähnlich waren. Als Christus nach Nalanda kam, war er von der buddhistischen Ethik sehr beeindruckt, aber er sah auch ihre Unvollkommenheit. Es fehlte das Gottvertrauen. Er nahm sich vor, zu seinem Volk zurückzugehen und die ethischen Grundsätze des Buddhismus vereint mit Gottvertrauen zu lehren. Das war die Essenz der Bergpredigt.

Was ich hiermit sagen möchte, ist folgendes: Christi Philosophie war eine geglückte Verbindung von hinduistischem Vertrauen und buddhistischer Ethik, denen er in Nalanda, in Varanasi und in Nepal begegnete. In Nepal sind Hinduismus und Buddhismus zu einer einheitlichen Kultur verschmolzen. Varanasi (Benares) ist der Mittelpunkt des Hinduismus und Nalanda der Mittelpunkt des Buddhismus. Christus studierte an diesen drei Plätzen, er lernte drei verschiedene Philosophien, die er später miteinander verband.

Es ist sicher, dass Christus geboren wurde und von Anfang an einen großen Auftrag in sich trug. Aber die Atmosphäre in seiner Heimat war für diesen Auftrag nicht sehr förderlich, deshalb ging er nach Indien, dem Land der spirituellen Kultur. So wie wir nach Amerika oder Deutschland gehen, um technisches Training zu erhalten, so kam Christus hierher nach Nalanda, nach Benares und nach Nepal. Erleuchtet kehrte er dann zurück. Er beherrschte Pranayama, und er muss ein Hatha Yogi gewesen sein. Er hatte psychische Kräfte, denn er konnte Lazarus vom Tode erwecken und heilte viele Menschen; er konnte über Wasser laufen.

Christus kehrte nach Jerusalem zurück und predigte, was er gelernt hatte, aber die Menschen dort verstanden ihn nicht und kreuzigten ihn. Er überlebte, kam nach Kaschmir und wollte vielleicht nach Indien kommen, starb aber auf dem Weg in Kaschmir. Das ist unsere Überzeugung in Indien. Es ist wahrscheinlich nicht das, was ihr im Westen glaubt.

Frage: Ich glaube, wir sind gezwungen, unseren Glauben zu überprüfen. Im Westen betrachten wir viele von Jesu Taten als Wunder, während sie in Yoga alle erklärbar sind.

Swamijis Antwort: Ja, das ist richtig. Für jemanden, der mit einem ganz bestimmten Ziel hierher gekommen ist, ist es nichts Außergewöhnliches, Wunder zu vollbringen. Krishna hat Wunder vollbracht und Christus ebenso. In unserer heutigen Zeit ist Sai Baba dafür bekannt, Wunder zu vollbringen. Swami Nityananda, ein Kundalini Yogi, der vor einigen Jahren starb, gehörte auch zu ihnen. Er verhielt sich wie ein Verrückter. Er lebte unter einem Baum - ein Haus hatte er nicht - und war umgeben von Tigern, die still an seiner Seite lagen wie Schoßhunde. So verschreckte er viele Menschen, die gern zu ihm gekommen wären.

Swami Sivananda hatte ebenfalls außergewöhnliche Kräfte, Gott allein weiß, wie groß sie waren. Wie Jesus Christus wusch und ölte er die Füße von kranken Menschen, er pflegte Leprakranke und Behinderte in seinem eigenen Krankenhaus.

In Indien kennen wir diese großen Mahatmas und Heiligen - es gibt noch andere - und verehren sie. Aus diesem Grunde können wir die Geschichten über Jesus' Wunderkräfte ohne weiteres akzeptieren. Vielleicht hat er noch viel mehr vollbracht, wir wissen es nicht.

(Aus: Teachings of Swami Satyananda Saraswati (1987) - Yoga Heft Nr. 20)