10 Schlüssel zur Erneuerung

Die hier formulierten zehn Schlüssel sollten nicht moralisch gewertet werden. Es sind Vorschläge, wie Du bewusst Deine Lebensgewohnheiten gegenüber den Lebenssituationen verändern kannst. Mit ihrer Hilfe kannst Du Dich so weit entspannen, dass Du durch Meditationspraxis irgendwann beginnst, in Deine Gedanken hineinzutauchen und die tieferen negativen Aspekte aus Deiner mentalen Natur herausreißt. Diese Schlüssel beabsichtigen nicht, Deinen Lebensstil zu verändern, und Du solltest sie Dir nicht ununterbrochen aufzwingen. Wenn Du Dich in Deinem täglichen Leben gelegentlich an sie erinnerst, wird ihre Anwesenheit Dir von innen her helfen, aus der Tiefe Deiner unterbewussten 'Gewohnheits-Zentren'.

Erster Schlüssel

Bemühe Dich, einen Anfang zu machen, andere Menschen voll zu akzeptieren. Versuche nicht, sie bloß als Objekte zu sehen, die Du für Deine eigene Befriedigung benutzen kannst. Versuche, zu verstehen, dass sie ebenfalls in Übereinstimmung mit ihrer tief liegenden Konditionierung handeln. Was Du in ihnen siehst, ist nur eine äußere Offenbarung ihres mentalen Programms. In diesem Sinne gibt es keinen Unterschied zu Dir, außer, dass ihr Programm ein bisschen anders ist. Du kennst heute die Abhängigkeit Deiner Bewusstseinskonditionierung; der andere hat das vielleicht noch nicht realisiert. Wenn Du andere besser akzeptieren kannst, werden sie Dich ebenso akzeptieren. Lach über Dich selbst, über Dein Benehmen und über Deine Mätzchen.

Zweiter Schlüssel

Akzeptiere Dich selbst! Wisse, dass Deine Handlungen das Ergebnis Deiner Gedanken sind. Darum mach Dir keine Sorgen über Deine Unzulänglichkeiten und Probleme. Akzeptiere Deine Grenzen. Aber fühl zur gleichen Zeit die Notwendigkeit, Dein Bewusstsein von seinen Konflikten zu befreien. Es ist unsere Unfähigkeit, uns selbst zu akzeptieren, was uns so viele Schmerzen im Leben bereitet.

Dritter Schlüssel

Beobachte Dein Verhalten zu den Menschen um Dich herum und zu Deiner Umwelt. Erkenne, wie unzufrieden das Verhaftetsein an äußere Dinge Dich macht. Versuche, Deine Bedürfnisse zu reduzieren, um mit den äußeren Dingen zufrieden zu sein. Das bedeutet nicht, alle äußeren Reize zu meiden, denn das Ergebnis wäre Verdrängung, und das schadet mehr als das es nützt. Es bedeutet, dass Du Dein Leben so weiter führen solltest wie bisher, aber wenn Du etwas nicht bekommst, was Du gern haben möchtest, solltest Du dies mit einem Schulterzucken und mit Unbeschwertheit akzeptieren.

Vierter Schlüssel

Geh auf Suche nach Deinen stärksten Bedürfnissen, Wünschen, Begierden, Bindungen usw. Sei so kritisch wie irgend möglich. Eine gute Methode, Deine Bindungen zu entlarven, ist es, den Grund Deines augenblicklichen Ärgers oder Deines momentanen Unglücklichseins bis an den Ursprung zurückzuverfolgen, und dort wirst Du die emotionale und gedankliche Einstellung finden, die diese Störung verursacht hat. Beobachte ganz besonders, wie Du auf Menschen reagierst, die Du nicht leiden kannst oder mit denen Du nicht klar kommst. Diese Menschen können Dir dabei helfen, Deine seelischen Schwierigkeiten zu erkennen und dann zu entfernen. Betrachte die ganze Welt und alle Menschen als Deinen Lehrer.

Fünfter Schlüssel

Versuche, im Hier und Jetzt zu leben. Lebe nicht in der Vergangenheit, indem Du Dir Sorgen machst über das, was schon geschehen ist, oder indem Du Dir freudige Ereignisse in Erinnerung holst. Nimm die Zukunft nicht vorweg. Du kannst Pläne machen, aber sieh die Pläne als einen Teil des Jetzt, nicht als einen Zukunftsplan. Versuche, jeden Moment, diesen augenblicklichen Moment voll zu leben, indem Du Deine ganze Aufmerksamkeit ins Jetzt gibst. Auf diese Art wirst Du beginnen, Dein Leben voll zu leben. Was immer Du tust, baden, essen, saubermachen oder Deinen Lebensunterhalt verdienen – versuche, nicht ans Ende zu denken. Freu Dich über alles, was Du tust in dem Moment, wenn Du es tust. Versuche Dich darüber zu freuen, dass Du existierst und das kannst Du durch jede Deiner Handlungen zum Ausdruck bringen.

Sechster Schlüssel

Identifiziere Dich nicht total mit deinen Handlungen, Deinem Körper oder Deinen Gedanken. Wenn Du also versuchst, Deine Gedanken zu ändern, so ist das nur ein Teil von Dir. Es ist nicht Dein ganzes Bewusstsein – der Zeuge, der alles, was in Deinem Leben geschieht, sehen kann. Die meisten Menschen identifizieren sich mit ihrem Körper und ihren Gedanken. Wir ignorieren das Bewusstsein, und das liegt hinter allem, was wir tun. Wenn wir unsere Gedanken und unseren Körper reinigen, können wir uns selbst mit dem darunter liegenden Bewusstsein sehen und identifizieren.

Siebter Schlüssel

Versuche, Dich Menschen gegenüber mehr zu öffnen. Drücke so weit wie möglich Deine wahren Gefühle aus. Wenn wir versuchen, etwas zu sein, was wir nicht sind, wenn wir versuchen, auf Menschen Eindruck zu machen, und wenn wir unsere inneren Gefühle vor anderen verbergen, entsteht sofort eine Spannung im Gemüt. Diese Spannung verstrickt uns tiefer in das Gefühl: Ich allein gegen die ganze Welt. Bedenke, dass selbst ein gänzlich unsensibler Mensch bis zu einem gewissen Grad entdecken kann, wenn Du etwas verbirgst oder wenn Du Schuldgefühle hast, denn es ist möglich, dass er dasselbe Schuldgefühl versteckt oder früher einmal versteckt hat.

Achter Schlüssel

Denk immer daran, dass jeder in der Lage ist, zu höherem Bewusstsein zu gelangen. Das jetzige Verhalten eines anderen Dir oder seiner Umgebung gegenüber ist von der gedanklichen Programmierung geprägt. Seine augenblickliche Art zu leben ist vorübergehend und wird sich verändern und wird in dem Moment harmonischer werden, wenn er beginnt, sich selbst und seine Gedanken zu verstehen. Jeder von uns hat unerkannte Anlagen, die nur angestoßen werden müssen. Versuche, diese Anlagen in jedem Menschen zu sehen, ganz egal, wie schwer das auch sein mag.

Neunter Schlüssel

Vermeide keine schwierigen Situationen. Normalerweise gestalten wir unser Leben so, dass wir mit Menschen, die wir nicht mögen, so wenig wie möglich zusammen kommen. Wir suchen uns Menschen und Situationen, die gefühlsmäßig mit uns übereinstimmen. Und das trägt dazu bei, unsere Vorurteile zu verstärken und zu befriedigen. Betrachte schwierige Situationen und Feinde als Deine größten Lehrer. Sie sind es, die uns am deutlichsten zeigen, wie unser gedankliches Programm arbeitet. Es sind unsere Feinde, die unsere emotionalen Konflikte und Vorurteile an die Oberfläche bringen. Nur sehr wenige sind sich ihrer eigenen Programmierung und Konditionierung bewusst. Wenn wir dies erkennen, können wir beginnen, damit umzugehen.

Zehnter Schlüssel

Versuche Dich in andere Menschen hineinzudenken. Anstatt blind in einer Weise zu reagieren, auf die Du programmiert bist, versuche, die Blickweise des anderen zu sehen. Als Beispiel: Jemand lässt die Tür offen und Du ärgerst Dich darüber. Anstatt Dich zu ärgern, frag, warum er die Tür offen ließ. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er an etwas ganz anderes gedacht. Vielleicht ist es ein Teil seines gedanklichen Programms, Türen offen zu lassen; es kann ja sein, dass er in einem Haus groß geworden ist, das keine Türen hatte. Ebenso ist es Deine Programmierung, ärgerlich zu werden, wenn jemand Türen offen lässt. Denk daran, dass Deine Reaktion rein automatisch ist. Versuche, Deine Reaktion zu verändern, so dass offengelassene Türen Dich nicht aus der Fassung bringen. Wende das auf andere Situationen in Deinem Leben an.

Extra-Schlüssel mit besonderer Wirkung

Führe ein spirituelles Tagebuch. Dazu sagt Swami Sivananda: 'Ein spirituelles Tagebuch zu führen ist ein unerlässliches Hilfsmittel von überragender Bedeutung. Wer sich schon daran gewöhnt hat, kennt die unschätzbaren Vorteile. Ein Tagebuch ist eine Peitsche, die den Geist zu Gott treibt. Es zeigt den Weg zu Freiheit und ewiger Seligkeit. Es ist dein bester Freund, der dir die Augen öffnet und dir dabei hilft, alle schlechten Eigenschaften zu entlarven und umzuwandeln. In deinem Hirn versteckt sich ein schlimmer Dieb. Er hat dir deine Atmaperle gestohlen und gibt dir dafür ungeheure Schwierigkeiten und Kümmernisse. Er täuscht dich. Dieser Dieb ist dein Verstand. Du darfst nicht milde gegen ihn sein. Nichts kann seine trickreichen Spiele besser entlarven, als dieses Tagebuch. Du solltest keinerlei unrichtige Angaben eintragen, denn du hast den Pfad der Wahrheit betreten und schreibst nur zu deinem persönlichen Vorteil auf. Gib dir deine Fehler offen zu und unterlasse keine Eintragung.'

Du solltest jeden Tag die gleichen Fragen beantworten; zwei Fragen sind am Anfang genug:

  1. Wie oft habe ich mich über andere geärgert?
  2. Wie oft habe ich mich über mich selbst geärgert?

(Aus: Auszüge aus dem Buch Yoga and Kriya, erschienen in der Bihar School of Yoga; YOGA Heft Nr. 7) - Dr. Swami Vivekananda Saraswati