Shiva und Shakti als Symbol

Die Verehrung von Shiva ist heutzutage auf Indien begrenzt, aber diese Tradition war früher überall in der Welt bekannt. Lange, bevor sich das Christentum entwickelte, gab es Rituale der Verehrung Shivas in vielen Ländern in Ost und West – die Verehrung eines oval geformten Steines. Archäologische Ausgrabungen in Mexiko und anderen Gebieten von Lateinamerika haben mehr Licht auf dieses alte Ritual geworfen. Auch bei den Moslems findet man diesen oval geformten Stein.

Höchstes Bewusstsein ist die wörtliche Bedeutung von Shiva, aber es gibt darüber hinaus viele andere Ausdrucksformen, z.B. Purusha als Ausgangspunkt der Schöpfung. Das, was der Natur der Schöpfung zugrunde liegt, basiert auf zwei Prinzipien. Das eine ist Shiva - reines, unwandelbares Bewusstsein; das andere ist Shakti - ewige Fortentwicklung durch Bewegung. Durch die Verbindung von Shiva und Shakti ist das Universum, ist Schöpfung möglich.

Wenn du Yoga machst und dich über Körper und Intellekt hinausbewegst, wirst du bestimmte innere Erfahrungen machen. Oft zeigt sich das höchste Bewusstsein in Form von Lichtsäulen, die viele große Yogis gesehen haben. Natürlich macht nicht jeder die gleichen Erfahrungen; es kann z.B. auch eine Rauchsäule sein, oder eine Lichtsäule mit Rauch durchzogen. Manchmal ist die Form oval, manchmal rund. Dieses Erleuchtungserlebnis, das von vielen Yogis beschrieben worden ist, nennen wir Shiva.

Symbole des höheren Selbst

Ein Symbol des höheren Selbst ist der Shivalingam. Das Sanskritwort Lingam hat zwei verschiedene Bedeutungen. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist Lingam gleichbedeutend mit dem männlichen Geschlechtsorgan, aber aus philosophischer Sicht bezieht er sich auf den Kausalkörper, den Urgrund. Durch diese Doppelbedeutung wird Shivalingam oft missverstanden. In vielen von westlichen Gelehrten geschriebenen Büchern wird der Shivalingam als `Der Phallus von Shiva' definiert. Das ist jedoch bei weitem nicht seine Bedeutung. Der Shivalingam ist das Symbol des höheren Bewusstseins. Lingam ist ein okkultes Symbol.

Haben Gedanken und Emotionen eine Form? Künstler haben versucht, Emotionen durch ihre Kunst zum Ausdruck zu bringen. Wie kannst du Angst, Liebe, Haß oder Ekstase so ausdrücken, dass ein anderer es tatsächlich erfährt? Haben sie eine Form oder sind sie formlos? Tatsächlich haben sie eine Form, aber sie sind nicht für jeden als solche wahrnehmbar. Deshalb werden sie in Symbolen dargestellt, und nur durch sie kannst du begreifen, was Angst, Hass, Liebe usw. wirklich ist.

Was für eine Form hat dein höheres Selbst? Wenn du ein wenig über dein normales Bewusstsein hinausgehst, wie sieht die Form deines Bewusstseins dann aus? Wenn du in tiefer Meditation bist und alles um dich herum vergessen hast, welche Form hat dann dein Bewusstsein? Es ist so schwer, es zu beschreiben, und deshalb musst du die Symbolsprache benutzen.

Von Muladhara zu Sahasrara

In den in Kundalini Yoga verwendeten Symbolen finden wir den Shivalingam in drei unterschiedlichen Farben, welche die drei Stufen der Reinigung, der Fortentwicklung repräsentieren - trüb, konsolidiert und erleuchtet. Zum Muladhara Chakra gehört ein rauchiger Lingam, seine Bezeichnung ist Dhumra Lingam. Zum Ajna Chakra gehört ein schwarzer Lingam, der Itarakhya Lingam. Zum Sahasrara Chakra gehört der strahlende Jyotir Lingam.

Wenn sich jemand konzentriert, dessen Bewusstsein noch nicht besonders entwickelt ist, sieht er den Shivalingam vielleicht in Form einer rauchigen Säule. Er kommt und verschwindet wieder, ist nicht festzuhalten. In tieferer Konzentration, wenn die Ruhelosigkeit überwunden ist, wird der Lingam schwarz. In tiefer, andauernder Konzentration tritt der Jyotir Lingam in Erscheinung, das erleuchtete astrale Bewusstsein. So können wir verstehen, warum der schwarze Lingam im Ajna Chakra der Schlüssel zur größeren, spirituellen Dimension des Lebens ist.

Shivas menschliche Form

So wie der Shivalingam ist auch Shiva als Person Symbol für das höhere Selbst im Menschen. Er erscheint in menschlicher Form - als vollkommener Sannyasin, mit einer Tierhaut bekleidet in der Wildnis lebend, im Lotussitz in tiefer Meditation, in Samadhi verweilend. Sein Körper ist mit Asche beschmiert, keine normale Asche, sondern Asche aus verbrannten Körpern. Dies ist Symbol der Läuterung von weltlichen Wünschen durch das Feuer, durch Tapas, das ist Askese oder das Schüren des inneren Feuers. Arme, Hals und Schultern sind von zischenden Schlangen umgarnt, ein Ausdruck für die Kraft von Kundalini. Im verfilzten Haar auf seiner linken Kopfseite sieht man den aufsteigenden Mond, Symbol für Ida Nadi. Auf der rechten Seite seines Kopfes sieht man den Ganges, der mit großer Kraft herabstürzt; symbolischer Ausdruck für Pingala Nadi. Vor ihm liegt eine in ihren Panzer verkrochene Schildkröte als Symbol für das nach innen gezogene Bewusstsein, für den Yogi, der auf sein spirituelles Leben, sein inneres Sein, seinen Mittelpunkt konzentriert ist.

Das alles sind symbolische Ausdrucksformen des höheren Bewusstseins, das durch tiefe Meditation erreicht wird. Wenn sich dein Körperbewusstsein, das Wissen deiner Gedanken, von Materie, Name und Form zurückgezogen hat, entsteht das, was Shiva genannt wird.

Die drei Festungen

Es gibt zwei andere, sehr wichtige Symbole, die mit Shiva verbunden sind - der Dreizack und die Trommel. Das Sanskritwort für Dreizack ist Trishula, für die Trommel Damaru. Diese beiden Symbole sind eng mit den spirituellen Übungen eines Yogi verknüpft.

Der Mensch besteht aus drei Körpern, dem grobstofflichen, dem astralen und dem ursächlichen Körper. Sie sind vergleichbar mit drei Festungen, eine aus Stahl, die andere aus Silber und die dritte aus Gold. Dahinter liegt das, was du greifen musst.

Wenn du dich mit deinem wahren Sein vereinen willst, musst du diese drei unbezwingbaren Festungen durchdringen. Wie du weißt, ist es sehr schwer, über das Körperbewusstsein hinauszugehen; das gleiche gilt für die Gedanken und die Emotionen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass wir zu dieser Transzendenz nicht in der Lage sind und gleichzeitig die Sehnsucht nach dem Unendlichen verspüren. Der Yogi begibt sich auf den Weg, diese drei Festungen zu bezwingen, um zu seinem innersten Wesen zu gelangen.

Diese Festungen, die Symbol für das Körper-, das Gedanken und das Ichbewusstsein (Ego) sind, haben verschiedene Tiefen und stehen in Verbindung zu den drei Gunas, den verschiedenen Eigenschaften der Natur: Sattva, Rajas und Tamas. Die Gunas können den drei Festungen zugeordnet werden. Auf ganz grobstofflicher Ebene ist es der Schlaf, der Tamas symbolisiert, die Meditation symbolisiert Sattva und das aktive Leben symbolisiert Rajas. Wenn der Geist aktiv ist, voller Wünsche, Ambitionen, Leidenschaften, Erfüllung bringendem und Frustrationen, dann ist das die Bezeichnung für Rajas. Tamas ist Ausdruck für Faulheit, Trägheit, Lethargie, Inaktivität. Wenn du die Sinnlosigkeit des gewöhnlichen Lebens erkannt hast, wenn dich nichts aus der Ruhe bringt, egal in welchen Lebensumständen du dich befindest, ist der sattvische Zustand, die Harmonie, erreicht. Der Dreizack - Trishula - ist Symbol für diese drei Ebenen der Natur in Bezug auf die drei Körper.

Der Klang der Trommel

Durch meditative Übungen wirst du irgendwann in einen Zustand kommen, wo du innere Klänge wahrnimmst. Es ist eine Vielzahl von Klängen, und sie werden ausführlich in Nada Yoga erklärt. Nada Yoga ist eine Erfahrungsebene, durch die jeder Übende irgendwann hindurchgehen muss. Die Klänge, die du dann wahrnimmst, nennt man Nada, die innere Melodie, die innere Stimme, die innere Musik.

Yogis und Mystiker haben über diese Erfahrung gesprochen, über die mystischen Klänge, die in tiefer Meditation gehört werden. Die Flöte wird erwähnt, das Singen eines Vogels, Donnerschläge u.a. In verschiedenen Schriften kann man ihre Erfahrungen in Form von Liedern und Hymnen finden.

Shivas Trommel symbolisiert diesen Aspekt der Erfahrung. Auf einer bestimmten Stufe der Meditation kann man den Schlag dieser kleinen Trommel mit dem Namen Damaru hören. Es ist ein Zeichen dafür, dass sich das Bewusstsein vom Vergänglichen ins Unendliche hineinbewegt. Der Shivalingam, der Dreizack und die Trommel sind also nicht einfach nur Äußerlichkeiten; sie sind symbolische Ausdrucksformen der tieferen Natur, der Wirklichkeit.

Shaivismus

In Indien ist Shiva sehr populär. Es gibt eine philosophische Richtung mit dem Namen Shaivismus, wo diese Symbole eine besondere Rolle spielen. Diese Tradition findet man ganz besonders in Kashmir und Südindien. Es gibt Hunderte von Büchern, die diese Philosophie und ihre Symbolik beschreiben.

Die Shaiviten glauben, dass durch die Verehrung von Shiva am leichtesten die Wirklichkeit erkannt werden kann. Zu dem Shaivismus gehören zwölf wichtige Plätze. Einer davon mit dem Namen Pashupatinath ist in Kathmandu. Pashu bedeutet Tier und Pati bedeutet Meister; es ist die symbolische Bedeutung für den Yogi, der seine animalische Seite beherrscht.

Ein weiterer Platz befindet sich in Südindien, in Rameshwaram. Der wohl wichtigste Platz befindet sich in Bihar, neunzig Meilen von Munger entfernt, in Baidyanath. Diesen Ort nennen die Inder `criminal court of Lord Shiva'. Weißt du, was ein Gerichtshof ist? Es ist ein Platz, wo jede Art von Problemen sehr schnell gelöst wird.

Wenn du zufällig in den Monaten Juli/August in Bihar bist, kannst du erleben, wie sich Tausende auf einer ganz bestimmten Pilgerreise befinden. Alle sind in orange gekleidet - Bauern, Reiche, Arme, Kranke, selbst der Maharaj von Nepal - , sie wandern zu Fuß zum Ganges, holen von dort etwas Gangeswasser und tragen es zum Tempel von Baidyanath. Dort schütten sie es über den Shivalingam und berühren ihn. Der Shivalingam ist inzwischen schon fast flach, weil ihm so viele Menschen seit Jahrtausenden ihre Verehrung darbringen. Man mag daraus ersehen, wie populär Shiva in Indien ist.

Die Erleuchtung der inneren Dunkelheit

Obwohl es natürlich unzählige Shivatempel in Indien gibt, sind zwölf von besonderer Bedeutung. Lingams, die in diesen Tempeln errichtet sind, nennt man nicht Shivalingam, sondern Jyotir Lingam. Jyotir bedeutet Licht, das Gegenteil von Dunkelheit. Was ist Dunkelheit? Wenn du nichts siehst, wenn du nichts erkennen kannst, wenn Farben und Entfernungen sich auflösen und du nichts voneinander unterscheiden kannst. In dem Moment, wenn das Licht kommt, kannst du alles erkennen.

Der Mensch befindet sich in der Dunkelheit. Er weiß nicht, was sich über dieser Ebene der Existenz, der weltlichen Erfahrung, befindet. Vielleicht weiß er ein wenig über Träume, trotzdem ist er sich dessen nicht bewusst, dass es noch andere, größere Wahrnehmungsebenen geben könnte, oder gar, dass er sie betreten kann. Das Innere des Menschen liegt im Dunkeln. Wenn du deine Augen schließt, was siehst du dann? Nichts. Gelegentlich vielleicht, wenn du ein Mantra bewegst, taucht etwas auf, vergleichbar mit einer Kinoleinwand oder einem Fernsehschirm; die meisten sehen nichts.

Wenn du ärgerlich bist, weißt du, dass du ärgerlich bist, kannst es aber nicht sehen. Wenn du Angst hast, weißt du zwar, dass du Angst hast, weißt aber nicht genau, wovor du Angst hast, weil Dunkelheit herrscht. Wenn das Licht darauf scheinen würde, könntest du Angst, Liebe und Hass, ja einfach alles sehen. Oft wissen die Menschen nicht, was sich in ihrem Bewusstsein befindet, weil sie einfach nichts sehen können.

Das Licht muss kommen, die Erleuchtung. Mit der Erleuchtung beginnst du, wirklich zu sehen. Du kannst deine animalische und deine spirituelle Seite in dir sehen; du siehst deine mentalen Probleme, deine Verdrängungen, Unterdrückungen und Bedrängungen: all die subjektiven Dinge, die du vorher nicht sehen konntest. Das ist aber erst mit der Erleuchtung möglich. Das Licht wird immer größer und du siehst immer mehr. Du siehst nun und denkst nicht nur.

So kann auch die höhere Erfahrung gesehen werden und die zwölf Jyotir Lingams symbolisieren den erleuchteten Zustand im Menschen. Diese Lingams befinden sich an verschiedenen Plätzen in Indien, das ganze Jahr über werden sie von den Menschen aufgesucht.

Das Innere eines Shiva Tempels

Der Vorhof des Tempels kann sehr weiträumig sein, aber der Tempel selbst ist mit bestimmten Requisiten angehäuft. Wenn man den Tempel betritt, steht man zuerst vor einem Stier. Er wird Nandi genannt und ist Ausdruck für das übergroße Ego in der menschlichen Persönlichkeit. Vielleicht hast du schon mal ein Bild von Shiva gesehen; er reitet immer auf einem Stier, es ist sein Vehikel. Der Stier reitet nicht auf Shiva, sondern Shiva auf dem Stier. Bei den meisten Menschen ist es der Stier, der auf uns reitet.

Der Stier ist außerdem Symbol für unsere erste Begegnung mit uns selbst. Wenn du dich nach innen bewegen willst, musst du dich zuerst dem Animalischen in dir stellen, den Instinkten, die in dir ruhen. Ein Tier ist nicht nur einfach eine Eule, eine Ziege, ein Reh oder ein Pferd; es ist Ausdruck für die niederen Instinkte des Bewusstseins.

In der Mitte des Tempels findest du einen Shivalingam, einen oval geformten Stein. Die meisten dieser ovalen Steine kommen aus dem Flussbett des Narmada, der mitten durch Indien fließt und im Arabischen Meer mündet. Ich weiß nicht, wie die Form der Steine zustande kommt. Lingams, die in den Shiva Tempeln anzutreffen sind, kommen ausschließlich von diesem Fluss, dem Narmada River.

Die zwölf Jyotir Lingams, von denen ich gesprochen habe, kommen nicht vom Narmada River. Zwischen diesen beiden Lingams wird eine deutliche Unterscheidung getroffen. Der Narmadeshwara Lingam ist der, der vom Narmada River kommt. Der andere ist der Swayambhu (aus sich heraus geborene) Lingam, weil er dort, wo er jetzt steht, auch entsprungen ist. Man hat diese Lingams nicht von ihrem Ursprungsplatz entfernt, sondern hat einen Tempel um sie herum gebaut. Die Narmadeshwara Lingams wurden feierlich zu einem bestimmten Tempel gebracht und dort aufgestellt.

Der Shivalingam steht auf einer Plattform, darüber hängt ein mit Wasser gefülltes kupfernes Gefäß. Aus einem kleinen Loch in dem Gefäß tropft ununterbrochen Wasser auf den Shivalingam, Tag und Nacht. Diese kleine Wassermenge, die aus dem Gefäß tropft, symbolisiert den niemals endenden Nektar, der menschliches Leben ermöglicht. Auf höherer Ebene wirst du dir dessen bewusst und das macht dich unsterblich.

Shivaratri: Die Vereinigung von Shiva und Parvati

Einmal im Jahr ist für alle Shiva-Anhänger ein besonderer Tag: Shivaratri. Die Bedeutung von Shiva habe ich erklärt; Ratri bedeutet Nacht. Shivaratri nennt man auch die dunkle Nacht der Seele. Die Legende von Shivaratri ist schön und sehr tiefgründig.

Lord Shiva war mit Parvati, der Tochter des Königs vom Himalaya, verlobt. Sein Königreich liegt hoch oben in den majestätischen Berggipfeln, die immer mit Schnee bedeckt sind. Für die Hochzeit wurde ein bestimmter Tag festgelegt. Bei Hochzeiten ist es in Indien üblich, dass der junge Mann mit der Hochzeitsgesellschaft die Braut zuhause abholt und sie zum Platz der Zeremonie geleitet. Shiva ging also mit Kind und Kegel zu Parvatis schneebedecktem Königreich, wo alle Vorbereitungen für einen würdigen Empfang getroffen wurden. Es war eine wunderschöne Stadt mit wunderschönen Menschen, und jeder freute sich auf die Ankunft des Bräutigams mit seinem Anhang. Besonders glücklich waren die kleinen Kinder, denn für sie ist eine indische Hochzeitszeremonie sehr aufregend.

Schließlich war Shiva mit seinen Gesellen in Sicht und die Kinder liefen ihm aufgeregt und ängstlich entgegen. Als sie ihn und seine Leute erblickten, bekamen sie einen furchtbaren Schreck. Einige wurden auf der Stelle ohnmächtig, andere machten schreckliche Verrenkungen, der Rest rannte davon. Die Frauen, die auf Balkonen warteten und zuschauten, waren ebenfalls schockiert, denn Shiva ritt auf einem riesigen Stier, in jeder Hand eine Kobra, sein ganzer Körper war mit Asche beschmiert. Es folgte ihm eine ganze Prozession von Gespenstern und Dämonen. Einige hatten ihren Mund im Bauch, einige hatten nur ein Bein, andere drei. Sie alle waren Auswüchse der Natur. Eine außergewöhnliche Gesellschaft!

Diese Schreckensnachricht erreichte Parvatis Mutter. `Dein Schwiegersohn ist entsetzlich! Sein Gesinde ist einfach widerwärtig!' Parvatis Mutter wollte das nicht glauben und kam, um sich selbst zu überzeugen; ihr Entsetzen war groß. Sie entschied, ihre Tochter diesem verkommenen Kerl nicht zu geben. Die ganze Stadt geriet in Chaos, alle waren durcheinander. Aber Shiva bewegte sich mit seinem Anhang unbeirrt zum Haus, wo die Hochzeit stattfinden sollte.

Für eine Hochzeit nach Hindusitte gibt es eine vorher dafür erklärte Zone für die Zeremonie. In dem Moment, als Shiva mit seiner Gesellschaft diese Zone betrat, verwandelten sie sich alle. Shiva wurde ein wunderschöner junger Mann, seine ganzen Anhänger wurden göttliche Wesen mit leuchtenden Gewändern, schimmernden Juwelen, betörendem Duft und Blumengirlanden. So wurde die Zeremonie unter großem Jubel durchgeführt.

Während der Zeremonie ist es üblich, dass der Bräutigam seine Herkunft bekanntgibt, seine ganze Ahnenreihe - seinen Vater, seinen Großvater usw. Shiva wurde nach seinem Vater gefragt und er antwortete: `Weder Vater noch Mutter.' Sie fragten weiter, wie er geboren wurde. `Ich wurde niemals geboren.' Aber du schaust so jung aus! `Ich bin immer jung.' Wo bist du zuhause? `Irgendwo im Wald.' Aber du musst irgendwelche Verwandte haben. `Alle Gespenster und toten Seelen, alle Erscheinungen und Geister sind meine Verwandten; Angst und Zorn sind meine Verwandten.'

Dann fragten sie ihn, wo Parvati leben soll. `Da macht Euch nur keine Sorgen. Sie wird einfach ein Teil von mir. Eine Hälfte meines Körpers kann männlich, die andere Hälfte weiblich sein.'

Shiva und Shakti sind also weder männlich noch weiblich. Sie sind Symbol für den höchsten Aspekt des Lebens. Die göttliche Vereinigung, die in dem Moment stattfindet, wenn Shiva Shakti begegnet, ist Shivaratri. Es ist Ausdruck für Erleuchtung in absoluter Dunkelheit, die Fortentwicklung der Schöpfung im leeren Raum, die Manifestation des Wissens in Nirvikalpa. Wenn das gesamte Maya-Drama schläft, das nennen Sannyasins Shivaratri. Es bedeutet, dass das ganze Universum mit allen weltlichen Fesseln ins Unbewusste befördert wird, wo es keine Wohnung und keine sinnlichen Möglichkeiten gibt. Das ist das Ende aller Richtungen, in die sich das Bewusstsein, die Sonne, der Mond und die Sterne auflösen. Hier erlischt das Feuer der Leidenschaft und es bleibt nur Shunyata - Nichts. Dieser Bewusstseinszustand heißt Shiva oder Shankara, der Zustand des Siddha.

Aber das ist noch nicht das Ende, das letzte Ziel. Über Shunyata, wo sich alles aufgelöst hat, trifft das universale Bewusstsein - Shiva - mit der universalen Kraft - Shakti - auf dem Gipfel des Mount Kailash zusammen, in Advaita Mudra, voller Überraschung, Angst und gleichzeitig höchster Glückseligkeit. Nun erst begleitet Shiva Parvati zurück auf die weltliche Ebene. Sie vereinen sich, aber zum Segen der Menschheit leben sie als Zwei und agieren als Zwei, um ihr höheres Wissen der materiellen Welt zugänglich zu machen.

(Aus: YogaHeft Nr. 39) - Swami Satyananda Saraswati