Was ist der Shiva Lingam?

Bevor ich über Shivalingam sprechen werde, möchte ich einige Missverständnisse klären. Im Sanskrit-Wörterbuch findet man bedauerlicherweise das Wort Lingam mit Phallus, dem männlichen Geschlechtsorgan, übersetzt. Als die ersten Forscher vor langer Zeit damit begannen, ihre Thesen über Shivalingam aufzustellen, wussten sie nicht sehr viel über Sanskrit, seine Geschichte und Grammatik. Sie nahmen die Übersetzungen der Wörterbücher wörtlich, also Lingam als das männliche Geschlechtsorgan und Shivalingam als das Geschlechtsorgan von Shiva. So entstand das ganze Missverständnis, das auch bei späteren Forschungen über Shivaismus, den Kult Shivas, und Shivalingam hartnäckig weiterlebte.

Symbol des kosmischen Bewusstseins

Laut der Sanskrit Grammatik und der damit verbundenen Philosophie ist mit dem Ausdruck Lingam eine Existenzebene gemeint, die unsichtbar aber nichtsdestoweniger vorhanden ist. Die meisten Künstler, Poeten und Denker können dies gut verstehen. Kannst du deine Emotionen, deine Frustrationen, Glück und Freude sehen? Nein. Wenn sie in dir sind, kannst du sie fühlen, aber wenn sie nicht in Dir sind, kannst du sie nicht fühlen, auch wenn andere Menschen sie haben mögen. Das bedeutet, die normalen Gefühle im menschlichen Wesen haben eine Form, obwohl sie unsichtbar sind.

Genauso können wir von einem abstrakten Bewusstsein sprechen. Ich meine hier nicht das menschliche Bewusstsein, sondern das kosmische, das totale, das göttliche Bewusstsein. Dieses Bewusstsein ist abstrakt, unsichtbar und unendlich. Mit dem Verstand kann man es nicht begreifen, die letzte Wahrheit ist für niemanden, nicht einmal für einen Yogi oder Heiligen und ebenso wenig für einen Paramahansa begreiflich. Wer diese einzige Wahrheit begreifen will, muss sie selbst werden, das ist der einzige Weg.

Und so kann dieses unbegreifliche Bewusstsein nur durch sein Symbol gedeutet werden und das ist im Sanskrit der Lingam, der Shivalingam. Shiva bedeutet so viel wie absolutes, totales, kosmisches oder universales Bewusstsein. Dies sind nichts als Namen. Shivalingam repräsentiert als Symbol das kosmische Bewusstsein. Und es ist wichtig, dass wir tief in diese Wahrheit eindringen.

Eine universelle Tradition

Heute wird der Shivalingam nur noch in Indien verehrt, und die Mehrheit der Hindus meditiert auf ihn; nicht alle Hindus, und in anderen Religionen - Christentum, Islam, Buddhismus oder Judentum - ist seine Verehrung unbekannt. Aber wenn wir weit zurückgehen in der Geschichte und bis in die versunkenen Zeitalter vorstoßen, finden wir beträchtliche Beweise dafür, dass die Verehrung des Shivalingam einst auf der ganzen Welt verbreitet war.

In Südamerika wurden Symbole aus der prä-kolumbianischen Zivilisation gefunden, die beweisen, dass die Verehrung des Shivalingam in der kulturellen Philosophie der Azteken, Inkas und anderer eingeborener Indianerstämme, sowie auch in Mexiko weit verbreitet war. Am Anfang dieses und während des letzten Jahrhunderts wurden Shivalingams auf dem Grund von einigen der ältesten, inzwischen zerstörten Kirchen Englands gefunden.

Wie man die Shivalingams erhalten hat

Ich will hier nicht weiter ins Detail gehen, möchte jedoch deutlich machen, dass die Verehrung des Shivalingam nicht eine Eigenheit der Hindus ist. Der einzige Grund, warum die Shivalingams hier noch zu finden sind ist der: die Hindus haben ihn behutsam erhalten. Alles, was sie einmal bekommen, halten sie sehr fest. Sie wollen nichts zerstören, keine Sprache, keine Kunst, Kultur, Religion, Handel, Kleidung, besondere Gerichte usw.

So sind sie nun einmal, die Hindus; das bezieht sich nicht nur auf ihre Religion. Irgendwann wird der Kommunismus zugrunde gehen, aber in irgendeiner Ecke von Indien wird man ihn immer noch finden. In gewissem Sinne sind sie ein Museum, und man kann alles dort finden: Jumbo- Jets und Ochsenkarren, modern ausgestattete Toiletten und offene Latrinen. Auch im 21., 22. und 23. Jahrhundert wird man sie noch irgendwo finden.

Überall in der Welt, auf jedem Kontinent, gab es von Zeit zu Zeit Massaker, Kriege und politische Zerstörung. Kein Land bildet eine Ausnahme, und niemand kann es verhindern. So lange es Religionen gibt, wird es auch Massaker geben, denn Religionen schützen, begünstigen und nähren politische Ideologien. Was geschah in der Zeit von 1939-1943? In Kambodscha? Während der chinesischen, der russischen, der iranischen Revolution?

Die ganze Welt ist Zeugnis dafür; in Nord- und Südamerika wurden die Indianer vernichtet; in Europa die Kelten; in Russland die Slawen, Mongolen und Hunnen. Auch in Indien gab es Perioden der Massenvernichtung, in denen Philosophien und Systeme zerstört, Philosophen und Priester ermordet und Heiligtümer vernichtet wurden. Jeder weiß davon, und wenn nicht, dann kann man es nachlesen. Es ist wichtig zu wissen, wo die Menschheit Fehler gemacht hat und immer wieder die gleichen machen wird.

Die Hindu-Kultur jedoch ist wie ein Kryptograph der Zivilisation. Du weißt, was ein Kryptograph ist? Eine mikroskopische Aufzeichnung aller Errungenschaften und Missgriffe, Erfolge und Fehler, Kriege, Verträge, Erfindungen und Zerstörungen von Menschen, chiffriert und unter dem Boden versteckt. Viele Zivilisationen der Welt haben kryptographische Aufzeichnungen auf Steinen hinterlassen, auf Tafeln und auf Papier, in Form von Gedichten, Bildern und anderen traditionellen Formen.

Nun, in Indien gibt es eine ganz bestimmte Menschengruppe, die still und ohne Aufsehen lebt. Man kennt sie als Swamis, Sannyasins, Asketen, Einsiedler; ihre Namen wechselten im Laufe der Zeit. Von den Hindus wurden sie gebeten: "Schaut her, ihr lebt abseits und habt mit Politik, mit Sinnlichkeit, mit sozialer Verwaltung, mit der Gründung einer Familie nichts zu tun. Ihr bekommt ein Dach über den Kopf, Nahrung und Geld und studiert und lehrt die Wissenschaft des Bewusstseins. Tut nur das allein, nichts weiter; lehrt keine sozialen Dinge. Studiert das Bewusstsein, den Geist, den eigenen Mittelpunkt und Wesenskern. Allein auf diesem Gebiet müsst ihr eure Erfahrungen machen und dann lehren."

Daher wird ein Swami dir niemals sagen, wie du heiraten sollst, ob überhaupt oder besser nicht. Nein. Wenn mich jemand danach fragen würde, würde ich sagen: "Mache, was du möchtest." Denn das ist nicht meine Angelegenheit. Aus diesem Grunde konnten die Hindus die Shivalingam Wissenschaft erhalten.

Die Entstehung der Shiva Tempel

Warum versuchte man überhaupt, diese Wissenschaft zu erhalten? Warum wird Shiva in der Gestalt eines oval geformten Steines in ganz Indien verehrt? Was für eine Tradition steht dahinter, von der die Menschen nichts wissen? Dieser oval geformte Stein ist nicht gemeißelt oder von Menschenhand gemacht. Er wurde genau in dieser Form gefunden, größenmäßig variierend von einigen Zentimetern bis zu 5 Meter hoch. Man fand sie am Ufer des Flusses Narmada, der in Mittelindien entspringt und gen Westen fließt, um dann in das Arabische Meer zu münden. Also das ist erst einmal ein wichtiger Fakt.

Zum anderen werden Shiva Tempel nicht deshalb errichtet, weil irgendjemand das Geld dafür gibt. Jemand hat einen Traum, und ihm wird befohlen: "Geh zu folgendem Platz und grabe 5 Meter tief." Also geht er und gräbt und wird einen Shivalingam dort finden; oder er bekommt den inneren Auftrag, einen Shivalingam von einem bestimmten Teil des Narmada zu holen und ihn an einem bestimmten Platz aufzurichten. Meistens sind es die armen und ungelernten Menschen, jemand aus dem Volk, die solche Träume haben und sie auch ausführen. Die reichen und armen Dorfbewohner geben so viel Spenden, dass ein Tempel darum errichtet werden kann.

So entstanden in Indien die Shiva Tempel. Nicht, weil jemand genug Geld hat und beschließt, einen Tempel auf irgendeinem Berg zu errichten. Nein, nicht durch menschliche Anstrengung, mit dem Verstand oder auf Grund einer Laune, nicht weil du es dir wünschst, kann ein Gotteshaus errichtet werden. Gott muss sein eigenes Haus bauen, was denkst du, wer du bist, ein Haus für ihn bauen zu können? In einem solchen Haus muss er sich zum Ausdruck bringen können, ihn in symbolischer Form beherbergen, und man nennt es Tempel, Heiligtum, Kirche, Moschee oder Haus Gottes.

Dafür bedarf es einer intuitiven Eingabe während der Meditation oder im Traum. Das Bewusstsein muss erleuchtet werden, dann ist so etwas möglich; dann muss der Tempel errichtet werden. Oft fragen mich die Menschen, warum ich nicht einen Tempel in Munger baue, und ich sage ihnen, dass ich keinen Auftrag habe; dass ich nur einen Tempel errichte, wenn ich dazu beauftragt werde.

Der Schaltknopf für das Bewusstsein

Der dritte wichtige Fakt ist, dass Shivalingam nicht Gott ist. Mit ritueller Verehrung hat es nichts zu tun. Es ist eine uralte Nachbildung des Ereignisses, als das menschliche Bewusstsein eingeschaltet wurde und ihn von der Ebene des Affenmenschen zum Menschen brachte. In den Tiefen des menschlichen Bewusstseins, in der Mitte des Gehirns, befindet sich eine unsichtbare Kraft. ohne die du kein Mensch wärst: Du weißt, dass du bist. Du weißt, dass du weißt, dass du bist. Du weißt, dass du weißt, dass du weißt, dass du bist. Ein Hund, ein Pfau, ein Vogel, ein Känguru wissen das nicht, aber du weißt es, nicht wahr?

Nun, vor vielen Millionen Jahren existiertest du auch schon, aber du wusstest nichts davon. Deine Vorfahren lebten wie die Tiere in Höhlen. Was geschah mit ihnen, dass sie es im Gegensatz zu allen anderen Tieren schafften, über das Gehege hinaus zu springen und zu fühlen begannen, was gestern geschah, was morgen passieren würde, und welche Beziehung das Gestern zum Morgen hat? Wie haben sie den Zaun überwunden? Die Wissenschaftler behaupten, dies hänge mit dem natürlichen Evolutionsverlauf zusammen. Nein! Bis zum menschlichen Körper bewegt sich noch alles im Bereich der natürlichen Evolution, aber Bewusstheit ist der natürlichen Evolution nicht unterworfen.

Der kristallene oder spathische Lingam

Im Shivaismus wird behauptet, dass der wahre Shivalingam aus Kristall ist, jedoch ist dieser nicht jedermann zugänglich. Nur in Indien gibt es das kristallene Lingam. Im Sanskrit nennt man ihn spathischen Lingam. Man fand ihn nur an wenigen Plätzen und von dort wurde er niemals fortbewegt, sondern man baute einen Tempel um ihn herum. Wir betrachten es als ein großes Geschenk, dass wir ihn in Indien erhalten konnten. Als Invasionen in Indien eindrangen, nahmen sie alles, was wertvoll war, mit sich, aber die kristallenen Lingams entfernten sie nicht, weil sie glaubten, es mit einem schmutzigen Hindu-Gott zu tun zu haben. Sie nahmen die Juwelenkrone, und den Pfau ließen sie zum Iran fliegen. Aber das Kostbarste in unserem Land, den kristallenen Lingam, nahmen sie nicht.

Warum ist Kristall so kostbar? Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Kristall auf bestimmte Weise auf Materie einwirkt, auf die Substanz und auf das Gehirn. Es ist nicht nur einfach ein Stein, obwohl alle Steine und Mineralien ganz bestimmte Eigenschaften haben. Der Kristall fängt alle Klangvibrationen auf. Jede Klangvibration, die den Klangkörper oder den Klangraum durchdringt, stößt auf ein kristallenes Objekt, - eine kleine Kristallkugel, eine Kristall Mala, Kristallperlen oder ein kristallener Lingam.

Wenn du vor einem kristallenen Lingam stehst, wird in deinem Gehirn und in deinem Bewusstsein etwas in Bewegung kommen. Genau das ist es, was vor vielen Millionen Jahren mit unseren Vorfahren geschah. Als sie dem großen Kristallfelsen gegenüberstanden, verursachte das eine Explosion in ihrem Bewusstsein. Dieses Erwachen konnte deshalb geschehen, weil innere Bilder in ihnen wach wurden.

Viele Menschen, die LSD nehmen, sehen diese Bilder. Du kannst sie gelegentlich mit offenen und ebenso mit geschlossenen Augen sehen, in der Meditation, in Träumen oder unter Drogeneinfluss. Diese inneren Bilder stehen in Beziehung zur Bewegung des inneren Bewusstseins. Sie sind nicht Teil deines Gehirns, sowie Träume auch nicht mit unserem Alltagsleben im Zusammenhang stehen. Träume kommen nicht von der Erfahrung, die wir gewonnen haben, sondern sie kommen von einer tieferen Quelle.

Sicher, im Traum siehst du oft die gleichen Dinge, die während des Tages passiert sind, Von diesen Träumen spreche ich nicht. Die Quelle der Träume ist etwas, das du nicht erlebt hast, irgendwo, wo du niemals gewesen bist. Die Quelle liegt in deinem Unbewussten, was jenseits deines Wachbewusstseins und jenseits deines Unterbewusstseins ist. Sie liegt im Unbewussten, im Anandamaya Kosha, dem Kausalkörper.

In der Sankhya Philosophie und in Vedanta nennt man den Kausalkörper Linga Sharira, den Linga Körper, die feinstoffliche Hülle, die, ohne dass du sie sehen kannst, trotzdem vorhanden ist. In dem Moment, wenn du den Kristall Lingam anschaust, kann das eine Explosion in deinem Inneren auslösen, die das Image des Kausalkörpers oder des Unbewussten zutage bringt; etwas, was in dir ist und auch deinen Vorfahren schon innewohnte. Wurden deine Vorfahren irgendwo am Nord- oder Südpol, in Amerika, Afrika oder Indien mit dem kristallenen Shivalingam konfrontiert, konnten sie gewisse Mauern überspringen und in andere Bewusstseinsbereiche vordringen.

Mit einem solchen Sprung begann die menschliche Evolution. Dies war der Anfang für dein Erkennen, dass du existierst. Das ist der Grund, warum die Konzentration und Meditation auf den Shivalingam als so wichtig betrachtet werden, denn deine innerste Quelle der Bewusstheit kann gezündet werden, der Punkt, wo die ewige Weisheit ruht und wo die Möglichkeit der großen menschlichen Evolution gespeichert ist.

Der Mensch hat die letzte Stufe der Evolution noch nicht erklommen. Was der Mensch heute erlebt, ist nicht der Anfang vom Ende und nicht das Ende vom Anfang, sondern der Anfang vom Anfang. Du hast gerade erst deine Reise begonnen, und ganz allmählich wird sich dein Bewusstsein in Bereiche ausdehnen, wo jeder Mensch ein Supermensch sein wird. Zusammengefasst ist dies die Philosophie von Shivalingam.

Die zwölf Jyotir Lingams

In Indien gibt es Tausende von Tempeln, in denen dieser oval geformte Shivalingam verehrt wird, aber nur zwölf davon sind Jyotir Lingams. Jyoti bedeutet Licht, und ein Jyotir Lingam ist ein erleuchteter Lingam. Diese Lingams sind aus Kristall, sie kommen nicht vom Narmada Fluss. Elf von ihnen befinden sich in Indien und der zwölfte in Nepal.

Jeder dieser Shivalingams trägt einen besonderen Namen. Der Name von dem Shivalingam in Nepal ist Pashupatinath, was Herr der Tiere bedeutet. Die Namen der anderen sind: Somnatheshwar, Mallikarjuna, Mahakaleshwar, Omkareshwar, Kedareshwar, Bheemashankar, Vishveshwar, Tryambakeshwar, Vaidyanatheshwar, Nageshwar, Gushmeshwar und Rameshwar.

Es vergeht kein Jahr, wo sich nicht Hunderttausende auf Pilgerreise zu diesen Plätzen begeben. Im März gibt es einen wichtigen Tag; es ist der 14. Tag des abnehmenden Mondes und heißt Shivaratri oder die Nacht von Shiva. Obwohl nicht offiziell als solcher erklärt, ist es im ganzen Land ein Feiertag, an dem niemand zur Arbeit geht; es wird gefastet, ja nicht einmal einen Tropfen Wasser oder Tee nimmt man zu sich; und den ganzen Tag wiederholt jeder ununterbrochen das Mantra >Om Namah Shivaya<.

Am Abend bleibt niemand zuhause und schläft, sondern man geht in den Tempel. Die ganze Nacht sitzen die Menschen dicht gedrängt um den Lingam, um ihn zu verehren. Viele Priester und Brahmanen wiederholen während der ganzen Nacht die vielen tausend Namen Shivas, einen nach dem anderen. Oben auf dem Lingam steht ein kupfernes Gefäß mit winzig kleinen Löchern, aus denen ununterbrochen Wasser auf den Shivalingam tropft. Die ganze Nacht lang tropft und tropft es, und die Menschen meditieren.

Die Philosophie des Shivalingam

Nun, wenn wir daraus etwas lernen können, dann ist es dies: Der äußere Shivalingam fördert die Erweckung des inneren Shivalingam. In Tantra, der Kundalini Wissenschaft, gibt es die Aussage, dass es im menschlichen Körper ebenfalls zwölf Plätze gibt, wo sich der Shivalingam - genau in der gleichen Form - befindet. Drei davon haben besondere Bedeutung: Der erste ist im Muladhara Chakra, der zweite im Ajna Chakra und der dritte im Sahasrara Chakra. Es heißt, dass im Sahasrara Chakra die feinste Form des Bewusstseins durch den erleuchteten Shivalingam symbolisiert wird.

Vielleicht entdecken auch die Wissenschaftler in einiger Zeit, dass die Evolution des Menschen, seine Natur und die Überwindung dieser Natur, das menschliche Bewusstsein und sein Erwachen, nicht durch äußere Dinge wie Gesellschaft, Religion, Politik, Ethik und Moral beeinflusst werden, sondern im Menschen selber manifestiert sind. Das ist der Shiva in dir, und das lebte vor vielen Millionen Jahren auch schon in deinen Vorfahren. Es ist die feinste Materie in diesem physischen Körper.

Auch der Affenmensch trug schon diese feine Kraft in sich, aber der Zugang zu dieser Bewusstheit war ihm versperrt. Er kannte nur Früchte, Gras, kleine Insekten; er wusste, dass er von Tigern und Leoparden getötet werden konnte. Er sah zwar, dass eine andere Affenfrau ein Baby bekam, aber mehr konnte er nicht sehen. Weder wusste er, dass er ihr Mann war, noch wusste sie, dass sie seine Frau war.

Das Wissen um Beziehungen, das Wissen um die Fortdauer von Gefühlen war in ihm nicht vorhanden. Es gab nur die Handlung, die von der Natur, nicht vom Bewusstsein gelenkt wurde. Wenn ich dich liebe, und auch wenn ich dich hasse, ist das vom Gefühl gesteuert, einem Teil des Bewusstseins. Die Affenmenschen jedoch hatten kein Bewusstsein. Aus diesem Grunde konnten sie sich gegenseitig töten. Sie kannten Hunger, sie kannten Leidenschaft, aber darüber hinaus konnten sie nicht gehen.

Bis hierhin stand der Affenmensch unter der Gewalt der Natur, den Naturkräften - das ist das Darwinsche Gesetz, nicht wahr? Und wenn mit den feinsten Atomen, den feinsten Teilchen im Menschen nichts geschehen wäre, dann wäre der Affenmensch bis zur heutigen Zeit noch immer Affenmensch. Und wenn mit diesen feinsten Teilchen in dir nicht irgendetwas geschieht, wirst du genau so bleiben, wie du heute bist. Du wirst Kinder zeugen, eine Generation wird der anderen folgen. Die Sprache, politische Ideologien, die Bauweise, Regierungen und Verwaltungen, all das mag sich verändern - aber du wirst genau da bleiben, wo du jetzt bist, deine Bewusstseinsebene wird die gleiche bleiben, höchstens tiefer sinken, aber sicher nicht höher.

Was geschah mit den Menschen vor zwei- oder dreitausend Jahren, die sich als zivilisierte Menschen betrachteten? Mit den Römern, den Griechen, den Babyloniern, den Ägyptern? Warum gingen all diese alten Zivilisationen zugrunde? Es lässt sich nur dadurch erklären, dass sie sich im Bereich ihres Bewusstseins nicht weiter entwickeln konnten, sondern nur im Bereich der Materie. Statt im Ochsenkarren konnten sie im Flugzeug fliegen oder mit dem Zug fahren, aber das Bewusstsein blieb das gleiche - statisch.

Wie kommt dieses Bewusstsein in Bewegung? Veränderung in den feineren Bewusstseinsteilen tritt dann ein, wenn die inneren Bilder erblühen. Dieses Aufblühen des Bewusstseins zeigt sich in Form von Erlebnis, in Form von Farben, von Klängen, von Musik, in Form unbekannter Ängste, in Form vieler, vieler Dinge. Das alles ist nicht empirisch, nicht fassbar, nicht aus materiellem Stoff, nicht konkret; es ist weit aus mehr als das.

Oft kommt mir der Gedanke, dass die so genannten Verrückten, die so ganz andere Dinge sehen, als der normale Mensch, viel weiter entwickelt sind. Vielleicht stehen sie an der Schwelle zu höheren Erlebnissen, und wir können nicht nachvollziehen, was sie erleben. Wir sagen nur einfach, sie sind verrückt, weil sie sich nicht an unsere Bewusstseinsebene anpassen können; aber vielleicht sind wir verrückt, weil wir nicht das erleben können, was ihnen möglich ist.

Begreifst du nun, wie wichtig es ist, sich an folgendes zu erinnern: Wenn du über deine jetzige Bewusstseinsebene hinaus willst, dann musst du irgendetwas benutzen, dass diese innere Kraft anrührt; und diese innere Kraft ist Shiva. Dies ist die tiefere Bedeutung des Shivalingam.

Die Körper innerhalb des Körpers

Bitte versuche zu verstehen, dass Lingam in diesem Zusammenhang den Kausalkörper meint. Im weitesten Sinne hast du drei Körper, die wiederum in zehn weitere unterteilt sind. Diese Aussage besteht nicht nur in der Hindu Philosophie, auch die Rosenkreuzer und die Freimaurer und andere sprechen davon. Wenn du von den Kelten etwas liest, die in Europa lebten, bevor das Christentum kam, wirst du das Gleiche finden.

Tatsächlich liegt in allen alten Philosophien dieser Grundgedanke verborgen. Der Mensch besteht nicht nur aus einem Körper - es gibt drei Körper: Den groben oder materiellen Körper, den feinen oder Astral-Körper und den Kausal oder Shiva Körper. Und diese drei sind wiederum in zehn unterteilt. So ist um diesen Körper ein Glorienschein, ein anderer und ein dritter, bis zu zehn, die die zehn verschiedenen Körper repräsentieren.

Nun, du kannst diese zehn Körper auseinander nehmen, oder du kannst dein Bewusstsein von einem Körper zum nächsten tragen, vom ersten, zum zweiten, zum dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten, neunten und zehnten. Jenseits des zehnten befindet sich das körperlose Selbst. Der Atma, das Selbst, das Absolute, Brahman oder Gott ist jenseits dieser zehn.

Wenn du an diesem Punkt ankommen willst, wenn du das erfahren willst, was jenseits der drei und jenseits der zehn liegt, dann bist du gezwungen zu springen und zu springen und zu springen und zu springen - neunmal über den Zaun. Was machst du im Moment? Du versuchst, zu springen. Weißt du, von welchem Zaun aus du gerade springst? Dem ersten

(Aus: YogaHeft Nr. 19) - Vortrag von Swami Satyananda Saraswati - Satyananda Ashram, Mangrove Mountain, Gosford, Australien, 10. Januar 1984