Das Innere des Menschen

Es ist traurig aber wahr, dass nur Wenige wissen, wie unser Körper arbeitet. Wir wissen zwar viel über die äußere Welt, auch über die äußeren Teile unseres Körpers, aber die inneren Geschehnisse nehmen wir kaum wahr, obwohl sie jede nach außen gerichtete Handlung und Wahrnehmung bestimmen und beeinflussen.

Eigentlich sollte jeder eine gewisse Grundkenntnis über die Funktionen seines Körpers besitzen. Die meisten der physischen oder mentalen Probleme werden durch falsche Behandlung des Körpers hervorgerufen. Hätten wir mehr Respekt und Kenntnis vom Körper, würden wir ihn nicht so misshandeln.

In diesem Artikel werden wir über die Hormondrüsen schreiben, einen wichtigen aber weitgehend unbekannten Bereich unseres Körpers. In den nächsten Ausgaben werden wir diese Arbeit fortsetzen.

Das endokrine Drüsensystem

Die meisten Körperdrüsen haben Leitungen oder Tuben, durch die die jeweilige Flüssigkeit in andere Körperteile befördert wird, wo sie dann ihre Arbeit ausführen. Die Verdauungsdrüsen z. B. lassen den Verdauungssaft in Magen und Därme fließen, die Schweißdrüsen in die Oberfläche der Haut in Form von Schweiß.

Es gibt jedoch eine andere vollkommen unterschiedliche Drüsenart, die einen viel größeren Einfluss auf den ganzen Körper und Geist hat. Man nennt sie die endokrinen Drüsen oder die Hormondrüsen. Sie haben keine Tube, keine Leitung, sondern sie produzieren Hormone, die direkt ins Blut ausgeschieden werden und auf dem Blutweg im Körper kreisen, zu allen Körperteilen, besonders zu den Organen, die auf die Hormone reagieren und die Aktivität des menschlichen Organismus durch sie verändern.

Hormone sind Antriebsstoffe, die das Wachstum, den Stoffwechsel, die Fortpflanzung und physisches Verhalten regulieren. Zu diesen Hormondrüsen gehören: die Hypophyse, die Epiphyse, die Schilddrüse, die Bauchspeicheldrüsen, die Nebennieren, die Nebenschilddrüsen, Eierstöcke und Hoden. Fast alle treten in Paaren auf, ausgenommen die Hypophyse und die Epiphyse; wenn also eine beschädigt ist oder erkrankt, kann die andere die Arbeit fortsetzen. Diese Drüsen hängen alle miteinander zusammen, jede hat einen großen Einfluss auf alle anderen. Wenn die Tätigkeit einer einzigen dieser Drüsen gestört ist, so hat das Rückwirkung auf alle anderen Drüsen.

Die Hypophyse ist eine sehr kleine Drüse am oberen Hirn. Obwohl sie nur ein halbes Gramm wiegt, so ist sie doch die Meisterdrüse des ganzen Körpers. In den Hormondrüsen werden äußerst wirkungsvolle Hormone produziert, die ständig überwacht werden müssen; das ist die Aufgabe der Hypophyse. Sie produziert auch selbst vielerlei Hormone, einige wirken direkt auf den Körper ein, aber die meisten üben Kontrolle auf die anderen Hormondrüsen aus.

Sie schüttet adrenokortikotropes Hormon (ACTH) aus, was eine Wirkung auf die Nebennieren hat; außerdem das Hormon Thyrotrophin (TSH), das die Schilddrüse stimuliert. Wenn kein TSH ausgeschieden wird, kann die Schilddrüse nicht arbeiten und der ganze Körper würde schrecklich leiden.

Das in dieser Drüse erzeugte Pitruitinhormon erhöht den Blutdruck; FSH (follikelstimulierendes Hormon) bringt das weibliche Ei zum Wachsen und lässt die Eierstöcke Östrogen produzieren. Durch das Luteinisierungshormon (LH) wird der weibliche Zyklus ausgelöst. Weit mehr Hormone werden von der Hypophyse ausgeschieden, über die wir hier nicht sprechen wollen.

Die Bedeutung der Epiphyse ist der modernen Wissenschaft noch unklar, man kann noch keinen physiologischen Sinn in ihr sehen. In Yoga hat sie jedoch eminente Bedeutung, sie stellt eine Verbindung zwischen dem groben physischen und dem feinstofflichen psychischen Körper her. In ihr werden besonders die beiden Hormone Seratonin und Melatonin produziert, wodurch die Epiphyse unsere verschiedenen Bewusstseinszustände reguliert. Ihr Sitz ist hinter dem Augenbrauenzentrum in der Mitte des Schädels. (Siehe auch YOGA Nr. 5, Mai 85)

Die Schilddrüse ist geformt wie ein Schmetterling und liegt auf jeder Seite der Luftröhre im Hals, hier wird Thyroxin produziert mit einem sehr mächtigen Einfluss auf jede Körperzelle. Hauptsächlich reguliert sie das Tempo, in dem Sauerstoff und Nahrung in den verschiedenen Zellen des Körperstoffwechsels verbraucht werden. Sie stimuliert das Knochenwachstum, erhöht die Empfindlichkeit des Nervensystems, reguliert die Zusammensetzung des Bluts und hilft dabei, den Körper von Infektion frei zu halten. Sie ist unsere innere Uhr, indem sie Organe und Systeme beschleunigt oder hemmt.

Ein normal aktiver Mensch produziert gerade so viel Thyroxin, wie er braucht. Er ist voller Energie und kann seine Arbeit ohne Müdigkeit machen. Bei einem trägen, lustlosen und schläfrigen Menschen kann man annehmen, dass er zu wenig Thyroxin produziert, bekannt als Unterfunktion der Schilddrüse. Sowohl bei Unterfunktion wie auch bei Überfunktion bietet Yoga die Möglichkeit zur Regulierung.

Die Nebenschilddrüsen sind vier sehr kleine Drüsen, jeweils zwei liegen an den Seiten der Luftröhre. Sie sind vollkommen von der Schilddrüse umfangen, arbeiten aber unabhängig von ihr und produzieren das Parathormon, das für das Knochenwachstum und die Verteilung von Kalzium und Phosphor zuständig ist.

Die Nebennieren liegen oben auf jeder der Nieren und jede von ihnen besteht aus zwei Teilen, Medulla und Cortex.

In der Medulla werden zwei wichtige Hormone produziert: Adrenalin und Noradrenalin. Beide neigen dazu, den Blutdruck zu steigern. Besonders wichtig ist sicherlich das Adrenalin, das den Herzschlag beschleunigt, den Blutdruck durch Zusammenziehen der Blutgefäße erhöht, den Sauerstoffverbrauch erhöht und die Atmung beschleunigt, das Blut zu den äußersten Teilen wie Händen und Füßen transportiert – von den inneren Organen weg. Durch Adrenalin wird die Verdauungsfunktion reduziert, die Sinnesorgane wie Augen und Ohren werden sensibler und vieles andere mehr. Der Körper wird dadurch auf 'Kampf oder Flucht' vorbereitet, je nachdem was angebracht ist. Im Fall von Stress oder Angst beginnt die Drüse ihre Arbeit am vorderen Bogen des Hirns. Von dort geht ein Signal zum Hypothalamus im Mittelhirn, und von dort geht ein Nervenimpuls zu der Adrenalin Medulla, wo schnell Adrenalin ins Blut geschüttet wird. Unverzüglich ist der Körper auf große Energieleistung vorbereitet.

Der äußere Teil der Drüsen, die Kortex produziert verschiedene Hormone, die in keiner Verbindung zur Medulla stehen. Es sind Steroide, von denen man über dreißig unterschiedliche Arten hat isolieren können, und die sich alle von Cholesterol ableiten. Aufgrund des Hormons Cortison arbeiten die Nieren und es ist wahrscheinlich das wichtigste dieser Drüse, weil es die Proteine im Körper und ihre Veränderung überwacht.

Die Bauchspeicheldrüse als solche ist keine Hormondrüse, sie enthält jedoch eine Gruppe von endokrinen Zellen, den Pankreasinseln oder Langerhanschen Inseln, in denen Insulin produziert wird, ein lebenswichtiges Hormon, das den Zuckerspiegel im Blut senkt. Zuwenig Insulin verursacht die weitverbreitete Krankheit Diabetes. Bei dieser Krankheit sind jedoch auch die Nebennieren, die Hypophyse und die Schilddrüse beteiligt, wie auch die Nieren und das Nervensystem.

Die Gonaden, die Geschlechtsdrüsen bestehen aus den Eierstöcken bei der Frau und den Hoden beim Mann. Das Hormondrüsensystem ist bei beiden das gleiche – unterschiedlich sind die Hormone, die produziert werden. Von den Hoden werden Testosterone produziert und von den Eierstöcken zum einen das Ei (Ova) und zum anderen zwei Hormone, Östrogen und Progesterone. Diese bereiten den Uterus für den Embryo vor und fördern die Entwicklung der Plazenta. Diese beiden Hormone haben einen ungeheuren Einfluss auf das Leben der Frau.

Die Thymusdrüse liegt in der Brust und ist nicht unbedingt eine Hormondrüse. Bei Kindern ist sie sehr groß und reguliert das Wachstum.

Wie können wir unser Hormondrüsensystem gesund erhalten?

Durch Strecken, Dehnen und Massieren verschiedener Körperbereiche wird durch die Nerven eine Verbindung zu den Hormondrüsen hergestellt. Viele Yoga-Asanas beeinflussen das ganze Drüsensystem oder einzelne Drüsen. Eine besonders günstige Wirkung hat Surya Namaskara, der Sonnengruß. Durch Pranayama wie z. B. Nadi Shodhan werden das parasympathische und das sympathische Nervensystem abwechselnd angeregt und gehemmt.

Da die Hormondrüsen eng mit diesen Nerven verbunden sind, werden sie bewusst entspannt und aktiviert. Dadurch erhalten sie eine Erholungspause, die sie dringend brauchen. Wichtig ist die Hatha-Yoga-Übung Shankhaprakshalana (innere Reinigung), die das ganze Verdauungssystem entspannt. Nachdem der ganze Verdauungskanal gereinigt wurde, können die Hormondrüsen, die an Verdauung und Stoffwechsel beteiligt sind, für 45 Minuten ausruhen und entspannen, bevor wieder neue Nahrung zugeführt wird. Diese kurze Pause wirkt Wunder, ganz besonders im Fall von Diabetes. Die vernachlässigten Drüsen können wieder mit ihrer Arbeit beginnen, selbst wenn sie Jahre lang ausgesetzt haben. Umkehrstellungen sind besonders wichtig, weil sie frischen Blutstrom zur Hypophyse bringen.

(Aus: Yoga Heft Nr. 7) - von Swami Prakashananda