Mudra

Was sind Mudras?

Uns allen ist die Grazie und Schönheit bekannt, die in den Statuen von Heiligen des Altertums zum Ausdruck kommen. Ihre Erleuchtung drückt sich in ihren Gesichtern, ihre Haltung und den Mudras, den Gesten ihrer Hände aus. Ja, ihr ganzes Wesen ist ein Mudra, eine Geste, ein Symbol ihres Bewusstseinszustandes. Für den Yogaschüler sind Mudras Techniken, die das Nerven- und Drüsensystem aktivieren, so dass in uns schlummernde psychische Kraftzentren sich öffnen können und Kundalini, die latente potentielle Energie des Menschen aufsteigen kann. Auf diese Weise verwandelt sich unser Bewusstsein in kosmisches Bewusstsein.

Das Wort Mudra bedeutet einerseits 'verschließen', und andrerseits bedeutet es 'Geste, Symbol, Ausdruck von...'. Mudras werden in drei verschiedenen Formen benutzt:

  1. Im klassischen indischen Tanz als Tiersymbole, als Bewusstseinszustand, Gefühle usw.
  2. In rituellen Hinduzeremonien
  3. In Tantra, um die Evolution durch das Öffnen von Energieleitungen in den Geweben, Nervenleitungen und Organen des Körpers voranzutreiben.

Mudras sind Gesten, die wir von innen her akzeptieren und sich selbst zum Ausdruck bringen. So kann der Geist verschiedene Figuren oder Yantras annehmen, die durch tiefe und archetypische Energie hinter den Mudras in den Tiefen des Geistes erzeugt werden. Dieser letzte Aspekt beschäftigt uns meistens.

In den alten Shastras gibt es viele Referenzen hinsichtlich Mudras. So heißt es z. B. in der Siva Samhita (IV 12-15):

'Nun werde ich dir erklären, wie man in Yoga am meisten Erfolg hat. Du solltest dies als ein Geheimnis betrachten. Es ist der Yoga, der unzugänglich ist. Wenn die schlafende Göttin Kundalini durch die Gnade des Gurus erwacht, werden alle Lotusblüten und Bänder durchdrungen. Es ist deshalb wichtig, wenn man die Göttin erwecken will, die in der innersten Höhle von Sushumna, dem Mund von Brahmarandhra schläft, dass man sehr vorsichtig vorgeht. Von den vielen Mudras sind die besten: Mahamudra, Mahabandha, Mahabheda, Khechari, Jalandhara, Moola Bandha, Vipareeta Karani, Uddiyana, Vajroli und Shakti Chalini.'

Mudras im heutigen Leben

Die oben genannten Techniken sind in Kriya Yoga integriert, so wie sie von unserem Guru Swami Satyananda Saraswati in der Bihar School of Yoga gelehrt werden. Kriya Yoga ist ein praktischer, systematischer und wirkungsvoller Weg, um unsere schlummernden Potentiale durch Erwecken des neuronalen Kreislaufs im Hirn zu erwecken; wir laden sie mit pranischer Energie und weiten dadurch das Bewusstsein. In körperlicher Hinsicht lernen wir durch die Mudras die Steuerung der nicht unter unserem Willen stehenden Organe, indem Nervenverbindungen und endokrine Drüsen stimuliert werden; auf diese Weise erlangen wir Meisterschaft über unsere Körperabläufe. Auf mentaler Ebene nähern wir uns unserem inneren Bewusstsein, innere Energien nehmen wir besser wahr und können unser Leben besser steuern.

Mudras reichen bedeutend weiter als die morgendliche Yogastunde. Wir formen Mudras mit jeder Handlung, jeden Augenblick in unserem Leben. Jede Handlung ist Symbol unseres tieferliegenden mentalen und physischen Zustands und zeigt die verschiedenen Energiemuster, die sich in unserem Innersten formen. Diese Muster bestimmen unsere Persönlichkeit, unseren Charakter, unsere Eigenheiten und unseren Ausdruck. So ist jeder Moment ein Ausdruck unserer inneren Natur. Wenn wir Mudras nun bewusst formen, werden wir uns der inneren Energie mehr und mehr gewahr, lernen sie zu steuern, so dass wir jeden Augenblick voll leben. Auf diese Weise erlangen wir die Kraft, mit der Wahrnehmung umzugehen. Wir benutzen diese Wahrnehmung in allem, was wir tun. Wenn wir uns z. B. unseres ganzen Körpers bewusst werden, können wir bewusst Mudras mit den Händen, Augen und dem ganzen Körper formen – während wir essen, gehen, reden, denken, spielen, Sport treiben usw. Die bewusste Wahrnehmung ist der Weg, jeden Moment im Leben auszuweiten und jede Handlung mit Energie aufzuladen.

Es gibt viele unterschiedliche Mudraarten – Handmudras, Augenmudras, Körpermudras, mentale Mudras u. a. Immer ist es eine Geste, ein Signal für den Geist, so dass Körper und Geist in Harmonie gebracht werden und Energie freisetzen. Der Mensch ist wie eine Wasserzapfstelle, hinter dem ein ganzes Meer von Energien ruht. Wenn du sie öffnest, kommt ein klarer Wasserstrahl heraus. Wenn diese Zapfstelle niemals benutzt wurde, wird das Wasser abgestanden und stagniert – im Menschen zeigt sich Krankheit. Man kann auch einen starken oder schwachen Fluss herstellen, je nach Bedarf und Fähigkeit. Wie nun können wir die Energie am besten anzapfen und wenn sie einmal geöffnet ist, wie können wir sie steuern?

Jede Zapfstelle hat einen Hahn, mit dem man den Ausfluss je nach Bedarf kontrollieren kann. Durch die verschiedenen Mudras können wir die Intensität und Richtung des Flusses korrigieren und dadurch die unterschiedlichen Körpersysteme regulieren. Wir können z. B. sowohl Ida wie auch Pingala stimulieren und sie in Balance bringen, so dass Sushumna aktiviert wird. Auf diese Weise erhalten wir eine gute Gesundheit.

Es ist nicht ratsam, die fortgeschrittenen Übungen ohne gute Anleitung zu versuchen. Sie sollten je nach individueller Fähigkeit und Notwendigkeit erlernt werden. Mudras sind Körperhaltungen, die die mentale Einstellung widerspiegeln, und das beeinflusst tiefgreifend unsere ganze Psyche. Es ist nicht ratsam, die Psyche zu beeinflussen oder eine Änderung zu versuchen, solange du nicht die für dich geeignete Richtung kennst. Wenn Mudras vom Guru oder einem kompetenten Lehrer vermittelt werden, haben sie folgende Wirkungen:

  • Einige der Mudras steuern die nicht willentlichen physiologischen Körperabläufe, die normalerweise nicht in unserem Wachbewusstsein integriert sind.
  • Durch sie entwickelt sich die Wahrnehmung der Pranaströme (Vitalenergie) im feinstofflichen Körper, und schließlich können wir diese Kräfte selber steuern. Das befähigt uns, willentlich Energie in jeden Teil des Körpers zu leiten – um uns selbst oder andere zu heilen.
  • Mudras bereiten den Geist auf die Meditation vor, indem der Zustand von Pratyahara, das Zurückziehen der Sinne hergestellt wird und lässt einen sehr zielgerichtet werden.
  • Viele der Mudras sind mit Asanas und Pranayama kombiniert, so dass die Wirkungen dieser Übungen hinzukommen.
  • Spirituelle Wirkungen erwachsen.

Forschung über Mudras

Mudras wirken direkt auf Gehirn und Geist. Es ist bekannt, dass das Hirn aus zwei Hälften besteht, zwei Hemisphären, von denen jede für sich funktioniert. Die rechte Seite wird in Verbindung gebracht mit Intuition, ganzheitlichem Begreifen, Raumvorstellung, künstlerischem Ausdruck, handwerklicher Fähigkeit, Körpervorstellung u. a. Die linke Seite wird in Verbindung gebracht mit analytischem und logischem Denken, Zeit, Sprache und mathematischem Verständnis. Sie sind mit einem Bündel von Nervenfasern, die den Namen 'Corpus Callosum' haben, verbunden. Bei den meisten Menschen ist der Ablauf dieser beiden Hemisphären nicht harmonisch, nicht kohärent und synchron; das zeigen elektroenzephalographische Aufzeichnungen. Der Grund dafür liegt in mentalen und emotionalen Abläufen.

Wenn die Funktion der Hemisphären nicht harmonisch ist, führt das zu sinkender Intelligenz, Verstehen, Wahrnehmung, intuitiver Fähigkeiten usw. Durch Mudras können wir die beiden Seiten unseres Hirns in Synthese bringen, indem wir direkt auf das Nervensystem einwirken. Durch Mudras lernen wir, Schalter zu benutzen, die eine bewusste Steuerung aller Körperfunktionen möglich machen. Und dies ist ihre Arbeitsweise:

1. Physisch

Jede Mudra stimuliert bestimmte Nerven, die ihre Botschaft zum Hirn senden. Diese Botschaften gelangen zu den Hirnzentren, die zum Reizpunkt zugeordnet sind. So ist z. B. jeder Finger mit einem bestimmten Teil des Hirns verbunden. Im Hirn belegt die Hand außerordentlich große Proportionen vom Hirnkortex. Kreisläufe, die zwischen dem Daumen und jedem der Finger hergestellt werden, haben also eine große Wirkung auf das Hirn. Jeder muss das selber bei sich erfahren.

Wenn die Hände in bestimmter Weise ineinander gelegt sind, werden die neuronalen Kreisläufe über einen längeren Zeitraum angeregt, was den speziellen Effekt des Mudras auf das Hirn verstärkt. Dies ist eine bewusste Handlung. Wenn beide Hände, die rechte und die linke, das Hirn stimulieren, so ist die Wirkung die, dass die beiden Hemisphären unter unsere bewusste Kontrolle gelangen. Die stimulierten Kreisläufe gelangen in unsere bewusste Wahrnehmung. Wenn das lange genug wiederholt wird, sagen wir über Wochen oder Monate, dann wird diese feine Handlung immer bewusster, so dass wir auch mehr und mehr der Wirkung gewahr werden. Eine Mudra macht uns also stark und fördert ein inneres Wissen. Die beiden Hemisphären werden so koordiniert, dass die beiden Seiten harmonisch miteinander arbeiten.

2. Vital:

Durch Kirlian Photographie konnte gezeigt werden, dass aus den Fingern Energie in Form von Leuchtsignalen auflodert. Diese Energie hängt ab von Gesundheit, Laune, Wetter u.a. Wenn die Finger sich berühren, wird ein Kreislauf hergestellt, der es möglich macht, dass Energie, die sich sonst verflüchtigt hätte, nun in den Körper zurückfließt auf dem Wege der Nadis, der Energieleitungen. Die Wirkungen auf den Pranakörper richten sich nach den Kreisläufen, die stimuliert wurden. Es kann nun Energie in erhöhter Menge nach innen reisen, die Wahrnehmung in der Meditation erhöht sich. Außerdem stimulieren einige Mudras die Chakras; z.B. Mahamudra. Dadurch gelangt Energie direkt zum Hirn und zum Geist.

Durch Mudras erlangen wir die Fähigkeit, unseren Körper zu manipulieren, und wir können Energie auf bestimmten Wegen, von denen einige wichtiger sind als andere, entlangsenden. So stimulieren wir mit Prana Mudra fünf verschiedene Pranaunterteilungen im Körper. Wenn der Daumen den Zeige- und Mittelfinger berührt, wird 'Apana' stimuliert, die Energie, die unterhalb des Nabels regiert. Wenn der Daumen den Ring- und Mittelfinger berührt, wird 'Udana' stimuliert; diese Energie regiert von der Krone des Kopfes bis zum Hals. Wenn der Daumen den kleinen und den Ringfinger stimuliert, wird 'Prana' stimuliert, die Energie, die oberhalb des Zwerchfells und unterhalb des Halses regiert. Wenn wir die Energien auf diese Weise steuern können, hat das Rückwirkungen auf das pranische Heilen.

3. Mental:

Die Augen sind mit dem Okzipitalteil des Kortex verbunden, dem Teil des Hirns, der im Hinterkopf liegt. Durch Shambhavi oder Nasikagra Mudra wird der Alphawellenzustand verstärkt; dieser Zustand erlaubt subjektive Erfahrungen von entspannter Wahrnehmung und spontaner Kreativität. Wenn man lange genug in diesem Mudra verharrt, dann wird es zu einer Konzentrations- bzw. Meditationstechnik. Aber dies sollte mit Anleitung geübt werden. Versuche haben gezeigt, dass durch Meditation die intellektuellen Abläufe im vorderen Hirn sich entspannen und kann angewandt werden, um psychologische Störungen wie Manie (Zwangsvorstellungen), Hysterie, Depression, Angstneurose und Angst u. a. zu kurieren. Wir erlangen durch die Übung Kontrolle über unsere Gedanken und höhere mentale Abläufe.

Durch Konzentration und Integration des Geistes können viele latente und unbenutzte Hirnkreise in unsere bewusste Wahrnehmung geholt werden. Psychologische Probleme und unbewusste Neurosen verlieren ihre Kraft, mit der sie unser ganzes Leben beeinflusst haben. Wir setzen also negative Energie frei, die vorher in Form von emotionalen Problemen im Hirn und Geist festgesetzt waren und ersetzen sie durch positive, kreative und lebenserhaltende Gewohnheiten und Fähigkeiten.

Wenn wir Mudras formen, passieren diese Abläufe alle gleichzeitig, denn physische, pranische und mentale Aspekte hängen miteinander zusammen. Die Wirkung ist total, sehr subtil, aber äußerst stark. Sie haben eine wundervolle Wirkung auf das Bewusstsein, die man jedoch selbst erleben muss, um es zu verstehen. Aber es soll nochmal betont werden, dass man die Mudras nur dann verstehen kann, wenn man langsam an die Übungen heran geht und sich einführen lässt. Auf diese Art wirst du lernen, deine herumschwirrenden Gedanken und Handlungen zu integrieren, so dass das Leben ein anmutiges Fließen und Verstehen wird. Dein ganzes Wesen kann zu einem Mudra werden, einer inneren Lebensgeste, die in dein äußeres Leben reflektiert. So sind Mudras sehr praktisch und gleichzeitig ein Weg, dein Leben zu verändern.

(Aus: Yogaheft 11) - von Dr. Swami Shankhadevananda Saraswati, Yoga Magazine, March 1979

Vajroli Mudra

Obwohl Yoga für die meisten Menschen im Westen inzwischen ein Begriff ist, ist es doch in erster Linie Hatha Yoga, worüber gesprochen und was gelehrt wird. Hierunter fallen größtenteils gymnastische Übungen - ein wenig verwandelt -, die dann als Hatha Yoga Übungen bezeichnet werden. Die alten yogischen Schriften sind vielen Yogalehrern nicht einmal bekannt. Hierzu zählt insbesondere die Hatha Yoga Pradipika, die von dem Yogi Swatmarama zusammengestellt wurde. In der Urfassung ist sie so gut wie nicht verständlich, da diese Übungen in früheren Zeiten stets vom Meister an den Schüler in direkter Form vermittelt wurden.

Deshalb brauchen wir heute Kommentare, um den tieferen Sinn und die genaue Durchführung der vielfältigen Übungen zu verstehen. In unserem Yogaheft Nr. 15, herausgegeben im März 1987, haben wir die Einführung zur Hatha Yoga Pradipika veröffentlicht, in der Swami Satyananda ausführlich diese alte Wissenschaft erklärt.

Die kommentierte Hatha Yoga Pradipika ist eines der wichtigen Werke der Bihar School of Yoga (in englisch) und kann über uns bestellt werden. Das siebenhundertseitige Buch enthält alle Original-Slokas (Verse) in Sanskrit über Asana, Shatkarma, Pranayama, Mudra, Bandha, mit englischer Übersetzung und Kommentar. Da Hatha Yoga eindeutig zu der tantrischen Wissenschaft zählt, können die Kommentare auch nur von einem tantrischen Meister, der mit all diesen Übungen vertraut ist, gegeben werden. Einen solchen Meister finden wir in Swami Satyananda.

Aus dem dritten Kapitel über Mudra und Bandha veröffentlichen wir hier Sloka 83 über Vajroli Mudra, um in einen relativ unbekannten Aspekt von Hatha Yoga einzuführen. Wir möchten aber hinzufügen, dass es weitere 20 Slokas zu diesem Thema gibt, die erst zu tieferem Verständnis führen. Ein solches Buch zu lesen, kann Interesse wecken und unseren Verstand befriedigen. Letztendlich brauchen wir jedoch einen Meister, der uns tiefer einführen kann.

Jeder, der Vajroli gut beherrscht, wird Siddhis (Vollkommenheit) erlangen, selbst, wenn er ansonsten im weltlichen Leben steht, ohne den yogischen Regeln zu folgen.

Vajra bedeutet `Donner' oder `Blitz'. Indem der Gott Indra Vajra als Waffe trägt, wird er zum `Mächtigen'. Vajra bezieht sich hier auf das Vajra Nadi, das für die Steuerung des Urogenitalsystems verantwortlich ist. Als einer der drei wichtigen Energieströme, die sich in Sushumna Nadi (im Rückenmark) bewegen, ist es derjenige, der das gesamte Sexualsystem im Körper steuert und somit das Sexualverhalten prägt. Von Sigmund Freud wurde dieser Aspekt mit `Libido' und von Dr. Wilhelm Reich als `Orgon' bezeichnet. Durch tantrische Übungen wird diese Energie zum Leben erweckt und in andere Bahnen gelenkt, keinesfalls jedoch unterdrückt. Die Oli Mudras (Vajroli, Sahajoli und Amaroli) sind jene, die besonders die sexuelle Energie in Lebensenergie und Kundalini Shakti umwandeln.

Laut der `Shatkarma Sangraha' gibt es sieben Übungen, die Vajroli betreffen und Jahre der Vorbereitung bedürfen. Zuerst erfolgt die einfache Kontraktion der Urogenitalmuskeln, was dann später zu der Fähigkeit führt, diverse Flüssigkeiten durch die Genitalöffnungen einzusaugen. Nur, wenn die ersten sechs Übungen mit Hilfe eines Meisters beherrscht werden, kann der Yogi mit der siebten Übung beginnen.

In diese Übung kann `Maithuna', der yogische Geschlechtsverkehr, miteinbezogen werden. Wer Vajroli ernsthaft übt, kann die sexuellen Energien, Hormone und Sekrete in den Körper zurückführen und die negativen und positiven Energiepole im eigenen Körper vereinigen.

Zwangsläufig mussten uns diese Übungen als unnatürlich oder schädlich erscheinen, weil uns die Kommentare eines Meisters dazu fehlten. Viele Ausgaben der Hatha Yoga Pradipika vermeiden daher die Erörterung dieser Slokas. Tantra geriet daher in den Ruf, obszöne Praktiken zu beinhalten. Das ist jedoch eindeutig eine falsche Auslegung und führte zu der Vorstellung, dass spirituelles Leben mit dem weltlichen Leben und dem physischen Körper nicht vereinbar sind. Die religiöse Konditionierung der Vergangenheit hat das ihrige dazu beigetragen. Spirituelles Leben ist nicht gegen die Sexualität gerichtet und das Sexualleben ist nicht antispirituell!

Man kann natürlich auch im Zölibat leben, aber vom tantrischen Gesichtspunkt aus sollte dieser Wunsch aus dem Inneren heraus entstehen und keinesfalls die Unterdrückung der sexuellen Wünsche beinhalten. Spirituelles Leben bringt eine Bewusstseinsentwicklung mit sich und schließt eine neue Körpererfahrung ein. Letztendlich führt es dahin, dass wir Yoga in unser ganzes Leben mit einbeziehen können, warum also sollte das Sexualleben davon ausgeschlossen sein? Aus diesen Slokas geht hervor, dass sich das Sexualleben von der rein sinnlichen Ebene auf eine spirituelle ausweiten kann, vorausgesetzt, dass man sich bestimmter Übungen unterzieht. Und das ist der Sinn von Vajroli Mudra.

Den Namen Yogi verdient ein Mensch, der seinen Körper mit all seinen Funktionen, seine Gedanken, Gefühle und Handlungen unter vollkommener Kontrolle hat. Wenn sich z.b. jemand mit Essen vollstopft, ist das genauso `obszön', wie unkontrollierte sexuelle Betätigung. Durch Ausleben der Sexualität werden drei unterschiedliche Bedürfnisse, die mit den drei Gunas (Eigenschaften der Natur) zusammenhängen, abgedeckt. In Sanskrit heißen sie Tamas, Rajas und Sattwa. Mit unseren Worten können wir sie als Trägheit, Aufruhr und Harmonie bezeichnen. Für den tamasgeprägten Menschen ist der Geschlechtsverkehr für die Zeugung von Nachkommen vorrangig. Für den rajasgeprägten Menschen ist es das sinnliche Vergnügen. Dem sattwageprägten Menschen ist der spirituelle Aspekt vorrangig und dementsprechend setzt er den Geschlechtsverkehr dafür ein.

Der Wunsch nach Samenerguss ist ein instinktiver innerer Trieb, der in der ganzen Natur beobachtet werden kann, also nicht nur beim Menschen. Schuldgefühle oder Scham sind also absolut unnötig. Das Ziel eines Menschen sollte es jedoch sein, das animalische Bewusstsein zu überwinden und ein inneres Glück zu erlangen. Das Potential des Menschen ist weitaus größer, als die kurzlebigen Erfahrungen, die mit dem Samenerguss einhergehen. Samen und Ova (weibliches Sekret) tragen das gesamte Evolutionspotential mit sich und wenn wir hierüber Kontrolle erlangen können, werden wir nicht nur Meister über den Körper, sondern ebenfalls über das Bewusstsein.

Nur wenige können diesen Mechanismus steuern, denn das Wissen darüber ist verschüttet; wir sind aber alle durch diverse Hatha Yogaübungen dazu in der Lage. Wer diese Kunst erlangt, stößt in einen neuen Erfahrungsbereich vor. Die Weiterentwicklung ist möglich und geschieht stufenweise.

Unkontrolliertes Freilassen des Samens beeinflusst das gesamte Leben eines Menschen, führt zu vorzeitigem Nachlassen der Gehirnkapazität, belastet das Herz und erschöpft das Nervensystem. Viele Menschen sterben vorzeitig an physischer und mentaler Erschöpfung, ohne ihre Ziele und Träume erreicht zu haben. Die moderne Wissenschaft ist noch nicht so weit vorgedrungen, um sich dieses wichtigen Faktors bewusst zu werden.

Wenn der Samenerguss aufgehalten werden kann, so dass Energie und Sperma nicht durch das Zeugungsorgan hinausgelangen, kann die Energie in noch nicht entwickelte Zentren des Gehirns gelenkt werden, so dass sich ein neues, größeres Bewusstsein entwickelt, größere Aufgaben können verwirklicht werden und eine uneingeschränkte Vitalkraft wird freigesetzt.

Wer Vajroli Mudra übt, wird - auch wenn er ein weltliches Leben führt - größere Erfolge im Leben haben, aus einer tieferen Quelle werden ihm vitale und mentale Kraft zufließen. Das ist die Aussage dieses Slokas. Es gibt nur wenige große Yogis und Meister, die diese Erfahrungen gemacht haben und dann ihre Schüler in die `Oli Mudras' und andere Hatha Yoga-Techniken eingeweiht haben.

Im normalen Leben ist der sexuelle Höhepunkt der einzige Moment, wo sich das Bewusstsein für einen flüchtigen Augenblick ausschaltet und andere Ebenen als die des Körperbewusstseins betreten werden können. Dieses Erlebnis ist jedoch nur deshalb so kurzlebig, weil sich die Energien nur durch die niederen Energiezentren zum Ausdruck bringen können. Jene Energie, die so verloren geht, kann genutzt werden, um die schlafende Kraft von Kundalini im Mooladhara Chakra zu erwecken. Kann das Sperma zurückgehalten werden, ist es möglich, die Energie durch Sushumna Nadi und das Zentralnervensystem zu den ruhenden Teilen des Gehirns und dem noch nicht erwachten Bewusstsein zu lenken.

Für den Tantriker bleibt die Erfahrung während des Geschlechtsaktes nicht an diesem Punkt stehen, wo alle Gedanken ausgeschaltet sind, sondern dehnt sich über den rein sinnlichen Bereich aus. Bewusstheit und Kontrollfähigkeit müssen sich jedoch langsam entwickeln, ebenso die Sinne, die zwar als Werkzeug benutzt werden, jedoch nicht im animalischen Bereich verbleiben. Vajroli Mudra und verschiedene andere tantrische Rituale dienen dazu, dies zu vervollkommnen.

Gerade heute im Kali Yuga - dem dunklen Zeitalter - ist Vajroli Mudra so wichtig, weil die Menschen dieses Zeitalters sich vorrangig in der materiellen und sinnlichen Welt bewegen. Wir müssen nicht aus dieser Welt flüchten, sollten aber gleichzeitig ein inneres Wahrnehmungsvermögen entwickeln. Wir sollten es uns zum Ziel setzen, unser Leben mit tieferen und erfüllteren Erfahrungen zu bereichern, die über die gewöhnlichen Sinnesempfindungen hinausgehen.

Der Mensch hat vier Grundbedürfnisse, die in der Sanskritliteratur als Purushartha oder Chaturvarga bekannt sind. (Kama - Sinnesfreuden, Artha - Streben nach Wohlstand, Dharma - Pflicht, Moksha - Befreiung). Kama ist die sinnliche Befriedigung, die im bestimmten Umfang ausgelebt werden muss. Dabei sollten wir jedoch nicht zulassen, dass das Bewusstsein nach unten gezogen wird. Auch diese Befriedigung dient letztlich einem höheren Sinn.

Jede Handlung, und dazu zählt auch der Geschlechtsakt, sollte so vollzogen werden, dass wir unsere wahre Existenz und den eigentlichen Sinn unseres Lebens erkennen. Dann erst führen wir ein wahrhaft spirituelles Leben.

Spirituelles Leben sollte nicht mit puritanischen Moralvorstellungen verwechselt werden. Man kann nach puritanischen Idealen leben und auch so zur Erleuchtung gelangen, sollte dann aber nicht andere verurteilen, die so nicht leben wollen oder können. Werden Ideale gesetzt, dass der spirituelle Pfad eben so und nicht anders zu sein hat, werden die eigenen Möglichkeiten für neue und größere Erfahrungen begrenzt.

Spirituelle Entfaltung ist ein evolutionsimmanenter Prozess. Wie die Entwicklung der Natur kann er langsam über Jahrmillionen ablaufen, oder er kann durch Yogaübungen beschleunigt werden. Vajroli Mudra ist eine bedeutende Übung in dieser Richtung. Sie ordnet das umfassende System der Sexualität, indem sie den Testosteronspiegel und die Spermaproduktion beeinflusst. Jeder sollte Vajroli üben, gleichgültig, ob er in einer Partnerschaft lebt oder nicht, denn dann kann er den Geschlechtsakt ausführen, ohne dabei seine Samenflüssigkeit zu verlieren.

(Aus: Yoga Heft Nr. 34) - Swami Satyananda