Yoga und Erinnerungen (smriti)

Unerwünschte, unangenehme, erschreckende Erlebnisse oder Erfahrungen, denen wir irgendwann in der Vergangenheit, vielleicht gar in der frühen Kindheit ausgeliefert waren und in unseren Erinnerungsspeicher verbannt haben, können unser Leben stark beeinflussen. Yoga Übungen ermöglichen uns, diese alten Erinnerungen aus ihrem Gefängnis zu befreien. Das wird unser Leben positiv beeinflussen. Hierzu möchte ich euch drei wahre Begebenheiten erzählen.

Swami Shankardevananda kam wegen seiner starken Asthmabeschwerden in Berührung mit Yoga und diese erste Begegnung führte ihn schließlich in die Bihar School of Yoga nach Munger/Indien. Die Yoga Übungen halfen ihm zwar, konnten aber die Krankheit als solche nicht beheben. Eines Tages hatte er während seiner Meditation ein erstaunliches Erlebnis.

In der Meditation tauchen oft bestimmte Fragen auf, die wir nicht mal bewusst stellen, sie sind plötzlich da. Seine Frage lautete offensichtlich: "Woher kommt mein Asthma"?

Er blickte in Chidakash, den Raum des Bewusstseins hinter den geschlossenen Augen und sah eine große Frau mit einem riesigen Löffel Kürbisgemüse. Sie zwang ihm den Kürbis regelrecht in den Mund, woran er fast erstickte. In diesem Augenblick kam die verdrängte Erinnerung zu ihm zurück.

Als kleines Kind hatte er eine Babysitterin, die davon überzeugt war, dass Shankardev unbedingt Kürbis essen müsse. Er aber wollte keinen Kürbis, und nun ratet mal, wer der Stärkere von beiden war? Natürlich sie. Während sie ihm den Kürbis in den Hals stopfte, hatte er genau dieses Erstickungsgefühl, das sich später in seinen Asthma-Anfällen wiederholte. Nach diesem Meditationserlebnis traten die Anfälle immer seltener auf und verschwanden schließlich ganz.

Etwas Ähnliches kann ich euch von Swami Nishchalananda erzählen, der in den Siebzigern zu Yoga kam, um seine Klaustrophobie in den Griff zu bekommen - die Angst vor geschlossenen Räumen. Ihr denkt vielleicht, Klaustrophobie sei kein ernsthaftes Problem, da man sich doch eher selten in geschlossenen Räumen aufhält. Weit gefehlt, sie kann für den Betroffenen zu einem großen Problem werden. Es sind nicht einfach geschlossene Räume, damit verbunden ist die immer lauernde Angst, eingeschlossen zu sein. Denkt an Busse oder Züge, deren Türen sich heutzutage automatisch schließen oder an ein Flugzeug, das man betritt und, nachdem sich die Türen geschlossen haben, für Stunden nicht verlassen kann. Menschen mit Klaustrophobie können das unmöglich ertragen, also reisen sie auch nicht. Was ist, wenn sie in den 34. Stock eines Hochhauses müssen? Niemals würden sie den Aufzug benutzen. Ich wette, diese Menschen sind körperlich die Fittesten auf der Welt.

Nishchalananda litt also sehr unter seiner Klaustrophobie. Als er eines Morgens meditierte, erinnerte er sich an ein Bild aus seiner Kindheit. Er hatte jede Menge Maden gesammelt, weil er einen Angelausflug geplant hatte. Irgendetwas kam ihm dazwischen, so dass der Ausflug ins Wasser fiel. Er ließ die Maden bei den Angelsachen zurück. Ein paar Tage später packte er seine Angelsachen erneut. Als er die Dose öffnete, flog ihm unvermittelt ein ganzer Schwarm Schmeißfliegen direkt ins Gesicht. Die Fliegen waren überall, krochen ihm in die Nase, flogen in Augen und Ohren, er hatte panische Angst. Und genau diese Angst hat seine Klaustrophobie ausgelöst. Er stellte sich seiner Panik während seiner Meditation erneut und so verschwand seine Klaustrophobie nach einiger Zeit völlig.

Ich berichte jetzt von einem eigenen Meditationserlebnis. Es passierte vor dreißig Jahren als ich praktischer Arzt war. Glücklicherweise kannte ich bereits Yoga Nidra, was ich dem Buch "Yoga from Shore to Shore" (Yoga - Weg zur inneren Freiheit) entnommen hatte. Ich wandte es zwar an, jedoch mit nicht allzu großer Begeisterung. Eines Morgens nahm ich auf meinem Weg zur Arbeit ein junges Paar im Wagen mit, weil sie ihren Bus verpasst hatten. Die Frau setzte sich neben mich, der Mann nach hinten. Ich sollte sie in Mosman absetzen.

Kaum saß sie, stellte sie mir religiöse Fragen in der Art: "Hast du dein Herz schon unserem Herrn Jesus Christus geschenkt oder bist du noch immer ein armer Sünder?” Ohne Vorwarnung wurde ich entsetzlich wütend, war drauf und dran, ihr ins Gesicht zu schlagen. Meine Reaktion schockierte mich, ich konnte mich nicht erinnern, im Leben jemals derart gewalttätige Gedanken verspürt zu haben. Ich, ein angesehener Arzt, habe das dringende Bedürfnis dieser Frau ins Gesicht zu schlagen, nur weil sie über ihren Glauben gesprochen hatte! Das war zuviel für mich. Ich hielt den Wagen an und forderte sie ziemlich schroff auf, sofort auszusteigen. Verdutzt stiegen beide aus und ich fuhr weiter in meine Praxis. Meiner Arzthelferin befahl ich nicht gerade freundlich, mich unter keinen Umständen zu stören, denn ich müsse dringend etwas für mich herausfinden.

Ich legte mich auf den Untersuchungstisch und begann mit Yoga Nidra. Wiederholt stellte ich mir die Frage, was mich derart in Wut versetzt hatte, denn das entsprach wirklich nicht meiner Art. Plötzlich sah ich in Chidakash das Bild eines großen Mannes mit hochrotem, ärgerlichem Gesicht. Er schaute auf mich herab und sagte mit irischem Akzent: "Wenn du nicht auf eine katholische Schule gehst, wirst du in der Hölle schmoren". Voller Schreck kam ich aus dem Yoga Nidra Zustand heraus und brach dann in lautes Lachen aus. Ich hatte erkannt, was passiert war. Es war ein Erlebnis, dass ich als Viereinhalbjähriger hatte und das völlig aus meiner Erinnerung verschwunden war.

Mein Vater war ein presbyterianischer (evangelischer) Steinmetz aus Glasgow, meine Mutter eine Katholikin aus Edinburgh. Damals in den Dreißigern war dies eine gefährliche Verbindung, dennoch hatten sie immer eine liebevolle Beziehung. Allerdings gab es die Abmachung, dass ein Kind in die evangelische und ein Kind in die katholische Schule gehen würde, und sonntags gingen wir gemeinsam in die örtliche Gemeindekirche.

Stein des Anstoßes für die Nonnen meiner Schule war mein sonntäglicher Gang in die Gemeindekirche, was dazu führte, dass ich fortan auf ein weit entferntes Internat kam. Eines Tages auf dem Heimweg lief mir der örtliche Pfarrer über den Weg. Er brüllte mich auf offener Straße an - ich war erst viereinhalb - und drohte mir mit dem "Höllenfeuer". Ich hatte panische Angst. Er wirkte auf mich wie ein riesiges schwarzes Monster, von dem ich glaubte, es würde mich jeden Moment umbringen oder mir etwas ähnlich Schlimmes antun. Ich rannte schreiend nach Hause und verdrängte das Erlebte sofort. Später hatte ich absolut keine Erinnerung mehr daran, trotzdem hat es mich dreißig Jahre lang stark beeinflusst.

Ich war immer Atheist und, anscheinend ohne einen triftigen Grund, davon überzeugt, dass die katholische Kirche ein großes Übel auf Erden war. Heute denke ich dank des Erlebnisses in Yoga Nidra ganz anders, es hat mir den Weg freigemacht für ein spirituelles Leben. Dieser kleine Moment in Yoga Nidra hat mir den wichtigsten Lebensbereich geöffnet. Er wäre ansonsten bis heute verdeckt geblieben, was meiner Persönlichkeit sowie meinem gesamten Potenzial im Leben enorm geschadet hätte.

Diese Erlebnisse sind sehr persönlich. Sie führen uns in den Bereich von Pratyahara, in dem es darum geht, etwas über sich selbst herauszufinden, das im Verborgenen liegt. Die Auswirkung auf unser Leben kann sehr positiv sein.

Genau darum geht es auch in der Psychotherapie, in der Psychoanalyse und sogar in der Hypnose. Es ist nicht die Auf-gabe des Therapeuten, den Patienten aus einer Gefühlsverwirrung heraus zu holen, sondern unterdrückte Erlebnisse wach zu rufen. Yoga Psychologie bedeutet, Yoga so anzuwenden, dass sich unsere mentalen und emotionalen Reaktionen verbessern, unsere Beziehung zu Anderen, unser Verhalten, unser Umgang mit Spiritualität. Es bedeutet auch, die Kraft der Unterscheidung von richtig und falsch zu entwickeln. Wir meinen, viele Dinge zu wissen, hinterfragen erst gar nicht, ob sie korrekt sind. Ich war totaler Atheist und war überzeugt, dass Gott nicht existiert. Doch ich hatte Unrecht, und diese Überzeugung hat einen wichtigen Bereich meines Lebens eingekerkert. Meine Meinung über die katholische Kirche stand fest, aber sie stimmte nicht. Und so entstehen unsere Meinungen und Verhaltensweisen, unsere Engstirnigkeit und Voreingenommenheit. Wir haben vieles davon, und das meiste hat seine Ursache in uralten Erinnerungen, die im Verborgenen liegen, zu denen wir keinen Zugang haben, weil die Erinnerung an das ursprünglich Erlebte unterdrückt wurde. Wenn wir uns weiter entwickeln wollen, müssen wir die Erinnerungen an die Oberfläche holen und verarbeiten.

Patanjali sagt, dass eines der fünf Vrittis die Erinnerung ist. Sie ist es, die unser individuelles Bewusstsein stört. Erinnerungen stapeln sich auf mehreren Ebenen. Noch leicht abzurufen sind die alltäglichen und die darunter gestapelten. Dann aber kommt die konkrete Verdrängungsebene, in der das meiste gut verborgen ist. Diese Erinnerungen sind mit negativen Emotionen aufgeladen, wie Angst, Scham, Schuld etc. Das Erlebnis, das ich damals als kleiner Junge hatte, hat mich entsetzlich erschreckt und wurde komplett unterdrückt. Wie gelangen wir nun zu den tiefer gelegenen Ebenen unseres Bewusstseins?

Yoga Übungen sind dazu da, Verborgenes an die Oberfläche zu bringen, um es dann verarbeiten zu können. Manchmal ist es primitiver Natur, möglicherweise gar aus einem früheren Leben, dennoch brauchen wir einen Zugang. In der ganz frühen Kindheit gab es nicht einmal Worte, die Erfahrungen sind trotzdem da und wir müssen sie erneut durchleben. Noch einmal Erleben ist wichtig, nur darüber reden hilft uns nicht weiter. In Yoga ist die eigene Erfahrung also das Wichtigste.

Durch Yoga Nidra gelangen wir allmählich in den Pratyahara Zustand. Neurophysiologen würden es den Alpha-Theta-Zustand nennen, eine Phase an der Grenze zum Schlaf. In dieser Phase betreten wir die Ebene des Unbewussten, wo wir sämtliche unterdrückten emotionalen Erfahrungen noch einmal erleben können. In der Haltung des Beobachters werden die Erinnerungen hochkommen, wir können sie erneut durchleben und dann freilassen. Unser Leben wird offen für neue Möglichkeiten und neue Beziehungen, die vorher undenkbar waren.

Es ist der Pratyahara Zustand, der all das möglich macht. Hier können wir herausfinden, wo Probleme herrühren, die innerlich aufwühlen - so wie in meinem Fall das Verlangen, diese Frau zu schlagen. Die Übung dazu heißt Chidakash Dharana. Eine weitere große Hilfe ist ein positives Sankalpa, das wir in Yoga Nidra anwenden. Dies sind zwei von vielen Möglichkeiten, wie wir Yoga Übungen nutzen können, um unser Leben zu verbessern.

von Dr. Rishi Vivekananda Saraswati
SATSANG 14th April, Mangrove Mountain, Australien