Swara Yoga

Tantrische Wissenschaft des Gehirnatmens

Swara ist der Atem und Swara Yoga ist die Wissenschaft des Atems. Swara Yoga ist für den fortgeschrittenen Yoga Schüler gedacht, aber die Einführung in diese beiden großen und wichtigen Themen wirft auch für den Anfänger Licht auf einen grundlegenden Aspekt von Yoga.

Wer Swara Yoga in seiner ganzen Fülle lernen möchte, sollte einige Zeit in die Bihar School of Yoga nach Indien gehen. Viele Einzelteile fließen jedoch auch in unsere ganz alltägliche Yogaübung und natürlich auch in unser Alltagsleben hinein. Das Buch `Swara Yoga' ist bei uns in englischer Sprache erhältlich.

Nadis

Die Anwesenheit von positiv und negativ (plus und minus) geladenen Teilchen in Körper und Bewusstsein gibt uns die Möglichkeit, in dieser Welt zu leben. Aber die Wunder der Natur sind damit nicht beendet. Der Mensch hat eine Methode entdeckt, ein Atom zu teilen und die Kernenergie freizulegen. Ebenso kann er ein größeres Energiequantum in seinem eigenen inneren Wesen zur Wirkung bringen. Vor endlos langer Zeit schon benutzten die Rishis ihr prinzipielles Wissen vom Verstärken der pranischen Energie, um die Evolution des menschlichen Bewusstseins auszudehnen. Der einzige Unterschied zwischen den modernen und den historischen Methoden, Energie zu erzeugen, liegt darin, dass die einen äußere Quellen benutzen, und die anderen innere.

Das pranische Netzwerk im Körper arbeitet auf genau der gleichen Basis, wie das Energiesystem von Atom-, Hydraulik oder Thermalkraftwerken. Der Druck von schnell fließendem Wasser oder aufsteigendem Dampf bringt Turbinen zum Drehen, die dann Elektrizität erzeugen. Dieser Vorgang erzeugt ein magnetisches Kraftfeld, das man in Akkumulatoren sammeln und speichern kann. Die Yogis erklären, wie genau auf der gleichen Basis das pranische Feld im Körper durch die Atmung geladen ist, das bedeutet, dass der Atemvorgang Energie erzeugt. Diese Energie kann dann in die verschiedenen pranischen Akkumulatoren gelenkt werden, in die Chakras, um sie dort zu speichern.

Die Akkumulierung von Energie ist nur ein Teil des Vorgangs; sie muss auch richtig genutzt werden. Von einem Kraftwerk wird die Energie durch Hochspannungskabel zu Umspannungs- oder Trafostationen geleitet. Wenn sie einmal auf dieser Arbeitsstufe angelangt ist, hat sie Transformatoren durchlaufen, die die Voltzahl (z.B. von 100000 Volt auf 220 Volt) oder die Spannung reduziert haben, so dass sie nun für einen bestimmten Zweck genutzt werden kann. Das gleiche Prinzip gilt für unseren physischen Körper, nur sind hier die Voltkanäle, die die elektrische Energie leiten, keine elektrischen Kabel, sondern 'Nadis'.

Das Netzwerk der Nadis

Der physische Körper wird von einem ganzen Nadisystem getragen. Immer wieder wird das Nadisystem mit dem Nervensystem in Verbindung gebracht. Aber in den Chandogya und den Brihadaranyaka Upanishaden wird eindeutig darauf hingewiesen, dass die Nadis ganz und gar feinstofflicher Natur sind. Das Wort Nadi stammt von der Sanskritwurzel 'nad', was Fluss bedeutet. Nada ist eine klingende und subtile Schwingung. Somit können wir sagen, dass Nadis subtile Schwingungsströme sind. Die Upanishaden erklären, wie die Nadis den Körper von den Sohlen der Füße bis zur Krone des Kopfes durchdringen und Prana, den Lebensatem überall hintragen. Das gesamte Netzwerk der Nadis ist so unendlich groß, dass selbst yogische Texte in der Angabe der exakten Zahlen schwanken. In der Goraksha Satarka und der Hatha Yoga Pradipika wird von 72000 gesprochen; die Prapanchasara Tantra sprechen von 300.000; und die Shiva Samhita spricht von 350.000 Nadis, die im Nabelzentrum entspringen. Wenn man von der Zahlenschwankung absieht, ist die Beschreibung ihrer Struktur überall die gleiche. Sie werden immer als dünne strähnenähnliche Fäden beschrieben, ähnlich wie der Stengel eines Lotos, und sie entspringen in der Wirbelsäule.

Durch wissenschaftliche Experimente hat man versucht herauszufinden, was die Nadis sind und wo sie sich befinden. Dr. Hiroshi Motoyama hat durch seine Forschungsarbeit eine stabile Spannung elektromagnetischer Ströme in unmittelbarer Nähe des Nervensystems gefunden. (*1) Er nimmt dies als Beweis für die Existenz von Nadis und AkupunkturMeridianen.

Die zehn Haupt Nadis

In jedem elektrischen Kreislauf gibt es drei verschiedene Kabel, die für die Leitung erforderlich sind - eines ist plus oder positiv, eines minus oder negativ, und ein drittes ist neutral, auch Erdung. Ebenso gibt es im Körper drei spezielle Nadis, um Energie zu leiten. In Yoga ist die negative Linie Ida, der Weg für Manas Shakti, die mentale Kraft. Die positive Linie ist Pingala, die die dynamische Energie, Prana Shakti leitet. Um einen Kurzschluss dieser Linien zu vermeiden, gibt es einen dritten Kanal, Sushumna, der auch als Erdkabel wirken kann; solange er im latenten Zustand ist, hat er seine Wurzel im Mooladhara Chakra. Aber die wahre Bestimmung von Sushumna ist es, Kanal für die spirituelle Energie im Menschen zu sein; dies ist eine größere Kraft als Manas oder Prana Shakti. Aus diesem Grunde haben die Yogis bestimmte Techniken entwickelt, um Sushumna zu aktivieren.

Es heißt, dass von all den Tausenden von Nadis Sushumna das Wichtigste ist. In der Shiva Swarodaya wird von 10 Haupt Nadis gesprochen, die eine Verbindung zu den Öffnungen in den Körper hinein und aus dem Körper heraus haben. Von diesen zehn sind Ida, Pingala und Sushumna am wichtigsten. Dies sind die Hochspannungskabel, die die Energie zu den Umspannungsstationen, den Chakras, leiten, die in der Wirbelsäule liegen. Es gibt natürlich noch weniger wichtige Nadis, bei all den Übungen braucht man sich jedoch nur auf Ida, Pingala und Sushumna zu konzentrieren, denn sie regieren über das gesamte Nadisystem und die Körperabläufe.

Positiver und negativer Aspekt

Es ist sehr wichtig, sich klar zu machen, dass Ida und Pingala entgegen gesetzte Aspekte von einem Prana oder der einen Shakti sind. Diese Bezeichnungen sind nur erklärend und sollten nicht mit positiven und negativen Ionen oder mit positiver und negativer Gemütsverfassung durcheinander gebracht werden. Zum Beispiel ist die allgemeine Wirkung der negativen Ionen im Körper 'positiv'. Wohingegen das positive Symbol von Pingala auf die physische Aktivität, und das negative Symbol von Ida auf die mentale, gedanklich-seelische Ebene verweist. Deshalb müssen wir mit den Begriffen der positiven und negativen Energie vorsichtig umgehen, wenn wir über die Nadis sprechen.

Der Ida-Gang

Ida-Nadi, der negative Kanal, trägt Bewusstsein in jeden Teil des Körpers. Die Shiva Swarodaya vergleicht ihre Natur mit der Energie, die vom Mond erzeugt wird, daher sagt man auch Chandra Nadi oder das lunare Nadi. Man kann Ida mit dem parasympathischen Nervensystem in Verbindung bringen, von wo aus Impulse in die Organe der Eingeweide gesendet werden, um die inneren Abläufe zu stimulieren. Dadurch entsteht ein allgemeiner Zustand der Entspannung in den äußeren Muskeln, und geht einher mit dem Absinken der Körpertemperatur. Daher sagt man, dass Ida kühlend, entspannend und nach innen ziehend wirkt.

Der Weg von Ida unterscheidet sich allerdings zu dem des parasympathischen Nervensystems. Ida entspringt an einem Punkt unterhalb der Wirbelsäule, wo das erste Energiezentrum liegt, Mooladhara Chakra. Dieses Nadi entspringt an der linken Seite von Mooladhara und bewegt sich spiralförmig nach oben, indem es alle anderen vier Energiezentren und Nervengeflechte in der Wirbelsäule durchkreuzt und zum Endpunkt an der Wurzel des linken Nasenlochs kommt, das zu Ajna Chakra, dem sechsten Energiezentrum, gehört.

Manche Texte beschreiben Ida auch als gerade nach oben aufsteigend, ausgehend von Mooladhara zu Ajna, ohne noch ein anderes Zentrum zu durchkreuzen. Dies kann auch symbolisch dafür genommen werden, dass Ida die linke Seite der Wirbelsäule und die ganze linke Hälfte des Körpers regiert. Hier kann man sich einen Magnet vorstellen, um die Pole Plus und Minus zu beschreiben. Wenn wir einen Magneten teilen, nehmen beide Enden des Magneten die entgegen gesetzten Polaritäten an. Genauso ist es im Körper: die Organe auf der rechten Körperseite sind polarisiert, so dass Pingala die rechte Seite eines Organs regiert und Ida die linke.

Laut Swara Yoga beeinflusst das Atmen durch das linke Nasenloch die Aktivitäten von Manas Shakti; es zeigt an, dass das Sich-Nach-Innenwenden und die mentale Kreativität vorherrscht, so dass jede extrem dynamische oder extrovertierte Aktivität vermieden werden sollte. Daher manipuliert der Swara Yogi den Atemfluss im linken Nasenloch, um Ida direkt zu kontrollieren, um seinen Einfluss willentlich hervorzuheben, oder, wenn nötig, zu unterdrücken.

Der Pingala-Weg

Pingala ist Vermittler von Prana Shakti. Es ist der positive Aspekt, das Sonnen-Nadi, weil seine Energie so belebend ist wie die Sonnenstrahlen. Pingala aktiviert den physischen Körper und richtet die Wahrnehmung nach außen. Es wird in Zusammenhang gebracht mit dem sympathischen Nervensystem, welches Adrenalin freisetzt, um die äußeren Muskeln zu stimulieren. Der Sympathikus bereitet den Körper auf Stress und äußere Aktivität vor; z.B. lässt er das Herz schneller schlagen und erwärmt den Körper. Darum sagt man, dass Pingala energetisiert, erwärmt und nach außen richtet.

Pingala entspringt an der rechten Seite von Mooladhara, entgegengesetzt von Ida. Es windet sich an der Wirbelsäule nach oben, indem es Ida und die vier Hauptenergiezentren kreuzt und endet an der Wurzel des rechten Nasenlochs. Die ganze rechte Körperseite sieht man daher von Pingala regiert. Um Pingala zu aktivieren oder zu unterdrücken, wird der Luftfluss im rechten Nasenloch manipuliert.

Rechte und linke Hemisphäre des Gehirns

Bestimmte Funktionen der Zerebralregion im Gehirn stehen ebenfalls mit den Aktivitäten von Ida und Pingala in Verbindung. Das Großhirn ist symmetrisch und besteht aus der rechten und der linken Hemisphäre. Die rechte Hemisphäre regiert die linke, und die linke Hemisphäre regiert die rechte Körperseite. Ida gehört zur rechten und Pingala zur linken Hemisphäre.

In der rechten Hemisphäre verlaufen Informationen in einer diffusen und holistischen Art. Von hier wird die Orientierung im Raum kontrolliert, und diese Hemisphäre ist besonders sensibel gegenüber dem Schwingungsbereich unserer Existenz und solcher Erfahrungen, die für den äußeren Sinnesempfang nicht greifbar sind. Es ist somit verantwortlich für die psychischen und außersinnlichen Wahrnehmungen und stimuliert kreative, künstlerische und musische Fähigkeiten. Entgegengesetzt steht die linke Hemisphäre in Verbindung mit Pingala und ist verantwortlich für rationale, analytische und mathematische Fähigkeiten. In der linken Hemisphäre verläuft die Information der Reihe nach, linear und logisch. (*2) Auf diese Art kontrollieren und motivieren die Hemisphären in Assoziation mit den Nadis unsere Reaktionen im täglichen Leben.

Jede Hemisphäre steht ebenfalls in Verbindung mit dem Entstehen von unterschiedlichen Gefühlen. Neurologen haben die rechte Hemisphäre als 'traurig' und die linke als 'fröhlich' beschrieben (*3). Man hat sogar herausgefunden, dass ein positiver Gefühlsstimulus die linke Hemisphäre und ein negativer Gefühlsstimulus die rechte Hemisphäre aktiviert. Darüber hinaus verursachen linke/rechte Aktivitäten jemanden, unter gewissen Umständen in einer ganz bestimmten Art zu reagieren. (*4) Man entdeckte, dass die linke Hemisphäre eine aggressive Reaktion, eine 'Kampfeshaltung' hervorruft, während die rechte Hemisphäre eher zum Rückzug auffordert, jemanden zum passiven Teilnehmer werden lässt, oder zum 'Flüchten' veranlasst.

Ebenso entdeckten Neurologen eine Verbindung zwischen männlichen-weiblichen Reaktionen und linken/rechten Hirnfunktionen. Es sieht so aus, als wenn Frauen eher dem Einfluss der rechten Hemisphäre unterliegen als Männer, also eher von der Ida-Kraft dominiert werden. So weit die Wissenschaft erklären kann, liegt der Unterschied in mentalen Fähigkeiten wahrscheinlich in einem abweichendem Verhältnis der Geschlechtshormone, die die Struktur des Gehirns beeinflussen.(*5) Was immer der physiologische Grund sein mag, ganz sicher stimmt es überein mit der Tatsache, dass Ida als das weibliche Prinzip gilt und Pingala als das männliche.

Das tantrische Konzept von Shiva und Shakti, den Zwillingskräften, die in jedem Individuum existieren, kann man sowohl in der Struktur von Gehirn und Pranakörper, wie auch in der Beschreibung von Ida und Pingala wieder erkennen. Ganz sicher untermauert es die Vorstellung von dem Menschen, der zwei Seelen hat, eine positive und eine negative; und ebenfalls die Theorie, dass es eine männliche und eine weibliche Seite in jedem von uns gibt.

Dreiheitliches Energiesystem

Wir haben nun gesehen, wie der Körper in zwei klar umrissene Bereiche oder Zonen entsprechend dem Energiefluss und der Magnetkraft entweder der positiven oder negativen Kräfte geteilt ist. Aber es gibt noch einen dritten Aspekt. In der Mittelachse, wo die beiden aneinandergrenzenden Seiten sich treffen, vereinigen sich die Energien von Plus und Minus und erzeugen ein neutrales Energiefeld, das sich in der Mitte gerade nach oben und nach unten bewegt. In Yoga heißt dieser wichtige Gang Sushumna Nadi.

Sushumna entspringt an der Basis der Wirbelsäule, genau wie Ida und Pingala, bewegt sich aber nicht nach rechts oder links, sondern geht gerade und direkt durch jedes auf dem Wege liegende Chakra und Nervengeflecht nach oben. Sushumna vereinigt sich mit Ida und Pingala im Ajna Chakra im Bereich der Medulla Oblongata. Daher steht es in Verbindung mit dem zentralen oder zerebrospinalen Nervensystem. Dieses trägt Impulse in das ganze System und verläuft analog zu Sushumna von der Basis der Wirbelsäule bis zu Ajna Chakra.

Auf der augenblicklichen Evolutionsstufe des Menschen liegt Sushumna im Schlummer. Wir wissen, dass dort ungeheure Kräfte ruhen, aber wenn wir nicht bestimmte Methoden anwenden, um sie zu aktivieren, wird der natürliche Entwicklungsprozess noch tausende von Jahren dauern. Das ist der Grund, weshalb Yogis uns durch Manipulation des Atems den Weg zeigen, wie wir Sushumna erwecken können. Normalerweise läuft die Energie entweder durch Ida oder durch Pingala. Wenn nun aber beide Energieströme zusammengebracht werden können, erwacht eine weitaus mächtigere Kraft, die 'Kundalini Shakti'. Kundalini ist die spirituelle Kraft, die eine bedeutend höhere Frequenz hat. Im Vergleich zu den Energien von Ida und Pingala ist diese Kraft wie ein Laserstrahl. Aber bevor die Kundalinikraft erzeugt werden kann, muss der Sushumna Gang geöffnet werden.

Wenn Sushumna aktiv ist, fließt der Atem durch beide Nasenlöcher gleichzeitig. Nach Sonnenaufgang ist das etwa alle neunzig Minuten für einen ganz kurzen Augenblick der Fall. Auch nach Pranayama-Übungen oder dann, wenn man sehr konzentriert ist, oder aber, wenn man bereit ist, eine kriminelle Handlung zu begehen, fließt Sushumna. Deshalb gibt es in Swara Yoga strikte Regeln. Wenn Sushumna Nadi fließt, können spirituelle aber auch ebenso kriminelle Tendenzen aufsteigen.

Sowohl beim Selbstmörder wie bei dem Yogi in tiefer Meditation fließt Sushumna. Wenn du irgendeine kriminelle Tat oder einen Angriff vorhast, fließt Sushumna. Sie fließt auch während einer Hochstimmung, z.b. nach einer Bergbesteigung oder Vollendung einer wichtigen Aufgabe. In diesem Moment sind beide Hirnhemisphären, also das ganze Gehirn, aktiv. Durch Ida und Pingala wird nur jeweils eine der beiden Hälften aktiviert. Durch das Öffnen von Sushumna jedoch funktionieren sowohl die Karmendriyas (physische Organe) wie auch die Gyanendriyas (mentale Organe) gleichzeitig, in diesem Moment ist man sehr erfolgreich, ob nun im spirituellen oder im weltlichen Leben.

Nadis in Sushumna

Die innere Struktur von Sushumna ist äußerst komplex. Es ist nicht nur eine hohle Röhre, die still und leblos daliegt. Gelegentlich gibt es hier einen leichten Energiefluss, den man in dem Moment wahrnehmen kann, wenn die Luft durch beide Nasenlöcher gleichzeitig fließt. Das bedeutet natürlich nicht, dass Kundalini aufsteigt, es zeigt nur an, dass Sushumna aktiviert wurde. Aber normalerweise sind diese erzeugten Impulse sehr schwach verglichen zu dem voll erwachten Zustand. Konzentration auf Sushumna in Verbindung mit speziellen Yogaübungen laden langsam aber sicher immer weiter auf und bereiten den Weg für Kundalini.

Während man sich auf Sushumna konzentriert, werden drei andere Nadis, die in den inneren Wänden von Sushumna liegen, ebenfalls aktiv. Je tiefer du kommst, umso feiner werden die Nadis. Direkt hinter der äußeren Oberfläche liegt 'Vajra Nadi', innen liegt 'Chitra' oder 'Chitrini Nadi', und noch tiefer das äußerst feine `Brahma Nadi'. Brahma Nadi heißt so, weil auf diesem Weg die höheren Zentren des Bewusstseins direkt stimuliert werden. Wenn Kundalini Shakti in diesen Gang eintritt, tauchen transzendente Erlebnisse auf.

So lange Sushumna ruht und entweder Ida oder Pingala funktionieren, unterliegen all die anderen Nadis den positiven oder negativen Einflüssen von Manas und Prana Shakti. Um Sushumna zu aktivieren, manipuliert der Swara Yogi seinen Atem, so dass er über längere Perioden gleichmäßig durch beide Nasenlöcher fließt. Die Hatha Yoga Pradipika erklärt, dass 'Sushumna Nadi verschlossen bleibt wegen der Unreinheiten der Nadis'. Deshalb sollten wir zuerst einmal versuchen, das ganze System zu reinigen, dann wird Sushumna sich automatisch öffnen. Danach müssen wir lernen, Ida und Pingala zu kontrollieren, so dass die positiven und negativen Energieströme harmonisiert werden können, dadurch schaffen wir die ideale Voraussetzung für eine Aktivierung von Sushumna.

Symbole für die dreiteilige Energie

Die negativen Kräfte von Ida, die positiven Kräfte von Pingala und die neutralen Kräfte von Sushumna sind in jeder Schöpfungsform vorhanden. Diese drei in verschiedenen Proportionen vorhandenen Energieaspekte geben der Natur die Möglichkeit, die diversen Erscheinungen zu erschaffen, und das Energiequantum bestimmt die besondere Eigenschaft der jeweiligen Form. Durch Swara Yoga lernen wir die positiven, die negativen und die neutralen Aspekte der drei Nadis in allen Manifestationen von grob bis äußerst subtil und feinstofflich erkennen.

In der unten aufgestellten Liste wird Ida von Sattva repräsentiert, während Sushumna Tamas zugeordnet wird. Das bedeutet, dass Sushumna in einem Zustand der Unbeweglichkeit ist, in tamoguna. Das ist so, weil an dem Punkt der Evolution vor dem Erwecken keinerlei Bewegung in Sushumna ist. Aber dieses Nadi enthält, damit es voll erwachen kann, in sich drei andere Nadis, die die dafür notwendigen Eigenschaften und Kraftquellen in sich tragen. So ist Sushumna tamas, Vajra Nadi ist rajas und Chitrini ist sattwa. Die Transzendenz der drei Gunas (Eigenschaften der Natur) bedeutet, sich über Zeit und Raum zu erheben, über Bewusstsein und Körper, über Ida und Pingala. An diesem Punkt der Evolution bewegt sich Shakti durch Brahma Nadi, transformiert die bewegungslose, träge Natur von Sushumna und transzendiert die Wahrnehmung der individuellen Existenz und der individuellen Erfahrungen.

Ida Pingala Shushumna
Chitta Prana Kundalini
Mental Vital Supramental
Negativ Positiv Neutral
Feminim Maskulin Androgyn
Yin Yang Tao
Mond Sonne Licht
Kalt Heiß Temperiert
Intuition Logik Weisheit
Wunsch Aktion Erkenntnis
Unterbewusst Bewusst Unbewusst
Innen Außen Zentriert
Passiv Dynamisch Ausgeglichen
Subjektiv Objektiv Wahrnehmung
Parasymphatisch Symphatisch Rückenmark
Ganga Yamuna Saraswati
Blau Rot Gelb / Orange
Brahma Vishnu Rudra (schlafend)
Sattwa Rajas Tamas (schlafend)
A U M

Swara in Sushumna

In Swara Yoga heißt es, dass in dem Moment, wenn Sushumna für längere Zeit fließt, dein Bewusstsein die Grenzen von Subjekt und Objekt, von Ida und Pingala überschreitet. Für den, der in weltliche Angelegenheiten verwickelt ist, mag dieser Zustand nicht wünschenswert sein, aber für den Yogi ist es das Ziel. In Indien gibt es Menschen, die den Zeitpunkt ihres Todes einige Tage vorher genau voraussagen können, weil sie einen fortlaufenden Strom in Sushumna beobachten. Und ihre Zusagen sind korrekt.

Wenn Sushumna über lange Zeit hinweg fließt, bedeutet das für den Yogi, dass er kurz davor ist, Körper, Bewusstsein und Objekt zu transzendieren und Samadhi bevorsteht. Für den Durchschnittsmenschen bringt es ein kurzes Erlebnis, den Körper zu verlassen und Bereiche außerhalb der empirischen Wahrnehmung zu genießen, bedeutet aber nicht, dass Kundalini schon erwacht ist. Durch Erwachen der Kundalini wird Sushumna mit dieser Energie geradezu explosiv geladen. Die ganze Wirbelsäule wird erhitzt, aktiviert und bringt eine Vielzahl von Erlebnissen mit sich.

  • *1 Motoyama H., An electrophysiological study of prana (Ki)
  • *2 Ornstein R., The Nature of Human Consciousness
  • *3 Kinsbourne M., Psychology Today, May 1981
  • *4 u. *5 Brain / Mind Bulletin

(Aus: Yoga Heft Nr. 29) - Swami Muktibhodhananda, inspiriert von Swami Satyananda

Was ist Swara Yoga?

Einführung

Schon seit Jahrtausenden versucht die Menschheit in die innere Welt einzudringen, alle bedeutenden Denker haben sich dieser großen Aufgabe gewidmet. Deshalb gibt es so viele verschiedene Wege - Karma Yoga, Bhakti Yoga, Raja Yoga, Gyana Yoga, Kundalini Yoga und andere. Einige haben auch versucht, der inneren Welt durch Drogen näher zu kommen.

Immer wieder wird behauptet, dass nur den Vollkommenen die spirituelle Welt offen steht; doch Yoga zeigt etwas anderes. Vollkommen oder unvollkommen, gläubig oder ungläubig, reich oder arm, jeder kann diese Welt betreten. Aus diesem Grund gibt es so viele verschiedene Yogasysteme. All diesen Systemen liegt Tantra zugrunde und ist deshalb besonders erwähnenswert, weil hier die transzendente Erfahrung trotz irgendwelcher Grenzen und Barrieren möglich ist. Vieles aus der Tantra Tradition ist völlig in Vergessenheit geraten, darunter auch die Wissenschaft von Swara Yoga.

In Swara Yoga erfahren wir über die pranischen Körperrhythmen, darüber, wie Prana- und Energiebewegungen durch Atemmanipulation kontrolliert werden können. Mehr und mehr zeigt die moderne Wissenschaft Interesse an den elektromagnetischen Feldern und am Verlauf der Bioenergie, der Ur-Energie im Körper. Mit der Entdeckung solch aufregender Gebiete wie Bioenergetik, Kirlian Fotografie und anderes, erwacht der Wunsch, über Swara Yoga etwas zu erfahren.

Obwohl Swara Yoga in Indien noch praktiziert wird, ist diese Yogaform weder im Westen noch im Osten bekannt. Und das kommt wohl daher, weil man sie immer als eine esoterische Wissenschaft betrachtet hat, die den Menschen womöglich schaden könnte, wenn sie nicht richtig ausgeführt wird. Deshalb ist diese Tradition von erfahrenen Yogis geheim gehalten worden, die sie nur in strenger Übereinstimmung mit den Regeln weitergegeben haben.

Tatsächlich wurde Swara Yoga früher besser gehütet und geheim gehalten als jede andere tantrische Tradition. Einweihung wurde nur durch direkte Übermittlung oder durch die Worte aus dem Munde des Gurus an den Schüler gegeben, und es ist niemals viel über die Theorie und Praxis geschrieben worden. Aus diesem Grunde können wir sehr wenige Hinweise zu diesem Thema finden, auch nicht in yogischen und tantrischen Texten, und fast gar nichts in englischer oder deutscher Übersetzung.

Etymologisch bedeutet Swara Klang des eigenen Atems. Yoga bedeutet Vereinigung. Somit bringt uns Swara Yoga durch den Atem zur Einheit. Swara Yoga lässt uns den Atem als Medium der kosmischen Lebenskraft erkennen. Der Atem hat eine so große Bedeutung in der menschlichen Existenz, dass die Rishis, die großen Eingeweihten des Altertums, eine vollkommene Wissenschaft entwickelten, indem sie den natürlichen Atemprozess studierten.

Swara Yoga sollte jedoch nicht mit Pranayama verwechselt werden, hier ist ein anderer Aspekt des Atems vorrangig. Obwohl beide mit Prana, mit Energie arbeiten, betont Swara Yoga das Analysieren des Atems und die Bedeutung der unterschiedlichen Energierhythmen, während die Techniken in Pranayama darauf abzielen, Energie zu lenken, zu speichern und zu kontrollieren. Man kann daher sagen, dass in Swara Yoga die Pranayama-Übungen enthalten sind, aber es ist eine umfassendere und präzisere Lehre.

Viele yogische Texte wie `Shiva Samhita' und `Goraksha Satarka' und mehrere Upanishaden behandeln die Wirkung von Prana. Aber die Hauptquelle des aufgezeichneten Wissens über Swara Yoga ist die `Shiva Swarodaya'. Shiva ist das höchste, das reine Bewusstsein. Swara ist der Atemfluss, und Udaya bedeutet erwecken oder heben. In diesem Text wird also die Bedeutung der verschiedenen Atemarten oder Energierhythmen gerühmt, so wie Shiva es gelehrt hat.

Parvati war die erste Schülerin von Lord Shiva, und ihr vermittelte er all sein Wissen über Swara, so sagen die Aufzeichnungen aus der tantrischen Tradition. Aus diesem Dialog entstand die Shiva Swarodaya. Gleich zu Beginn des Textes wird auf die Bedeutung von Swara Yoga hingewiesen. Shiva bittet Parvati inständig, diese Lehre geheim und heilig zu halten, so dass es die höchste aller Wissensformen bleibt. Lord Shiva erklärt, dass in allen sieben Lokas (Welten), die er kennt, keine größere Weisheit und kein wertvollerer Schatz existieren, als Swara.

In den Swara Shastras heißt es, dass sich der ganze Kosmos durch die Analyse des Atems offenbart; die ganze Weisheit, die in den Veden enthüllt wird, kann durch den Atemfluss entschlüsselt werden. Das Wissen über den Swara macht einen Sadhakha zum vollkommenen Yogi.

Es heißt, dass der physische Atem einen sehr subtilen Einfluss auf die Bewusstseinsebenen hat, und daher sind auch die Wirkungen von Swara Yoga äußerst subtil. Durch Swara Yoga werden die höchsten menschlichen Potentiale direkt angesprochen. Auch in anderen Systemen findet die Bedeutung von Swara ihren Ausdruck. Im Taoismus z.B. heißt es: "Wenn man auf den Atem meditiert, kann man erkennen, wie die kosmischen Gottheiten oder die Kräfte im physischen Körper arbeiten. Wer sich nur auf den Atem einstellt und nicht auf das Gewöhnliche, kann sein ganzes Sein reinigen und stärken. Dann kann das Bewusstsein in den Himmel steigen, dorthin, wo ewiges Leben von Körper und Seele erfahren wird."

Swara Yoga führt jedoch nicht nur jene weiter, die an die höchste Wirklichkeit glauben, sondern auch Menschen, die keinerlei Vertrauen und Glauben haben, werden überrascht sein, wie viele tief liegende Wahrheiten sie entdecken können. Swara Yoga ist ein Weg, der zu innerem Erleben führt und das ganze Sein erweckt.

Bevor die Übungen ausgeführt werden können, müssen einige Dinge über Swara Yoga erklärt werden. Dazu gehören viele Aspekte des Atemverlaufs. Du musst etwas über den Energieverlauf im Körper und seine Verbindung zum Bewusstsein wissen. Prana manifestiert sich unterschiedlich und hat verschiedene Wirkungen auf jedes Organ und auf jedes System. Daraus lässt sich folgern, dass Ereignisse vorhersehbar oder Krankheiten heilbar sind. Es gibt viele Techniken, Swara so zu kontrollieren, dass du auch ohne Beruhigungsmittel gut schlafen oder den ganzen Tag ohne zu ermüden, arbeiten kannst; oder du kannst deine Nahrung verdauen, ohne Appetitanreger oder Verdauungsmittel nehmen zu müssen. Das sind die verschiedenen Wirkungsweisen von Swara Yoga.

Allein durch Beobachten deines Swaras ist es sogar möglich, jemandem, der zu dir mit einer Frage kommt, die richtige Antwort zu geben. Natürlich musst du sehr gewissenhaft sein, denn wenn dein Atemfluss gestört ist, könntest du etwas Falsches sagen. Dies ist nur ein Beispiel: wenn der Fragende sich dir von der aktiven Swaraseite nähert, ist die Antwort ja; nähert er sich dir von der inaktiven Seite, so ist die Antwort nein.

Dies soll nur eine Vorstellung von dem weiten Feld dieser Wissenschaft vermitteln; es ist bei weitem nicht das Entscheidende. Dieser Aspekt ist mit dem weltlichen Leben verbunden und muss schließlich überschritten werden. Du musst erkennen, wie sich die Energie in allen Formen manifestiert, wie die gesamte Schöpfung aus der pranischen Bewegung hervorgeht. Du machst z.B. Hatha Yoga, um deinen Körper zu stärken und deine Vitalität zu steigern. Aber das ist nicht der eigentliche Sinn, es ist nur eine Begleiterscheinung. Genauso sind die verschiedenen Swara Yogatechniken im weltlichen Leben nützlich, aber der tiefere Sinn ist es, die wahre Essenz deines Wesens zu erkennen und das innere Erleben zu enthüllen.

Theorie über Swara Yoga

Was ist Swara Yoga?

`Swara' ist nicht nur die Luft, die in den Nasenlöchern fließt, sondern dieser Begriff umschließt den Energiestrom, einen äußerst subtilen und vitalen Aspekt des Atems. Bisher haben sich nur wenige für Swara interessiert. Ja, es ist sogar so, dass das Atmen normalerweise ein Ablauf ist, der ignoriert wird, obwohl es eine der wichtigsten Körperfunktionen ist.

Das Atmen geschieht Tag und Nacht rund um die Uhr, ob man sich dessen bewusst ist oder nicht. Der Atem ist der wertvollste Besitz eines Menschen, ohne ihn kann er nicht mehr als drei Minuten leben. Man sagt, dass jeder Mensch allein zur Welt kommt und allein stirbt, aber das stimmt nicht. Der Mensch kommt mit dem Atem zur Welt, und mit seiner feinstofflichen Energie, der Essenz des Atems, verlässt er die Welt. Der Atem ist der Begleiter der Seele. Aus diesem Grunde verweisen die Upanishaden auf Swara als `Atmaswaroop' oder auch `Brahmaswaroop'; dies soll zum Ausdruck bringen, dass der Mensch ein Teil von Brahma, dem universellen Bewusstsein ist. Wenn du die wahre Realität des Atems erkennen kannst, kannst du Atma erkennen.

Deshalb ist das Atmen sehr viel mehr als nur ein Ablauf im Körper. Jeder Atemzug hat eine tief liegende Bedeutung und trägt eine besondere, verschlüsselte Botschaft. Für den spirituellen Aspiranten ist der Atem das Fahrzeug, um das endgültige Ziel zu erreichen. Normales Atmen wird vom physischen Körper automatisch ausgeführt, aber in Swara Yoga ist der Atem ein Ablauf, der gelenkt und kontrolliert werden kann.

Der wechselseitige Atemfluss

Wenn du dir die Zeit dafür nimmst, deinen Atem zu beobachten und die Luft verfolgst, die in die Nasenlöcher hinein- und herausfließt, wirst du bemerken, dass der Atem meistens nur durch ein Nasenloch frei fließt. Es scheint zwar so, dass der Atem durch beide Nasenlöcher gleichzeitig erfolgt, aber so ist es nicht. Wenn du den Atem analysierst, wirst du herausfinden, dass ein Nasenloch über eine gewisse Zeit geöffnet ist, und dass der Atem nur durch diese Seite kommt und geht. Nach einiger Zeit ist das Nasenloch geschlossen und das andere öffnet sich.

Was bedeutet das? Physiologisch weist es darauf hin, dass eine besondere Einwirkung auf das Nervensystem vorhanden sein muss, und dass etwas stimuliert wird. Es muss außerdem einen bestimmten Einfluss auf das Gehirn haben, wodurch eine systematische Regulierung erfolgt. Swara Yoga ist eine Wissenschaft, die diesen bisher unbekannten Prozess enthüllt.

Swara Yoga erklärt, wie der Fluss von Swara in regelmäßigen Intervallen wechselt, denn das geschieht ganz und gar nicht unberechenbar. Alle 60-90 Minuten wechselt das aktive Nasenloch. Dieser Rhythmus reguliert alle psycho-physiologischen Abläufe. Wenn Swara unregelmäßig ist, ist es ein deutliches Zeichen, dass irgendetwas im Körper nicht richtig funktioniert.

Die drei Swaras

Die Tatsache, dass wir wechselseitig atmen, ist so wichtig, weil dadurch verschiedene Swaras fließen können. Ein Swara fließt durch das linke Nasenloch, ein anderer durch das rechte, und der dritte fließt durch beide Nasenlöcher zusammen. Die verschiedenen Swaras beeinflussen uns in unterschiedlicher Weise, indem verschiedene Energiezentren und Aspekte des Nervensystems stimuliert werden.

Ganz sicher ist es kein Zufall, dass der Swara manchmal durch das rechte, und manchmal durch das linke Nasenloch fließt. Der Rhythmus des Atems basiert auf dem Biorhythmus, dem Energierhythmus des Körpers und steht im Zusammenhang mit den beiden Hemisphären des Gehirns.

Im menschlichen Körper korrespondieren die drei Swaras mit drei großen Bereichen, die als Dreieinigkeit bezeichnet werden können. Das Bewusstsein ist ein Aspekt, die Lebenskraft ist der zweite Aspekt, und der Geist oder die Seele ist der dritte Aspekt. Bewusstsein, Vitalität und Geist ergeben den Menschen. In Swara Yoga ist das Bewusstsein Chitta, Lebenskraft ist Prana und Geist ist Atma. Chitta übt Kontrolle über die Sinnesnerven aus: Augen, Ohren, Nase, Zunge und Haut. Prana steuert die fünf Organe der Tätigkeit: Sprache, Hände, Füße, die Fortpflanzungs- und die Ausscheidungsorgane. Und Atma steht über allem als Zeuge oder auch als Kontrollinstanz.

Wenn der Atem im linken Nasenloch frei fließt, zeigt das an, dass die mentale, die gedankliche Energie - Chitta - vorherrschend ist, und die pranische Energie ist schwach. Wenn der Atem im rechten Nasenloch frei fließt, dann sind die pranischen Kräfte stärker, und der mentale Aspekt ist schwächer. Wenn der Atemstrom in beiden Nasenlöchern gleich stark ist, zeigt das an, dass die spirituelle Energie, die Atmakraft mächtig und wirksam ist.

Handlungen in Verbindung mit Swara

Durch Swara Yoga lernen wir die Natur des Atems und seinen Einfluss auf den Körper verstehen, denn die verschiedenen Swaras erzeugen verschiedene Arten der Tätigkeit: gedankliche, körperliche und geistige. Wenn du meditierst oder betest oder über die Wahrheit kontemplierst, ist das etwas Geistiges, Spirituelles. Wenn du gehst, sprichst, urinierst, ißt, oder wenn die Verdauung in Tätigkeit ist und Enzyme in den Körper fließen, ist das etwas Körperliches. Und wenn du dir Sorgen machst oder viele Gedanken im Kopf herumschwirren, wenn du dich an ein Gedicht erinnerst oder an ein Lied, oder wenn du etwas planst, dann ist das etwas Mentales. Ob du nun Mitleid mit jemandem hast oder ärgerlich über jemanden bist, das alles ist mental, gedanklich, emotional. Dies sind nur einige Beispiele von den drei Arten der Tätigkeit.

Jede deiner Handlungen im Leben kann in diese drei Hauptbereiche eingeteilt werden, und jede von ihnen wird von einem bestimmten Swara-Fluss regiert. Der linke Swara regiert über die mentalen Tätigkeiten, der rechte Swara regiert über die körperlichen Tätigkeiten, und beide Swaras zusammen regieren über die geistigen, spirituellen Tätigkeiten. Das bedeutet, dass du körperliche Schwierigkeiten haben wirst, wenn dein rechtes Nasenloch während der Meditation fließt. Dein Körper wird unruhig sein. Wenn das linke Nasenloch fließt, wirst du vom Körper her nicht gestört werden, aber deine Gedanken werden abschweifen. Und wenn beide Nasenlöcher offen sind, kannst du dich auf einen Punkt konzentrieren und die Meditation wird dir leicht fallen.

Zuerst sollte man also eine Handlung mit dem entsprechenden Swara zusammenbringen; und zu diesem Zweck musst du üben, Kontrolle über den Swara zu gewinnen, der zu einer bestimmten Handlung gehört; oder du musst deine Tätigkeit dem Swara anpassen. Die Tätigkeiten werden mit dem Swara in Einklang gebracht, und auf diese Weise trägt Swara Yoga dazu bei, Bewusstsein und Körper zu harmonisieren.

Ida, Pingala und Sushumna

Wir haben über den Atemfluss gesprochen, der die Energie im Körper zum Fließen bringt. In Yoga bedeutet dieser Fluss Nadi. Von diesem Energiefluss werden drei verschiedene Arten in den Nasenlöchern erzeugt: Ida, Pingala und Sushumna. Das linke Nasenloch ist mit dem Ida-Netzwerk der Nadis verbunden, das rechte Nasenloch mit dem Pingala-Netzwerk; ist der Strom in beiden Nasenlöchern gleich, dann ist der Hauptweg stimuliert, das Sushumna-Netz.

Diese Energieströme, die vom linken und rechten Swara erzeugt werden, stellen etwas Ähnliches dar, wie der positive und der negative Pol in einem elektrischen Stromkreis. Der linke Swara ist vergleichbar mit Minus, der rechte mit Plus. Es heißt, dass Pingala den Körper stimuliert, während das rechte Nasenloch fließt. Wenn das linke Nasenloch fließt, stimuliert Ida die gedanklich-emotionalen Fähigkeiten. Während der Swara wechselt, werden beide Nasenlöcher gleichzeitig aktiv. Und in dieser Zeit stimuliert Sushumna Nadi den Atma oder die spirituelle Kraft. Aber dies geschieht normalerweise nur für einige Minuten, während der Zeit des Wechsels. In Sushumna Nadi liegt die Spiritualität, und es ist das Ziel in jedem yogischen und tantrischen System, sie zu aktivieren.

Sushumna liegt in der Mitte der Wirbelsäule, im Rückenmarkkanal, richtet sich nach oben und trifft mit Ida und Pingala etwas oberhalb der Nasenwurzel zusammen, im Ajna Chakra, dem Punkt hinter dem Augenbrauenzentrum. Durch Sushumna muss die außerordentlich mächtige spirituelle Kraft - Kundalini Shakti - gelenkt werden. Wenn beide Nasenlöcher aktiv sind, dann ist das ein Zeichen dafür, dass die Sushumna-Passage geöffnet ist. Deshalb ist es wichtig, den Atem in Balance zu bringen, weil das mit der Öffnung und dem freien Fluss von Sushumna Nadi im Zusammenhang steht.

Wenn Sushumna fließt, dann werden die mentalen und die physischen Energiemuster gleichmäßig und rhythmisch, Gedanken und Gemüt kommen zur Ruhe und werden still. Das erklärt, warum dieser Zustand auch als Shunya Swara bekannt ist. Shunya bedeutet Leere. Für den Yogi ist dies der wichtigste Swara, weil durch ihn die Meditation erfolgreich wird. So ist es das Ziel von Swara Yoga, Shunya Swara zu entwickeln und den wechselnden Atemfluss zu verringern.

Der Atem beeinträchtigt nicht nur die Lungen

Welche Bedeutung haben nun diese Swaraströme und warum wechseln sie? Die Antwort darauf finden wir in Swara Yoga. In den Swara Shastras wird betont, dass eingehendes und persönliches Wissen über den eigenen Swara nur vom Guru vermittelt werden kann. Aber die Shastras geben trotzdem einen kleinen Einblick. Sie sagen, dass Swara die vitale Lebensenergie - Prana - ist. Er ist das Medium, um Prana Shakti durch den ganzen Körper zu leiten. Er beeinflusst daher sehr viel mehr als nur die grobstoffliche Ebene unserer Existenz. Die Bedeutung liegt im feinstofflichen und spirituellen Bereich.

In der Mandukya Upanishad wird Swara mit einem Bogen verglichen, auf den das Bewusstsein gespannt wird, um auf Atma oder den universalen Geist gerichtet zu werden. So hält der Atem nicht nur den physischen Körper am Leben, sondern er ist das direkte Medium für die Entwicklung des Bewusstseins.

In der Medizin wird der Atem als rein organische Funktion des Atemsystems betrachtet, was er auch ist. Aber Swara Yoga gibt einen tieferen Einblick, denn die menschliche Existenz beginnt und endet nicht mit dem physischen Körper. Hinter dem physischen Körper liegt Energie; dahinter liegt das Gemüt, der gedanklich-seelische Bereich; noch feiner ist die sinnliche Wahrnehmung und dem allem liegt das kosmische Bewusstsein zugrunde. In Swara Yoga wird gelehrt, wie wir mit Hilfe des Energiestroms der Erkenntnis über Tiefen und Unermesslichkeit des Bewusstseins und des ganzen Kosmos näher kommen.

(Aus: Swara Yoga - Tantrische Wissenschaft des Gehirnatmens, YOGAHeft 38) - von Swami Muktibhodhananda, inspiriert von Swami Satyananda