Tantra das Bindeglied für den modernen Menschen

Die moderne Welt ist eine Kultur von großer Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit. Überall sehen wir Veränderungen, neue Entwicklungen. Auf allen Gebieten verbreitet der Mensch seine Vorstellungen und Ansichten, nimmt neue und rationellere Lebenswege an und erlangt seine vielseitigen Ziele. Der moderne ‚Geist’ unterscheidet sich vollkommen von dem anderer Kulturen und Zeiten. Er ist sehr praktisch und aggressiv. Er arbeitet in einer ungeheuren Geschwindigkeit und entdeckt ständig etwas Neues.

Der moderne Geist hegt große Bewunderung für die Ideale und Grundsätze des Christentums, Vedanta und den Buddhismus, aber er ist unfähig, diese zu verwerten oder zu praktizieren, weil sie nicht in sein Lebensmuster passen. Wenn man das erkennt, ist die logische Folge, dass die heutigen Menschen einen anderen Weg des spirituellen Lebens suchen müssen, einen der sich ihren veränderten Lebensmustern anpasst und den sie vom Bewusstsein her akzeptieren können.

Ich habe über dieses Problem über 30 Jahre lang nachgedacht und kam zu dem Ergebnis, dass die moderne Gesellschaft einen spirituellen Weg braucht, der im Einklang mit seiner Natur steht. Ein Tiger kann kein Gras fressen, denn er ist Fleischfresser. Lieber würde er verhungern, als zu grasen. Das moderne Bewusstsein ist ein tantrisches Bewusstsein, ungeeignet für Puritanismus. Es mag Blumen, aggressive Musik, hübsche Mädchen und Jungen, Tanzen, Fleisch, Fisch, Wein und Zigaretten. Dies sind nur ein paar Spezialitäten der modernen Kultur. Viele meiner Schüler sind auf dieses Leben konditioniert, deshalb weiß ich, was mit ihnen geschieht, wenn sie all diese Dinge nicht bekommen können: Sie entwickeln alle möglichen Arten physischer, emotionaler und mentaler Probleme.

Deshalb bin ich heute davon überzeugt, dass Vedanta oder Puritanismus nicht der Weg für den modernen Menschen ist. Spirituelle Lehren sollten keine Dissonanz im Lebensmuster hervorrufen. Mir scheint deshalb Tantra das richtige System für die heutige Menschheit. Andere Yoga-Formen mögen von Zeit zu Zeit sinnvoll sein, aber um die spirituelle Erleuchtung zu erlangen, muss jeder seinem eigenen Weg folgen.

Wenn Gedanken und Gefühle unterdrückt werden, unterdrückt man damit auch den spirituellen Fortschritt. Diese Unterdrückung zieht Schuldgefühle nach sich und diese tragen wir alle in uns. Sie sind jedoch das größte Hindernis im spirituellen Leben. Tantra ist der Mittelweg; sein Prinzip ist: ‚Wirke nicht gewaltsam auf die Muster deines Lebens ein.’

Mit Tantra die Spaltung korrigieren

Viele Menschen beginnen mit Yoga und versuchen, über Nacht Heilige zu werden. Sie sprechen über wunderschöne Sittenlehren, Ideale und Asketentum und verurteilen alles andere. Das ist gleichbedeutend mit einer Kritik am Leben selbst! Wie kannst du sagen, dass nur Puritanismus oder Idealismus Leben ist, und sonst nichts? Du musst das Leben als Ganzes akzeptieren und nicht nur Teile davon, sonst machst du Yoga zu einer Religion. Das Ziel ist die spirituelle Erleuchtung, aber – bist du schon erleuchtet?

Der Geist ist durch seine Konditionierung sehr begrenzt, und diese Konditionierung hast du dir selbst geschaffen. Du hast dir feste Bilder gemacht, aber diese sind nicht absolut. Es sind nicht von Menschen gemachte Definitionen, Sozialpolitiker haben sie für ihre Gemeinden, ihre Nation geschaffen. Mit dem spirituellen Fortschreiten des Menschen haben diese Dinge nichts zu tun. Ist das Licht durch einen Schleier verdeckt, musst du den Schleier entfernen, und das kannst du tun, wenn du einmal über das tantrische System von Yoga nachdenkst.

Jetzt seid ihr Sklaven eurer Philosophie und eurer Prinzipien. Dieser Fehler wird in der ganzen Welt gemacht. Lehrer benehmen sich wie Priester oder Geistliche, die sehr abgehoben predigen. Sie bringen dich dazu, dass du dein Bewusstsein teilst, dass du deine Persönlichkeit spaltest. In einer Ecke des Zimmers machst du Yoga und in einer anderen Ecke liest du Freud. Das ist eine Spaltung, es ruft einen Konflikt hervor. Wie kannst du davon spirituelle Erleuchtung erwarten? An was glaubst du: an den Puritanismus von Yoga oder an die Psychologie von Freud? Du musst dir diese Frage stellen, und ich bin sicher, dass du die linke Seite vorziehst, weil das deine Kultur ist und eher mit deinem Bewusstseinsmuster übereinstimmt.

Traditionelle Hindus sind von Natur aus religiös, und das ist so, weil das ihre Kultur ist. In der westlichen Welt hast du jedoch eine vollkommen andere Kultur, und das spirituelle Leben muss mit deiner eigenen Kultur übereinstimmen. Dein tägliches Leben und deine spirituellen Übungen müssen eine Einheit bilden, ob es nun Yoga ist, oder Vedanta, die Bibel oder der Koran, die Gita oder die Mahabharata. Um es deutlicher zu sagen: wenn du Whisky trinkst, sollte deine Religion nicht sagen, dass das schlecht ist. Wenn du ein sexuell ausgerichtetes Leben führst, sollte das nicht im Widerspruch zu deiner Religion stehen. Nur wenn das spirituelle Leben mit dem täglichen Leben vollkommen im Einklang ist, kannst du deine Konflikte ausgleichen. Das ist der Weg von Tantra.

Das Prinzip von Tantra ist sehr einfach. Ob du nun Christ bist, Yogi oder Vedantin – in keinem Fall solltest du dein Leben kritisieren. In Tantra wird alles zu einem Sprungbrett zur Evolution. Das Muster des Geistes entfaltet sich ständig, es ist von Natur aus nicht blockiert oder begrenzt. Es ist wie ein Kind. Wenn du es ständig belästigst mit ‚Oh, wie bist du schlecht!’, wird es bald neurotisch und schwach. Deshalb legen wir in Tantra größten Wert darauf, den Geist mit Respekt zu betrachten. Sag nie, der Geist sei schlecht, teuflisch, voll von Wünschen, die Ursache für deinen Untergang.

Du versuchst, deinen Geist zu kontrollieren, aber das wird dir nie gelingen. Durch die Kontrolle tötest du ihn. Es ist so, als wenn du deinem Kind dauernd für alles und nichts einen Klaps gibst. Wenn es lacht, gibst du eine Ohrfeige; wenn es weint, gibst du eine Ohrfeige; wenn es spielt, gibst du Ohrfeigen. Kannst du dir vorstellen, was aus deinem Kind wird? Genau das geschieht mit deinem Geist. Er ist dein bester Gehilfe und Sekretär, aber er ist der Schläge müde und auch der Kontrolle.

Hast du dir schon mal überlegt, wen du da dauernd kontrollierst? Bist es nicht du selbst, den du da fortwährend bestrafst? Ein Teil deiner Persönlichkeit macht sich zum Herrscher über einen anderen Teil in dir. So erzeugst du eine Spaltung, du bist zu dir selbst feindlich, lehnst dich ab, bekämpfst dich. Das kann nicht der spirituelle Weg sein, das ist der Grund, weshalb du nicht weiter kommst, blockiert bist. Die ganze Menschheit ist an diesem Punkt gestrandet, kann sich nicht entscheiden zwischen dem äußeren und dem inneren Leben, die Menschen haben die Richtung verloren.

Ausdehnung der Bewusstheit

Das spirituelle Leben der Menschheitsgeschichte begann mit Tantra. Die kosmische Natur lehrte die Menschen, auf eine besondere Art zu leben und sich dadurch zu entfalten. Wörtlich bedeutet Tantra Erweiterung der Bewusstheit und Freilegung von Energie, und alle tantrischen Übungen haben das allein zum Ziel.

Diese Ausdehnung der Bewusstheit ist sehr wichtig. Der menschliche Geist arbeitet sehr begrenzt und ist von den Sinnen abhängig. Sie liefern Informationen und der Geist nimmt sie auf. Ein geistig Suchender muss wissen, wie er die Wahrnehmung ausdehnen kann, und das geschieht dann, wenn man fähig wird, zu wissen, ohne die Sinne einzusetzen. Während der Meditation dehnt sich die Bewusstheit aus, und man erlebt viele Dinge ohne das Medium der Sinne.

In der Tantra-Meditation ist ganz entscheidend, dass man nicht unbewusst wird. Die inneren und die äußeren Dimensionen des Bewusstseins vereinigen sich. Zuerst versuchst du, innerlich bewusst zu bleiben; wenn du diese Kunst vollkommen beherrscht, kannst du versuchen, Inneres und Äußeres miteinander zu verbinden. Um das deutlich zu machen: Wenn du in einem Raum bist, kannst du den Raum sehen, aber du kannst nicht nach außen sehen; stehst du aber auf der Schwelle oder am Fenster, dann kannst du sowohl nach innen als nach außen sehen, dann gibt es kein ‚außen’ und kein ‚innen’, beides ist dasselbe.

Du brauchst die Sinne, um etwas zu erfahren, aber du kannst ebenso Erlebnisse ohne die Sinne haben. Das sind zwei verschiedene Wahrnehmungsformen, einmal mit den Sinnen und einmal ohne. Erfahrungen, die wir mit Hilfe der Sinne machen, sind weltliche Erfahrungen. Wenn du aber auch ohne Sinne etwas wahrnehmen kannst, ist das eine innere, eine transzendente Erfahrung. Jeder kann beide Erfahrungen gleichzeitig machen, nicht nur die eine oder die andere. Das ist das Entscheidende in Tantra. Die rechte Hand ist die innere Erfahrung und die linke Hand ist die äußere Erfahrung. Wenn du nur eine Hand hast, bist du sehr eingeschränkt, du brauchst beide. Deshalb sollte auch deine Wahrnehmung in beide Richtungen geöffnet sein, das ist dann die homogene, vollkommene Erfahrung.

Die meisten Menschen denken, dass man in Dhyana oder Samadhi nichts mehr von der äußeren Welt wahrnimmt, aber das ist falsch. Dieser Irrtum muss unbedingt korrigiert werden. In der Meditation und in Samadhi hast du gleichzeitig die innere und die äußere Erfahrung, denn du bist der Seher, der Zuschauer. Und diese Erfahrung ist gleichbedeutend mit der Ausdehnung der Bewusstheit. In diesem Zustand wird automatisch Energie freigesetzt.

Der Mittelpfad

In Tantra sprechen wir von zwei ewig existierenden Realitäten, von Shiva und von Shakti. Shiva ist das Bewusstsein und Shakti ist die Energie. Wenn diese beiden Kräfte sich vereinigen, kann Kundalini erwachen. Genau im gleichen Sinne muss der Mensch das materielle Leben mit dem spirituellen Leben verbinden, dann ist eine Evolution möglich. Aber weil die Menschen diese Synthese nicht versuchen, kann die Evolution auch nicht voranschreiten.

Stattdessen schaffen sie sich zwei verschiedene Bereiche, den materiellen und den spirituellen. Wenn du dich nur mit dem materiellen Leben verbindest, wirst du psychotisch, neurotisch und frustriert. Und wenn du das materielle Leben ignorierst und ausschließlich am spirituellen Leben interessiert bist, dann entsteht auf diesem Weg eine Blockierung. Deshalb sollte dein spirituelles Leben im Einklang mit deiner Natur und mit deinem äußeren Leben sein.

Die Tantra-Lehre ist sehr umfassend, sie umfasst das ganze Leben, und das ist die kommende Richtung für das spirituelle Leben in der modernen Gesellschaft. Wenn er nicht danach lebt, entfernt sich der Mensch immer weiter von seiner Natur und schafft eine Gesellschaft mit Extremen. Wenn Puritanismus verlangt wird, entsteht zwangsläufig das andere Extrem – ausschweifendes Leben. Es muss einen Mittelweg geben, durch den die Bedingungen der Gesellschaft und in der Familie verbessert werden.

Tantra kann innerhalb des Familienlebens gelebt werden. Die sexuelle Verbindung zwischen Shiva und Shakti ist notwendig, um spirituell zu wachsen. Bis jetzt hast du zwar Geschlechtsverkehr gehabt, hast dich aber immer schuldig gefühlt, weil dieser Akt irgendwie in einem anrüchigen Ruf steht. Es ist jedoch ein sehr natürlicher Teil des Lebens, für jeden – so war es auch für deine Mutter und deinen Vater, deinen Großvater und deine Großmutter. Trotzdem ist es mit einem Tabu behaftet.

Laut Tantra ist der sexuelle Trieb einer der mächtigsten im Menschen, und niemand ist imstande, ihm zu entsagen. Dieser Trieb ist im Körper, im Bewusstsein und im Unterbewußtsein, er drückt sich durch das Verhalten aus, und wenn nicht dort, dann in den Träumen; wenn nicht in den Träumen, dann in einem anormalen psychotischen Verhalten. Dieser Trieb ist immer da, du kannst ihn nicht loswerden, ob du nun Sannyasin, Heiliger, Bischof, Geistlicher, Junge, Mädchen, Frau oder Mann bist.

Wie versuchst du nun, mit diesem zu dir gehörenden Element fertig zu werden? Es wird einige Zeit brauchen, bis du gelernt hast, deine Bedürfnisse zu respektieren. Sie beherrschen dich, aber du missachtest sie und weißt nicht, wie du sie neben deinem spirituellen Leben ausleben kannst. Jahrhundertelang wurde uns gepredigt, dass Sexualität Sünde ist, schmutzig, etwas, das du aufgeben solltest. Aber Tantra sagt, es ist gut und für das spirituelle Leben äußerst wichtig. Für die meisten Menschen ist Sexualität für die Fortpflanzung der Gattung und zum Vergnügen, während das Ziel des sexuellen Lebens in Tantra die Erleuchtung ist.

Tantra in der Praxis

Durch Tantra kannst du den sexuellen Ablauf sublimieren, so dass du das, was du bereits schon tust, nun für eine höhere spirituelle Entfaltung einsetzen kannst. In Hatha Yoga gibt es bestimmte Übungen, die für diesen Zweck von einem qualifizierten Lehrer, der die Wissenschaft kennt und dir alles darüber sagen kann, erlernt werden kann. Zu diesen Übungen gehören Vajroli, Sahajoli, Amaroli, Uddiyana, Kumbhaka und Konzentration auf Bhrumadhya (Augenbrauenzentrum).

Auf diesem Weg brauchst du dein Familienleben nicht aufzugeben; dein Eheleben wird ein spirituelles Leben; du brauchst ihm nicht zu entsagen und es als unyogisch oder unspirituell betrachten. So wird jeder Tag mit deinem Partner ein yogischer Tag, und das bedeutet Tantra.

Mantra

In Tantra ist das Mantra ebenso wichtig, wie die sexuelle Hingabe. Der Klang hat drei verschiedene Stufen, von denen wir nur den mittleren hören können. Ein Klang, der über oder unter einem bestimmten Bereich schwingt, ist nicht mehr wahrnehmbar, auf einer gewissen Klangstufe jedoch ist er wahrnehmbar. Mantra ist der unhörbare Klang.

Geh zu einem ruhigen See und wirf einen kleinen Stein ins Wasser. Was wird geschehen? Kreisförmige Bewegungen dehnen sich aus. Wenn du einen größeren Stein wirfst, werden sich die Kreise weiter ausdehnen. Ein noch größerer Stein wird die Wellen sehr weit ziehen lassen. Genau das ist die Wirkung des Mantras auf ein homogenes Bewusstsein.

Der Geist ist wie ein Meer. Gedanken und Erinnerungen sind nicht der Geist; sie sind nur Ausdruck des Geistes. Wellen und Blasen sind nicht das Meer; die Gesamtheit des Wassers ist das Meer. Ebenso ist die Gesamtheit des Bewusstseins der Geist. Wir wissen über den Geist sehr wenig. Du weißt, dass er da ist, weil du denkst und fühlst. Wird es dir aber möglich, das gesamte Bewusstsein zu erfassen, dann ist das eine große Erfahrung.

Durch ein Mantra wird das ganze homogene Bewusstsein berührt; es sind die Klangwellen eines Mantras, die nach innen gehen. Sie dringen durch das Wachbewusstsein hindurch zum Unterbewußtsein, und von dort zum Unbewussten. Ein Mantra durchdringt das ganze Bewusstsein, und das ist ein entscheidender Schritt in Tantra. Oft glauben die Menschen, ein Mantra sei der Name einer bestimmten Gottheit, und deshalb hat man es mit Vielgötterei in Verbindung gebracht. Aber ein Mantra hat nichts mit irgendeiner Religion oder Sekte zu tun. Es ist ein Klang, eine Form von mentaler Energie, und sie hat die Kraft, das gesamte Bewusstsein zu beeinflussen und neu zu gestalten.

Yantra

Yantras sind wunderbare Figuren und sind Symbole der psychischen Struktur deines Körpers. Sie entspringen von einem Punkt, dieser Punkt heißt in Tantra Bindu. Es heißt, dass sich die ganze Schöpfung von Bindu aus entwickelt hat, von dem Ursprungspunkt. Daraus entwickelt sich ein Dreieck; das ist die erste Manifestation. Dann entsteht ein Quadrat, das ist eine weitere Manifestation. Dann kommt der Kreis. Der Kreis zieht weiter und weiter, als Symbol deines äußeren Bewusstseins, von all dem, was du mit den Sinnen aufnimmst.

Ein Yantra ist das Symbol der Schöpfung, und wenn du dich zu dem Punkt zurückziehst, dann gehst du zurück zum Ursprung der Schöpfung. Der Punkt ist ein Mandala, und in Tantra haben wir als wichtigen Konzentrationspunkt das Augenbrauenzentrum. Wenn du dich auf diesen Punkt konzentrierst, dehnt er sich aus und zeigt sich in vielerlei Formen. Das bedeutet Ausdehnung der Wahrnehmung.

Sprungbrett in das spirituelle Leben

Um auf deinem Weg weiter fortzuschreiten, solltest du nicht noch mehr Konflikte in deinem äußeren Leben schaffen, sondern sie sollten sich langsam auflösen und Zweifel sollten verschwinden. Deshalb musst du langsam vorgehen. Wenn du dich einmal intensiv mit Tantra beschäftigt hast, wirst du erkennen, dass es dein Weg ist, denn er ist äußerst praktikabel. Intellektuell brauchst du dich nicht groß anzustrengen, es ist jedoch wichtig, dich richtig vorzubereiten und die richtigen Übungen zu machen.

Ob man jung ist oder alt, dieser Weg ist für alle. Er ist nicht nur für Menschen, die Meisterschaft über sich selbst erlangt haben, sondern auch für solche, die sehr ruhelos sind, Leidenschaften, Ambitionen, Wünsche, Ärger, Eifersucht, Angst, Frustration und Enttäuschungen kennen. All diese Eigenschaften werden Hilfen auf dem Weg zur Erleuchtung. Versuch nicht, sie zu beseitigen, beobachte sie und schreite fort.

Der Weg ist einfach, trotzdem verstehen ihn so wenige. So viele Menschen leben ein spirituelles Leben, aber sie kommen einfach nicht weiter. Sie hindern sich selbst, weil sie nicht den richtigen Weg kennen. Wenn du in einem Asana sitzt, solltest du mühelos nach innen umschalten können. Der Geist sollte dein Freund werden, alle Teile in dir sollten sich vereinigen, verstehen und respektieren.

(Aus: YogaHeft Nr. 8) - Vortrag im Sivananda Yoga Vedanta Center in Antwerpen/Belgien, 29. August 1980 - von Swami Satyananda Saraswati

Tantra als Wissenschaft

Meine diesjährige Reise nach Europa führt mich in fünf osteuropäische Länder und das erste Land ist Slowenien. Hier werden wir uns dem Thema ‚Tantra und Yoga’ widmen.

Da ich aus Indien komme, möchte ich über Tantra entsprechend den alten Überlieferungen sprechen und nicht über das, was im Westen als Tantra bezeichnet wird. Nach westlicher Ansicht ist Tantra das Wissen über Sexualität. In der ursprünglichen Überlieferung jedoch ist Tantra die Wissenschaft des Bewusstseins. Tantra im ursprünglichen Konzept ist ein sehr weit reichendes Thema. Es ist wie das Bild des menschlichen Körpers mit verschiedenen Teilen wie Kopf, Augen, Nase, Ohren, Arme, und mehr. All die verschiedenen Organe und Gliedmaßen müssen harmonisch miteinander arbeiten und gleichzeitig mit dem Gehirn koordiniert werden. Tantra ist wie ein menschlicher Körper, eine große Wissenschaft mit verschiedenen Ideen, Übungen und Techniken.

Das Wort Tantra setzt sich aus zwei verschiedenen Sanksrit Worten zusammen. Der erste Teil lautet „tanoti“ und bedeutet ausdehnen. Der zweite Teil lautet „trayati“ und bedeutet befreien. Das Wort Tantra bedeutet also Ausdehnung und Freisetzung. Ausdehnung des menschlichen Bewusstseins ist der eine Teil und Freisetzung von Energie ist der andere Teil. Energie und Bewusstsein sind die wesentlichen Bestandteile jeder Lebensform. In der gesamten Natur gibt es Evolution des Bewusstseins und Evolution der Energie. Eine einzellige Amöbe wurde zu dem komplexen Organismus des menschlichen Körpers. Diese Entwicklung fand in jeder einzelnen Zelle statt, denn jede Zelle enthält Bewusstsein und Energie. Damit Entwicklung überhaupt stattfinden kann, müssen Bewusstsein und Energie zusammen wirken. Keine der beiden können ignoriert werden, beide müssen sich gegenseitig unterstützen.

Ein schönes Beispiel dafür ist die Parabel von einem Blinden und einem Lahmen, die beide zu dieser Veranstaltung kommen wollen. Jeder einzelne ist dazu nicht in der Lage, nur wenn sie sich gegenseitig helfen, können sie ihren Wunsch erfüllen. Der Blinde kann seine Gliedmaßen benutzen, aber er kann nicht sehen. Der Lahme verfügt über alle Fähigkeiten mit Ausnahme des Laufens. Wenn sie also ohne äußere Hilfsmittel hierher gelangen wollen, muss sich der Lahme auf die Schultern des Blinden setzen und ihn führen, damit der Blinde, der ja laufen kann, den Weg zur Veranstaltung findet.

Das sind die Rollen, die Bewusstsein und Energie in Tantra spielen. Das Bewusstsein ist blind und die Energie ist lahm, so sieht es bei genauem Hinschauen in unserem Leben aus. Wir können uns viel im Leben vornehmen und planen, doch ohne Energie lässt sich nichts verwirklichen. Genauso wenig lässt sich mit viel physischer Energie und Aktivität ohne Bewusstsein erreichen.

Bewusstsein und Energie sind also wesentliche Bestandteile der Existenz, obwohl sie verschieden sind. Der Körper ist verdichtete Energie und der Geist ist Ausdruck des Bewusstseins, ein interaktiver Ausdruck des Bewusstseins in der Welt der Sinneswahrnehmung. Obwohl wir unseren Körper als materiell wahrnehmen, sagt uns Tantra, dass er eine andere Manifestation von Energie ist, die von Bewusstsein unterstützt wird.

Könnten wir durch ein Super-Mikroskop in unseren eigenen Körper blicken, würden wir hinter dem so genannten festen Körper im Inneren der Struktur des Atoms den Atomkern als reine Energie erkennen. Jede Form der Materie ist verdichtete Energie, jede Zelle besteht zu einem Teil aus Energie und zum anderen Teil aus Bewusstsein.

Dies ist eine wahre Geschichte. Dany war Musiker und hatte ein Lied mit dem Titel „I wished I could give my heart to you“ geschrieben und vertont. Ein einziges Mal nur hat er es selbst gehört, dann verunglückte er tödlich. Seit langem trug er einen Organspendeausweis mit sich. Im Krankenhaus, in das er eingeliefert wurde, lag ein Mädchen, das dringend auf ein Herz wartete. Ihr Name war Daniela, Dany und Daniela kannten sich nicht. Daniela erhielt das Herz von Dany. Nach der OP brachte der Vater dem Mädchen die CD von Dany, um ihr zu erklären, wer ihr sein Herz gespendet hatte. Er spielte die Musik und das Mädchen, das dieses noch gar nicht veröffentlichte Lied nie zuvor gehört hatte, wusste genau, wie der ganze Text lauten würde. Wie war es möglich, dass das Mädchen den Text des Liedes kannte? Ist es möglich, dass die Herzzellen mit dem Lied geschwungen und die Botschaft an das Gehirn weitergegeben haben könnten? Es muss möglich sein, wenn wir bedenken, dass jede Zelle Bewusstsein und Energie enthält. Könnte es sein, dass bei der Implantation auch Bewusstsein und Energie weitergegeben werden?

Yoga lehrt uns, dass es im Körper verschiedene Schichten von Bewusstsein und Energie gibt. Diese Schichten sind wie feinstoffliche Körper innerhalb des physischen Körpers. Wir alle kennen das Produkt Milch. Doch aus Milch lässt sich Butter, Joghurt oder Käse machen, einfach dadurch, dass Milch einen bestimmten Prozess durchläuft. Beim Betrachten der Milch jedoch lässt sich nichts davon sehen. Auch unser physischer Körper enthält unsichtbare Elemente.

Der materielle Körper ist tatsächlich nichts als ein Behälter. Innerhalb dieses materiellen Körpers befindet sich der Energiekörper. Es gibt aber auch den geistigen, den mentalen Körper. Die nächste Art von Erfahrung, die in diesem Körper enthalten ist, ist die Erfahrung von Bewusstsein. Und danach folgt die Erfahrung der spirituellen Natur.

Tantra versucht alle fünf Ebenen zu entwickeln, Materie, Energie, Geist, Bewusstsein und Spiritualität. Deshalb lautet die Definition des Begriffs Tantra Ausdehnung des Bewusstseins und Freisetzung der Energie. Im Laufe der Zeit sind verschiedene Übungssysteme entstanden, die diesen Prozess möglich machen. Die wichtigste tantrische Übung ist Yoga. Weitere wichtige Aspekte von Tantra sind Mantra, Yantra und Mandala.

Wenn wir von Tantra sprechen, sind diese Aspekte entscheidend. Die Übung für die mentale Dimension ist das Mantra. Mit dem Mantra wird der Geist frei, er wird befreit von seiner obsessiven Natur, von seiner obsessiven Beschäftigung mit der Welt, so dass er das eigene Selbst erkennen kann. Ähnlich verhält es sich mit dem Yantra, das der Energie einen Rahmen gibt. Diese ist als Shakti, als Antriebskraft bekannt. Durch Yantras werden verschiedene Fähigkeiten der Shakti Kraft zum Ausdruck gebracht. Shakti als Energie und Shiva als Bewusstsein bilden das Fundament von Tantra und dem tantrischen System. Dieses Shiva-Shakti Prinzip wird auch das männlich-weibliche Prinzip genannt. Shiva und Shakti müssen sich vereinigen, damit Erfüllung und Fülle im Leben erfahrbar werden können.

Dieses Konzept wurde besonders im Westen sehr wörtlich genommen und daraus entstand das große Missverständnis, dass die Vereinigung von Mann und Frau der Gegenstand von Tantra ist. Nach westlicher Vorstellung ist daher Sex das eigentliche Thema von Tantra. Es geht jedoch um die Vereinigung der beiden Kräfte Shiva und Shakti, des männlichen und des weiblichen Prinzips, die auch Gegenstand von Kundalini ist. Tantra beschreibt genau, wie sich Bewusstsein und Energie vom Transzendenten zum Materiellen, vom Nichts in die Welt der Existenz entwickelt hat.

Ursprünglich waren Bewusstsein und Energie vereint. Dann entstand ein Verlangen im Bewusstsein - „Lass mich viele werden. Lass mich die Vielfalt erleben.“ Hier trennte sich Energie von Bewusstsein, um neue Erfahrungen zu kreieren. Und die erste Manifestation dieser Shakti aus dem transzendenten Zustand heraus war der geistige, der mentale Zustand. Aus dem geistigen Zustand entwickelte sich das Element Raum. Raum wurde zum Behälter für alle anderen Formen der Schöpfung, die folgen sollten. Aus Raum entstand das Element Luft, dann Feuer, dann Wasser und schließlich Erde, die festeste Form.

Das lässt sich anhand der Elektrizität sehr gut erklären. Dort wo sie erzeugt wird, herrscht eine sehr hohe Spannung oder Stromstärke, an die 10.000 Volt. Um die Elektrizität nutzen zu können, muss sie auf eine nutzbare Stärke, 110 oder 220 Volt reduziert werden, und das geschieht durch Transformatoren. Genauso durchläuft die Energie, ausgehend von ihrer mit Shiva vereinten transzendenten Natur, verschiedene Umwandlungen. Auf jeder Ebene wird die Existenz von Bewusstsein und Energie erfahren.

Der Geist war die erste Transformation und damit die erste Ebene der Erfahrung von Energie und Bewusstsein. Ebenso war es mit Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde. Sie entstanden als unterschiedliche Erfahrungs- und Ausdrucksebenen von Energie und Bewusstsein. Aus tantrischer Sicht kann jede Umwandlung vom Transzendenten zum Materiellen in diesem Körper erfahren werden, es werden verschiedene Körperzentren erweckt. Diese Zentren sind als Chakras bekannt. Auf materieller Ebene ist die Energie inaktiv, in einem ruhenden Zustand. Um sie zu vergeistigen, muss sie zu ihrer Quelle zurückkommen.

Die auf materieller Ebene ruhende Energie wird Kundalini genannt, was so viel bedeutet wie, Energie, die in einer tiefen Grube ruht. Was verbindet Kundalini mit einer Grube? Laut Tantra führt die transzendente Erfahrung zur Entwicklung der höheren alldurchdringenden Natur. Spirituell ist dies das Sahasrara Chakra, das sich in der Krone des Kopfes zeigt. Der nächste Punkt im Körper ist das Augenbrauenzentrum, hier drücken sich die geistigen Fähigkeiten aus. Raum entsteht auf Halsebene, Luft auf Herzebene, Feuer in Höhe des Nabels, Wasser auf Kreuzbeinebene und Materie auf Steißebene. Der Abstieg des Bewusstseins verläuft durch die Wirbelsäule von der Krone des Kopfes bis zum Becken und das ist die Grube. Was wir also Evolution nennen, ist ursprünglich der Abstieg der Energie und die Trennung von ihrer ursprünglichen Quelle bis herunter auf die materielle Ebene.

Durch Verfeinerung muss die Energie wieder nach oben gelenkt werden, die rein materielle Wahrnehmung muss sich in transzendente Wahrnehmung wandeln. Darum geht es in Kundalini Yoga. Yoga und Tantra sind daher nicht zwei verschiedene Wege. Tantra ist sozusagen Mutter und Vater, Yoga ist das Kind. Ihre Gene sind dieselben, die Körper sind verschieden. Wenn wir also Tantra Yoga sagen, dann sprechen wir von Eltern und Kind. Und das Spirituelle gilt es zu finden.

In der westlichen Vorstellung von Tantra geht es um die Maximierung des Vergnügens, man darf alles tun, was man will. Alles, was sonst verboten ist, ist in Tantra erlaubt. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit und befriedigt die Genusssucht. Das aber sind genau die Zustände im Leben, die dich binden, die dich nieder ziehen und deine Begierden und deine Ambitionen füttern.

Die tantrischen Schriften jedoch sagen, ‚Ja, akzeptiere das Leben, lehne nichts ab, doch bleibe hier nicht stehen.’ Für den Tantriker gilt, sich aus der obsessiven Eigenschaft heraus zu bewegen, zu erkennen, dass man das was man als angenehm erlebt hat, immer und immer wieder haben will. Es gilt, Erfahrungen, die ihn einengen und festhalten, zu überwinden. So können alle Aktivitäten, die im menschlichen Leben normal sind, eine neue Bedeutung erhalten. Auch Sex wird nicht abgelehnt. Er ist ein Instinkt, er ist die Natur des Lebens. Doch auch auf dieser Ebene muss man nicht stehen bleiben sondern darüber hinausgehen. Wenn Sex heute die Grundlage für Vergnügen und Fortpflanzung ist, kann er morgen zur Grundlage für die Verfeinerung des Geistes werden. Ebenso verhält es sich mit den anderen Ebenen der menschlichen Existenz und den Obsessionen, die wir leben und in unserem Leben erfahren. Doch erst das Bemühen um Transzendenz, um Überwindung macht den Übenden zum Tantriker.

In jedem von uns besteht ein konkretes Bedürfnis nach einem natürlichen, spontanen Leben, einem Leben der Achtsamkeit, das auf ein Ziel gerichtet ist. Für die meisten religiösen und spirituellen Traditionen ist das Ziel des Lebens die Selbstverwirklichung. Mir erscheint dieses Ziel zu hoch, weil wir nicht darauf vorbereitet sind. Dieses Selbst, dieses Bewusstsein oder Gott, wer immer oder was immer es sein mag, steht für die transzendente Natur und die transzendenten Eigenschaften. Ganz sicher sind unser Geist, unser Gehirn, unsere Ideen und Glaubenssätze, unsere Persönlichkeit und unsere Natur nicht transzendent. Wie kann also diese nicht-transzendente Persönlichkeit, dieser nicht-transzendente Geist das Transzendente erfahren? Wie kann diese kleine Tasse das Wasser aller Ozeane fassen? Das ist unmöglich.

Das Ziel und der Fokus des Lebens sollte es sein, die Wahrnehmungsqualität zu verbessern, um das Transzendente erfahren zu können. Die Vorbereitung besteht also darin, Exzellenz, Vortrefflichkeit auf allen Ausdrucksebenen zu entdecken. Es geht dabei nicht um Gewinn, es geht um Verbessern. Erfolg im Leben bedeutet, zu versuchen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wenn ich etwas besser mache als beim letzten Mal, bin ich erfolgreich. Meine Empfehlung ist daher, dem Idealzustand näher zu kommen, Perfektion zum Weg und Ziel unserer Reise zu machen.

Yoga ist der erste Meilenstein auf dem Weg zu Tantra. Yoga macht uns bewusst für Körper und Geist und führt zu harmonischem Schwingen dieser beiden Systeme. Yoga trägt dazu bei, die Achtsamkeit nach innen zu lenken, frei von äußeren Ablenkungen. Yoga führt in die Meditation, in der die körperlichen und spirituellen Lebenserfahrungen erfasst werden können.

Am Anfang steht Akzeptanz, dann folgt Transzendenz. Akzeptiere dich so, wie du jetzt bist und gehe einen Schritt darüber hinaus. Dieser eine Schritt jenseits des Normalen bringt dich zur Transzendenz, zur Überwindung von Begrenzungen wie Ängsten und Unsicherheiten. Tantra erkennt alle grundlegenden Instinkte des Lebens an, sie können jedoch alle auf eine höhere Stufe gebracht werden. Sexualität ist ein Instinkt im Leben, kann sich jedoch aus dem Instinktiven heraus entwickeln.

Angst ist der zweite Instinkt, Begierde der dritte und Schlaf oder Nichtbewusstheit der vierte. Alle diese Instinkte können wir aus dem Instinktiven heraus entwickeln. Dies sind die vier Grundinstinkte, bekannt als Maithuna, Bhaya, Ahara und Nidra. Auf diesen Ebenen beginnt die Arbeit, um ein ausgeglichenes, harmonischeres Leben und eine spirituell erleuchtete Persönlichkeit zu entwickeln. Yoga, Kundalini, Meditation und Akzeptanz bringen Tantra in unseren Alltag. In dem Moment, in dem wir die vier Grundinstinkte überwinden können, beginnen wir unsere innere, transzendente, reine Natur zu erkennen.

Und genau darum geht es in Tantra Yoga.

(Aus: Newsletter 16) - Swami Niranjanananda Saraswati - Mai 2008 Ljubljana/Slowenien, Universität

Die weibliche Rolle in Tantra

In Tantra gibt es zwei bedeutende Energieströme – Shiva und Shakti. Shakti und Shiva tragen verschiedene Sphären der Existenz und wirken sowohl im Kosmos wie auch im Individuum. In der normalen menschlichen Gesellschaft werden Shiva und Shakti jeweils durch den Mann oder die Frau repräsentiert. Im universellen Verständnis ist dies Zeit und Raum, und im spirituellen Leben werden das Mentale und die Lebenskraft von Shiva und Shakti verkörpert. In Hatha-Yoga sind diese Kräfte identisch mit Ida und Pingala; Ida als die mentale Kraft (Manas Shakti) und Pingala als die Lebenskraft (Prana Shakti).

Diese beiden Kräfte sind zwei entgegengesetzte Energiepole. Normalerweise kommen sie niemals zusammen, aber während der Schöpfung vereinigen sie sich in der ganzen Sphäre. Für das universelle Denken treffen Zeit und Raum im Kern, im Atom zusammen, und wenn sie sich begegnen, wird durch Explosion Materie erzeugt. Zeit repräsentiert die positive Energie und Raum die negative.

Aspekte des Erwachens

In unserer menschlichen Gesellschaft sind Mann und Frau die zwei gegenüberliegenden Pole der Energie. In der alten tantrischen Tradition ist über diese Energiepole bis in alle Einzelheiten diskutiert worden. Man kann Kali sehen, wie sie halb nackt mit einem Fuß auf dem liegenden Shiva steht, mit grimmigem Ausdruck, blutbefleckter Zunge und einer Mala mit 108 menschlichen Schädeln. Das ist Kali in ihrem erwachten Zustand. Es gibt auch Bilder und Figuren von Shiva im Lotussitz – die eine Hälfte des Körpers ist Shiva, die andere Shakti. Oder Shiva und Parvati als Guru und Jünger, wo Shiva seine Schülerin in die Geheimnisse von Tantra einweiht. In der Nähe von Monghyr gibt es ein sehr bedeutendes Tantra-Zentrum – Tarapeetha; hier kann man sehen, wie Shiva an der Brust von Shakti saugt.

Es gibt also verschiedene Verbindungen zwischen Shiva und Shakti, die abhängig sind von dem Grad der Evolution und dem Erwachen. Einmal ist Shakti Jüngerin und Shiva der Guru, ein anderes Mal sind sie vollkommen gleich, sogar in einem Körper, einem Rahmen, einer Idee; und wieder auf einer anderen Evolutionsstufe ist Shakti die Höchste und Shiva der Jünger. Nun, dies ist die philosophische Betrachtungsweise der Entwicklungsstufen der mächtigen Shaktikraft in jedem Einzelnen.

Das spirituelle Erwachen einer Frau

In der tantrischen Tradition wird die Frau dem Mann gegenüber als höherstehend betrachtet, jedenfalls was die tantrische Einweihung betrifft. Dies hat keinerlei Bedeutung im sozialen Leben; es ist allein die spirituelle Betrachtungsweise im Hinblick auf die Entwicklung eines höheren Bewusstseins. Die Gestalt einer Frau, ihre Gefühle und ihre psychische Entwicklung sind ganz sicher höher entwickelt als die des Mannes. Es ist für eine Frau und ihren Körper sehr viel einfacher, die spirituelle Kraft 'Kundalini' zu erwecken, als für einen Mann mit seinem Körper.

Wenn ein Mann in die tieferen Ebenen seines Bewusstseins eintaucht und wieder zurückkommt, ist er nicht in der Lage, diese Erfahrungen mit sich zu bringen; einer Frau hingegen ist das möglich. Es sieht so aus, als wenn für sie kein Unterschied besteht zwischen innerer und äußerer Wahrnehmung. Wenn man in sehr tiefe Bewusstseinsschichten kommt, erlebt man bestimmte Dinge. Wenn man aus dieser Tiefe zurückkommt in die grobe Wahrnehmungswelt, fällt beim Mann ein Vorhang zwischen dem tief Erlebten und dem Wachbewusstsein, und bei einer Frau fällt dieser Vorhang nicht.

Das psychische Wesen einer Frau ist hochgradig mit Spiritualität geladen. Den äußeren Ausdruck, den du bei einer Frau oder einem Mädchen finden kannst – Liebe für Schönheit, Zärtlichkeit, Sympathie, Verständnis – sind Ausdruck ihres inneren Wesens. Ich möchte wirklich behaupten, dass die Welt eine Wüste wäre, wenn alle Frauen diesen Planeten verlassen würden. Es gäbe keine Farben, kein Parfüm, kein Lächeln und keine Schönheit. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die innere Wahrnehmung einer Frau sehr aufnahmebereit ist und kurz vor einer Explosion steht.

Laut Kundalini Yoga schlummert Kundalini, die Urlebenskraft, im Beckenraum in einem Energiezentrum mit dem Namen 'Mooladhara Chakra'. Für den Mann ist es sehr schwer, diesen bei ihm ziemlich verstopften Raum wahrzunehmen, während Mooladhara sich im Frauenkörper sogar mit dem Finger berühren lässt. Die Erweckung kann daher im Körper der Frau viel schneller geschehen, als beim Mann.

Die Frau ist diejenige, die die Energie in Bewegung bringt und weiterträgt, während der Mann das Medium ist. Das bedeutet nicht, dass die Frau die Ehefrau sein muss, sie kann dies auch als Mutter, als Tochter oder als Jüngerin. Maria war Jesus Mutter; die 'Mutter' war Jüngerin von Sri Aurobindo. Die tantrische Mythologie erzählt von vierundsechzig Yoginis, die in ganz Indien hoch verehrt werden; den 64 Aspekten der weiblichen Energie zu Ehren wurden 64 Tempel erbaut.

Vama Marga

Wenn man die tantrischen Schriften studiert, kann man sehr deutlich erkennen, dass Shakti die Erschafferin ist und Shiva das Instrument. Shiva wird niemals als der Erschaffer betrachtet. Der erste Satz in einem der berühmten Werke des großen indischen Philosophen und Heiligen Adi Shankarasharya lautet: 'Ohne Shakti, wie kann Shiva erschaffen?'

Für einen Hindu ist die Vereinigung von Mann und Frau in erster Linie die Möglichkeit, den Evolutionsprozess zu beschleunigen. Wenn auch die Verbindung von Mann und Frau zu unterschiedlichen Zeiten und je nach kulturellem Einfluss in fast allen Teilen der Welt unterschiedliche Ziele hatte, so wurde im Hinduismus konsequent daran festgehalten, dass die Verbindung zwischen Mann und Frau eine spirituelle ist. Deshalb ist der Platz der Frau in Tantra auf der linken Seite. Vor der Heirat sitzt das Mädchen auf der rechten Seite und nach der Hochzeitszeremonie sitzt sie auf der linken Seite. Sie wird 'Vama' genannt, was in Sanskrit so viel bedeutet, wie 'auf der linken Seite sitzen'. Vama bezieht sich auf Ida (parasympathisches Nervensystem).

Es gibt eine alte Sage von Sita und Rama: Als Rama schon über 60 Jahre alt war, wurde seine Frau Sita schwanger, und sie lebte einige Zeit im Ashram eines Heiligen. Als Herrscher gehörte es zu Sri Ramas Pflichten, bestimmte religiöse Rituale abzuhalten. Aber der weise Mann wusste, dass er ohne seine Frau die Zeremonien nicht ausführen konnte. Sita war jedoch nicht da, und so konstruierten sie ein Ebenbild von ihr und setzten dieses während der Zeremonie auf Ramas linke Seite. Heute ist Vama Marga in den westlichen Ländern völlig fehlinterpretiert. Sie nennen es 'linkshändigen Tantra', und das ist keine korrekte Übersetzung. Das sollte mit Rotstift aus Tantrabüchern ausgestrichen werden. Vama Marga ist richtig interpretiert als der Weg der spirituellen Entwicklung, den man mit seiner Frau geht. Marga bedeutet Weg und Vama bedeutet die Ehefrau, die Frau, die Partnerin, was immer sie auch ist.

Die tantrische Bedeutung

In Vama Marga ist es Shakti, die die wichtigere Rolle spielt, nicht nur im sexuellen Leben, sondern ebenso in den spirituellen Übungen; sie ist es, die den Ablauf bestimmt und die spirituellen Rituale leitet. Bei den Hindus werden alle Rituale, religiöse sowohl auch andere, hauptsächlich von Frauen abgehalten – die Männer sitzen still dabei. Ob es eine ganz normale soziale Zeremonie ist oder eine religiöse, ob es die Verehrung einer Gottheit ist oder ein Fastentag: es ist die Frau, die die Einführung gibt, und der Mann achtet sie in dieser Rolle.

Nun, die Bedeutung von Vama Marga ist folgende: Es ist der spirituelle Weg, der mit dem Partner zusammen beschritten werden kann. Es ist auch möglich, dass die Mutter ihren Sohn einweiht, dann wird das Kalachakra genannt. Auch heute kann man diese Art Einweihung besonders im Norden Indiens noch finden. In so einer Verbindung sieht der Sohn in der Mutter eine Göttin. Er verneigt sich vor ihr, verehrt sie, und zwar nicht nur aus einem sozialen Respekt heraus, sondern es ist eine von innen kommende spirituelle Verehrung; er sieht den Guru in ihr und nicht die Mutter.

Ebenso verhält es sich in Vama Marga; es ist der Mann, der sich vor der Frau verneigt und die ihm den Segen erteilt.

Es ist eine sehr wichtige Rolle, die die Frau im tantrischen Ritual spielt, und es ist ein trauriger Fehler, wenn man die Frau in Tantra nur als eine sexuelle Partnerin betrachtet. Das sexuelle Leben ist wichtig, aber es ist nicht die einzige Verbindung, die es zwischen Mann und Frau geben kann. Schließlich ist nicht nur die Ehefrau eine Frau, sondern auch die Mutter und die Tochter. Eine tantrische Verbindung ist unabhängig von einer sexuellen.

Missbrauch von Tantra

Zur Zeit rebelliert der Westen gegen seine eigene Religion und zwar ganz einfach, in dem man Tantra falsch interpretiert und missdeutet. Die Menschen versuchen, in der sexuellen Sphäre des Menschen Anarchie zu schaffen. Auch in Indien gibt es viele Lehrer, die diesen Fehler machen. In Tantra braucht man nicht mit der eigenen Religion oder Tradition zu kämpfen; hier heißt es nicht, dass Sexualität eine Sünde ist, sondern die sexuelle Vereinigung wird als ein natürliches Verlangen betrachtet; jeder kann diesem Verlangen nachgehen oder nicht, so wie er möchte. Die westliche Religion hat gelehrt, dass Sexualität eine Sünde ist; nur ein einziger Mensch ist ohne Sünde geboren, während alle anderen in Sünde geboren wurden. Menschen mit diesem Erbe müssen erst das tiefsitzende Schuldgefühl von sich abschütteln.

Mit dieser Erziehung muss man eine Erklärung für das sexuelle Leben finden, und so ist Tantra eine Art Tarnung geworden. Der tantrische Gedanke ist sehr klar und gradlinig, was diesen Punkt betrifft. In den alten Schriften kann man lesen, dass nichts dabei ist, Wein zu trinken, Fleisch zu essen und den Geschlechtsakt zu vollziehen. Dies sind natürliche Bedürfnisse des menschlichen Wesens; kann man sie jedoch transzendieren, dann wird sich ein sehr schneller spiritueller Fortschritt einstellen. Man sollte also Tantra nicht als Tarnung für irgendein Bedürfnis des menschlichen Lebens benutzen.

Die Frau kommt zuerst

Im Tantra übernimmt die Frau die Initiative. Ramakrishna Paramahamsa hat seine Frau Sarada immer als Devi, als Göttin verehrt. Als er heiratete, war er sehr jung und seine Frau war noch ein Kind, aber trotzdem hat er sie stets nur als die göttliche Mutter gesehen. Dementsprechend hat er sich immer ihr gegenüber verhalten und hat niemals etwas anderes in ihr gesehen.

Die Frau wird im Tantrischen mit äußerster Vorsicht behandelt, denn sie ist die Hochspannungsleitung für die Kundalini-Energie. Man braucht sich nicht vor ihr zu fürchten, allerdings muss man sehr behutsam mit ihr umgehen, denn in ihr liegt die Kraft einer großen Explosion. Als Ehefrau ist sie Ehefrau, gut; aber wenn sie tantrische Partnerin im spirituellen Leben ist, dann steht ein anderer Sinn dahinter, und der ganze Ablauf ist ein anderer.

Seit undenklichen Zeiten gibt es in Indien diese Tradition. Wenn ein Paar begrüßt wird, grüßt man immer zuerst die Frau und dann den Mann. Wir sagen niemals Ram Sita, sondern Sita Ram; niemals Shyam Radhe, sondern Radhe Shyam. Rhada ist das weibliche Prinzip und Shyama ist das männliche Prinzip. Der ganzen Evolution liegt das zugrunde, Shakti kommt zuerst, dann kommt Shiva. Wenn ein Mann mit dieser Einstellung den spirituellen Weg entweder mit der Ehefrau, der Tochter, Freundin oder Schülerin betritt, wird er bemerken, dass immer die Frau die Antreibende ist und er selbst der Mitläufer, auf jeder Ebene. Auch wenn ein Mann sein höheres Bewusstsein entwickelt hat, wird er immer Schwierigkeiten haben, anderen dieses zu vermitteln, solange er nicht eine Frau bei sich hat.

Hypothese in Hatha Yoga

Nun, man sollte nicht übersehen, dass es in Tantra noch einen anderen Weg gibt: Dak-shina Marga oder auch vedischer Tantra. Hier ist eine Frau als die Führende nicht notwendig, denn jeder trägt beide Kräfte in sich. Ida ist das weibliche Prinzip, und Pingala ist das männliche Prinzip. Die Vereinigung zwischen den Kräften der Mentalität und der Vitalität ist gleichbedeutend mit der Vereinigung von Mann und Frau. Das ist die Grundlage von Hatha Yoga.

Ida ist Shakti und Pingala ist Shiva. Wenn sie sich im Ajna Chakra begegnen, dann ist das die wahre Vereinigung. Shakti hat ihren Sitz in Mooladhara. Shiva hat seinen Sitz in Sahasrara. Shiva verharrt dort in ewigem Yoga Nidra – tatenlos, unbeteiligt, namenlos und formlos. Er hat nichts zu tun mit der Zerstörung oder der Erschaffung. Sein Bewusstsein ist grenzenlos und vollkommen. Es gibt keine Bewegung, keine Schwingung in Sahasrara. Durch Yogaübungen erweckt man die Shaktikraft in Mooladhara, und irgendwann wird sie aufsteigen und sich durch Sushumna (den Rückenmarkkanal) zum Ajna Chakra bewegen. Und wenn Shakti dieses Chakra erreicht, dann vollzieht sich die Vereinigung.

Shivas Tanz

Diese Vereinigung kann sich vollziehen, wenn die beiden Energiepole zusammentreffen. Wenn man Licht einschaltet, leuchtet das Licht, weil die beiden Leitungen sich vereinigen können. Ebenso ist es im Ajna Chakra – die Vereinigung vollzieht sich, und gleichzeitig gibt es eine Explosion. Die Energie, die im Ajna Chakra erzeugt wird, bewegt sich zum Sahasrara Chakra. Shiva und Shakti verbinden sich miteinander. Während sie sich vereinigen, beginnt Shiva seinen Tanz, der Ausdruck von Nataraj. Shiva, der aus seinem tiefen Yoga Nidra erwacht, beginnt zu tanzen.

Hier ist nicht die Rede von einem Mann, sondern von einer Kraft. Shivas Tanz, wie er in Nataraj ausgedrückt wird, symbolisiert das Erwachen dieser menschlichen Kraft. Shiva und Shakti bewegen sich nun zusammen auf dem gleichen Weg zurück zum Mooladhara Chakra. Sie steigen gemeinsam herunter auf die weltliche Ebene, in die grobstoffliche Erscheinungswelt. Auf diesem Weg kommen Heilige von Zeit zu Zeit zu uns. In Sri Aurobindos Philosophie kann man Zeuge von dem Erwachen dieser Energie werden, von der Vereinigung mit Shiva, von dem gemeinsamen Tanz und dem Abstieg auf unsere Existenzebene. Deshalb gibt es in Kriya Yoga aufsteigende und absteigende Wege – arohan und awarohan.

Dies ist eine Beschreibung der Frauenrolle in der tantrischen Tradition, aber in den modernen Kulturen ist das Bewusstsein weit davon entfernt. Überall auf der Welt kämpfen Menschen mit ihrer eigenen Schuld und Sünde. Wer die ursprüngliche Rolle der Frau jetzt und hier wieder aufleben lassen möchte, der muss sein eigenes inneres Verhalten verändern. Es ist notwendig, dass unsere soziale Struktur auf einem neuen Unterbau religiöser Tatsachen gegründet ist, in dem die Frauenrolle in der menschlichen Evolution in seinem ganzen Ausmaß verstanden und akzeptiert wird. Das ist Voraussetzung für das Entstehen einer neuen Gesellschaft, und jeder einzelne muss das für sich erkennen und daran arbeiten. Dann wird das, was gelebt und gelehrt wird, nicht mehr das Resultat der eigenen inneren religiösen Konflikte sein.