Eine neue Dimension des Lernens und des Lebens

Die 1. Yoga Universität zum Studium yogischer Wissenschaften

Die Bihar School of Yoga (BSY) wurde 1963 von Swami Satyananda Saraswati in Munger (Bihar) / Indien gegründet und zählt heute zu den wenigen großen Schulen, die von der indischen Regierung als Ausbildungsschule, Ashram und Forschungsinstitut anerkannt ist. 1994 hat die BSY eine weitere bedeutende Institution hinzubekommen, ein Institut der yogischen Wissenschaft - ‘Bihar Yoga Bharati’. Dieses bemerkenswerte Ereignis möchte ich als Anlass nehmen, das Institut hier vorzustellen.

Geschichte

Die Bihar Yoga Bharati hat ihre Wurzeln in uralter Zeit. Vor tausenden von Jahren existierten im Staat Bihar zwei große spirituelle Universitäten. Die Universität in Nalanda beherbergte einmal mehr als 10.000 Studenten, Mönche und Gelehrte aus aller Herren Länder. Sie war auch für ihre Bibliothek berühmt, die zehn Stockwerke hoch war. Die Universität in Vikramshila, nahe Bhagalpur, betonte das Studium des Tantra. Bihar und besonders Munger spielten auch eine wichtige Rolle im indischen Epos ‘Mahabharata’.

Um dieses alte Erbe wieder neu zu beleben, schuf Swami Sivananda als ersten Schritt die ‘Yoga Vedanta Forest Academy’ in Rishikesh. Sein Jünger Swami Satyananda Saraswati errichtete die Grundmauern mit ‘Ganga Darshan’ und schuf somit die räumlichen Gegebenheiten für eine Universität. Sein Nachfolger, Swami Niranjanananda Saraswati, vollendete das Werk, so dass sich die Tore der BYB zum 108. Geburtstag von Swami Sivananda öffnen konnten. Swami Niranjanji ist die inspirierende Kraft dieser Universität. Er repräsentiert die Tradition ebenso, wie die Moderne, denn seine Ausbildung bestand zum einen aus der traditionellen Gurukul-Erziehung, zum anderen verbrachte er viele Jahre im westlichen Ausland.

Ein Studium im Geiste von Yoga

Unser heutiges Schul- und Bildungssystem ist so ausgerichtet, daß es auf den Beruf vorbereitet und Expertentum fördert. Es ist eine Erziehung, die uns lehrt, wie wir mit viel Bücherwissen erfolgreich sein können. Wahre Erziehung sollte uns jedoch die Möglichkeit geben, auch unsere inneren Tore zu öffnen und mit unserem eigenen Potential in Berührung zu kommen. Sie sollte uns lehren, mehr authentisch zu sein, und weniger, etwas werden zu müssen. Erziehung mit diesem Ziel hat ihren Schwerpunkt auf Selbsterfahrung, Selbstkontrolle und Selbstdisziplin, so daß die Handlungen mit den Gedanken, Wünschen und Gefühlen im Einklang sind. Harmonie in die großen Bereiche von Kopf, Herz und Hand zu bringen, war ein wichtiges Anliegen der Gurukul-Erziehung. Diese Form des Lernens, in der die Schüler mit ihrem Meister zusammenleben, war früher auch bei uns viel selbstverständlicher. Wirkliches Lernen muß mit dem Herzen geschehen, und der Verstand hat die Aufgabe des Auswertens. Das, was mit dem Herzen gelernt wird, kann nie vergessen werden.

Im Gurukulsystem leben die Schüler oder Studenten mit ihrem Lehrer im gleichen Haus, sie essen das gleiche und haben die gleichen Wohn- und Lebensbedingungen. Es gibt einen festen Tagesplan mit Mantra-Chanten, Asanas, Pranayama, Meditation, Karma Yoga, Vorträgen und Selbststudium, Yoga Nidra und Kirtan. Das Zuhören und Lernen findet im Garten unter Teakbäumen, im Klassenraum oder bei gemeinsamen Ausflügen statt. In der Karma Yoga Zeit sind Arbeiten rund um die Aufrechterhaltung des Ashrams oder der Universität für alle bindend, und dazu zählen: Garten, Küche, Putzen, Büro, Bibliothek, Computer und vieles mehr.

Den Unterricht gestalten Dozenten, die aus Indien und anderen Teilen der Welt kommen. Sie sind Experten auf ihrem Gebiet und geben diesem neuen Projekt ihre Unterstützung, indem sie für einige Monate ihren Arbeitsplatz verlassen und im Ashram leben. Sie kommen, um zu lehren und um sich auch gleichzeitig selbst weiterzuentwickeln.

Die Studenten kommen ebenfalls aus allen Teilen der Welt. Sie schenken sich eine Zeit der Selbst-orientierten Erziehung. Es ist kein Studium, mit dem ein fertiger Beruf erworben wird, sondern eher ein Weg, viele neue Tore im Bewußtsein und im Herzen zu öffnen, um ein kreatives und weltoffenes Mitglied der Gesellschaft zu sein und Yoga in das moderne Leben zu integrieren. Die Motivation ist entscheidend. Für die Studiengänge ist eine Altersgrenze von 55 Jahren vorgesehen, was einleuchtend ist, denn nach diesem Alter sind Menschen oft nicht mehr in der Lage, das nicht immer einfache Ashramleben freudig anzunehmen.

Der Lehrplan

Zur Zeit bietet die BYB vier Fakultäten an: Yoga Philosophie, Yoga Psychologie, Yoga in der Anwendung und Yoga Ökologie. Alle vier Fakultäten enthalten Praxis und Theorie in ihrem Lehrplan und die Vorgabe, Lernen mit dem Leben zu verbinden. Andere Bereiche sind in der Planung. Gute Englischkenntnisse in Wort und Schrift sind Voraussetzung. Durch die Verbindung des Studiums mit yogischem Training im Ashram können alle Persönlichkeitsaspekte leichter integriert werden, und der Geist von seva (selbstloses Dienen), samarpan (Hingabe) und karuna (Mitgefühl) darf sich entfalten.

Swami Niranjanananda Saraswati ist Rektor der BYB. Mit der Vision und Intuition eines hochentwickelten Yogis integriert er das traditionelle yogische Wissen mit Achtsamkeit, Selbstbeherr-schung und selbstlosem Dienst in die wissenschaftliche Arbeit. Ziel der YogaUniversität ist es, höhere Abschlüsse zu ermöglichen wie M.A. (master of art), M.Sc. (master of science), M.Phil. (master of philosophy), D.Lit. (doctor of literature), welche unserem akademischen Abschluss eines Magister Artium (MA) in den verschiedenen Fakultäten entspricht, und wie Ph.D. (post honour degree), welches unserem akademischen Abschluß eines Doktor-Titels entspricht.

Yoga in der Anwendung

Yoga ist eine universelle, evolutionäre Wissenschaft, die aus der tantrischen und der vedischen Tradition abstammt. Yogis, Rishis und Seher zeigten mit Yoga einen Weg, durch Ausdehnung des Bewusstseins und der damit verbundenen Freisetzung von Energie die menschliche Entwicklung voranzutreiben. Zur Zeit erfährt Yoga immer größere Beachtung und Anerkennung in den verschiedensten Lebensbereichen. Dies trifft besonders zu auf die allgemeine Aufrechterhaltung von Gesundheit, in der Stressbewältigung vor allem auch im Mangement, in Bildung und Wissenschaft, in Gefängnissen, Hochschulen, usw.

Es sieht so aus, als würde sich die Prophezeihung von Swami Satyananda bewahrheiten: ”Yoga ist die Kultur von Morgen und wird den Kurs des Weltgeschehens ändern”. Bisher blieb das yogische Wissen jedoch auf einer mehr oberflächlichen Ebene. Um zu ermöglichen, Yoga in seiner ganzen Tiefe und Fülle zu erfahren und den potenziellen Nutzen für eine Integration in die Gesellschaft zu analysieren, wurde die BYB gegründet. Dabei ist die akademische Schulung ebenso wichtig wie die yogische Erfahrung.

Organisation und Anmeldung

Die Inhalte der unterschiedlichen Studienrichtungen sowie Voraussetzungen und Anmeldeprozedere sollen hier nur kurz erwähnt werden.

Im allgemeinen gilt eine Altersbegrenzung: 21 (20) – 55 Jahre. Die angegebenen Kosten schließen Kursgebühren, Unterkunft und Verpflegung mit ein.

Eine Orientierungswoche dient dazu, nach einem vorher stattfindendem Gespräch und einem Sprachtest herauszufinden, ob sich der Aspirant problemlos in das Ashramleben einfügen kann.

Anmeldung:

Die Anschrift lautet:

Bihar Yoga Bharati
Ganga Darshan, Fort
Munger (Bihar) 811201, India

Ausblick

Diese Form der Ausbildung ist ein offenes System, es lebt und wächst durch Interesse und die Bereitschaft jedes Einzelnen. Swami Niranjanananda führt die Universität mit großer Offenheit, um Studenten, Dozenten und Ratgebern den größtmöglichen Spielraum für eigene Kreativität zu ermöglichen. Damit diese alten und gleichzeitig ganz modernen Ideen Erziehungs- und Bildungssysteme weltweit beeinflussen können, liegt es jetzt am Engagement vieler Menschen, sich dort einzubringen. Das Studium der alten Schriften wird deutlich machen, daß viele noch unveröffentlicht sind, oder ihnen die notwendigen Kommentare der Meister fehlen. Es könnten Antworten gefunden werden, besser, gesünder und harmonischer miteinander zu leben.

Wir leben heute in einer schnellebigen und äußerlich unsicheren Zeit. Für viele Menschen gibt es nicht einmal mehr Arbeit und die Perspektivlosigkeit junger Menschen weitet sich aus. Eine ‘Schule des Lebens’ könnte eine bessere Vorbereitung auf Anforderungen und Probleme unserer heutigen Zeit sein. Es wäre erfreulich, wenn ein solches Erziehungssystem wieder auflebt und jungen Menschen einen guten Start sowohl in das materielle als auch in das spirituelle Leben ermöglicht.

Zeit- und Gedanken-Management sind äußerst wichtig für unser praktisches Leben. Sei pünktlich, um deine Pflichten und Zusagen zu erfüllen. Das zeugt von Wachheit und geistiger Klarheit,im Gegensatz zu Zerstreutheit. Zeit-Management drückt sich nach außen aus, Gedanken-Management nach innen. Geistige Klarheit, eine klare Einsicht, Klarheit über die Verpflichtung, Klarheit in der Durchführung und Klarheit im Verhalten.

All das spiegelt inneres Management - Gedanken-Management - wieder. Wir menschliche Wesen sind nicht in der Lage, unser inneres Verhalten zu meistern oder zu lenken. Um innere Prozesse zu bewältigen und diese innere Klarheit zu erlangen, hilft uns das yogische Sadhana.

Swami Niranjanananda

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift YogaForum Ausgabe 5/2001 des BDY (Bund Deutscher Yogalehrer) - von Swami Prakashananda Saraswati