Kriya Yoga

Kriya Yoga ist immer ein System gewesen, das vom Guru direkt an den Jünger weitergegeben wurde. In der Tat wird diese Tradition gebrochen, indem die Techniken von Kriya Yoga in geschriebener Form der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Aber das Brechen dieser Tradition ist berechtigt, ja sogar notwendig in unserer heutigen Welt, in der so viele Menschen versuchen, sich selbst, die Welt und ihren Platz in diesem Schema zu verstehen, aber eine positive Führung vermissen. Viele Menschen sind für weiterführende Yogaübungen vorbereitet, sie haben jedoch keinen Guru, der sie unterweisen kann. Aus diesem Grund und für diese Menschen veröffentlichen wir diese umfangreichen Einzelheiten der Kriya Yoga Techniken.

Was ist Kriya Yoga?

Über Kriya Yoga brauchen wir nicht viel zu sagen, die Übungen sprechen für sich. Im dritten Teil des Buches werden wir bewusst so wenig wie möglich schreiben. Wir versuchen absichtlich, unsere Erklärungen über die Wirkungsweise jeder einzelnen Kriya Technik einzuschränken. Je weniger wir schreiben, umso unbeschwerter und relativ frei von Vorurteilen und Missverständnissen kann der Übende seine Kriyas ausführen.

Der folgende Text ist eine Einführung in Kriya Yoga. Während der Übungen werden viele Fragen auftauchen. In der Vergangenheit wurden diese Probleme vom Guru gelöst, der seinen Jüngern persönliche Instruktionen gegeben hat. Jeder Fehler konnte direkt korrigiert werden. In den folgenden Lektionen wirst du nicht persönlich geführt werden, deshalb musst du die von uns gegebenen genauen Instruktionen sorgfältig befolgen. Wir schlagen vor, dass du diesen Text von Zeit zu Zeit wieder liest, so dass du Fehler in deinen Übungen korrigieren kannst, die am Anfang nicht so sichtbar waren.

Die richtige Einstellung ist ein ganz wichtiger Teil in Kriya Yoga. Dadurch erst kommt das ganze Potential, das in den Kriya Übungen liegt, voll zur Blüte. Wenn du einen Samen in gute Erde legst, wird er schnell wachsen und zu einer wunderschönen duftenden Blume werden. Wenn du den Samen in schlechte Erde legst oder an den falschen Platz, wird er sich nicht entwickeln. Die Kraft ist immer dieselbe; entscheidend ist die Umgebung, die das Wachstum und den Ausdruck der inneren Kräfte fördert oder zurückhält. Genauso ist es in Kriya Yoga; eine positive Umgebung mit der richtigen Einstellung lässt durch die Übungen Früchte hervorbringen; eine unkorrekte Einstellung verhindert dies. Das Potential der Kriyas ist immer dasselbe, deshalb solltest du versuchen, die Grundeinstellung des Nichterwartens, der Unbeschwertheit anzunehmen, die wir im Folgenden beschreiben.

Probleme und Zweifel werden während und als Folge der Übungen auftauchen. Wenn nötig, kannst du an den Ashram schreiben, um Rat einzuholen. Jeder wird seine eigenen spezifischen Fragen, Unsicherheiten und Schwierigkeiten haben.

Definition von Kriya Yoga

Das Sanskritwort Kriya bedeutet „Aktion“ oder „Bewegung“. Es heißt Kriya Yoga, weil es ein System ist, in dem man absichtlich seine Aufmerksamkeit auf bestimmten Wegen rotieren lässt. Diese Bewegung der Wahrnehmung wird natürlich kontrolliert ausgeführt. Außerdem heißt es Kriya Yoga, weil man nach einem festgelegten Übungsschema ganz bestimmte Mudras, Bandhas und Asanas ausführt.

Oft wird das Wort Kriya als „praktikabel“ übersetzt. Das ist eine wirklich gute Bezeichnung, denn praktikabel ist Kriya Yoga wirklich. Es ist ganz allein auf die Praxis bezogen, ohne die leiseste philosophische Spekulation. Nur das Anwenden des Systems bringt Ergebnisse, nicht das bloße Reden darüber.

Manchmal wird das Wort Kriya mit „anfänglich“ übersetzt. Das ist ebenfalls eine gute Bezeichnung, denn Kriya Yoga ist eine Anfangsübung, die von Dharana allmählich in den Zustand von Dhyana (Meditation) und Yoga (Einheit) übergeht. Es ist eine Technik, durch die wir in denjenigen Seinszustand geführt werden, der über jede Form von Technik hinausgeht. Schließlich wird das Wort Kriya auch benutzt, um jede individuelle Übung zu beschreiben. Der Ablauf von Kriya Yoga enthält eine bestimmte Anzahl von Kriyas, die eine nach der anderen in festgelegter Reihenfolge ausgeführt werden.

Geschichte und Hinweis in historischen Schriften

Kriya Yoga hat keine Geschichte, über die wir sprechen könnten. Ihr Beginn und ihre Entwicklung liegt in den Tiefen der Vergangenheit begraben. Es ist ein System, das so geheim gehalten wurde, dass nicht einmal ein Mythos existiert, der seinen Ursprung erklären könnte.

Aber wir sind auch sehr froh darüber, dass es keine Geschichte gibt, denn so kann das System nicht so leicht durch bedeutungslose Einzelheiten verdorben und verdreht werden. Weil es über Kriya Yoga nicht so viel zu reden gibt, bleibt die Reinheit und Kraft erhalten. Die meisten anderen Yogasysteme sind mit einer ganz bestimmten Geschichte oder mit einem Mythos verbunden; Geschichten und Legenden erzählen von unterschiedlichen Menschen, die das jeweilige System formuliert und abgeändert haben, und es kann sehr ablenkend sein, wenn man sich damit beschäftigt, wer das System erfunden haben könnte, wann dieser Mensch gelebt hat, wodurch seine Gedanken, sein Glaube, seine Religion usw. beeinflusst wurden.

Man beschäftigt sich so sehr mit der Geschichte und vergisst darüber, dass Übung der Sinn und die Essenz aller Yogawege ist. Das Fehlen jeglicher Geschichte bedeutet auch, dass Kriya Yoga an keinen Glauben und an keine Tradition gebunden und daher für jedes Alter und jeden Menschentyp geeignet ist. Kriya Yoga kann ein zeitloses System bleiben.

Was die Geschichte betrifft, können wir nur soviel sagen, dass Swami Sivananda von Rishikesh Kriya Yoga weitergegeben hat. Wenn sich jemand die Mühe macht, die Kette der Gurus vor Swami Sivananda zurückzuverfolgen, wird er vielleicht an den Ursprung von Kriya Yoga herangeführt. Das ist jedoch ein ziemlich unmögliches Unterfangen, denn Sannyasins der Vergangenheit hatten die Angewohnheit, aus ihrer Umgebung zu verschwinden und vor den Schreibstiften der Historiker zu flüchten.

Es gibt auch andere Menschen und Gruppen in Indien, die Kriya Yoga praktiziert und gelehrt haben, z.b. Swami Yogananda, Yukteshwar Giri, Lahiri Mahasaya, Mahatma Gandhi. Auch sie kennen den Ursprung nicht, aber man sagt, dass der große Yogi Babadji Kriya Yoga zurückgebracht hat, weil es die ideale Übung für den ernsthaften Sucher der Weisheit im augenblicklichen Kali Yuga (dem dunklen Zeitalter) ist.

Kriya Yoga scheint der einzig bekannte Yogaweg zu sein, der in den traditionellen Schriften nicht direkt erwähnt wird. In vielen Texten wird das Wort Kriya oder sogar Kriya Yoga benutzt, aber in einem anderem Zusammenhang. In den Yoga Sutras von Patanjali heißt es z.b.: „Kriya Yoga erfordert Tapas (einfaches Leben), Swadhyaya (Selbststudium) und Ishwara Pranidhana (sich dem kosmischen Willen hingeben)“. Das hat mit derjenigen Form von Kriya Yoga, die wir hier lehren, nichts zu tun. Was Patanjali als Kriya Yoga bezeichnet, ist eine Vorbereitung auf Raja Yoga.

Kriya Yoga schien auch in China bekannt gewesen zu sein, denn dort gibt es ein sehr ähnliches System, das in den Schriften ‚Tai Chin Hua Tzang Chih‚ (Das Geheimnis der goldenen Blüte) genannt wird. Dieser Text ist von Richard Wilhelm ins Englische übersetzt worden, mit einer Einführung von C.G. Jung. Die Übung wird als ein Rotieren der Wahrnehmung durch den Rücken und die vordere psychische Passage des Körpers beschrieben, das Rotieren geschieht jedoch in entgegengesetzter Richtung zur indischen Kriya Praxis. Wir behaupten nicht, dass das chinesische und das indische System das gleiche ist, sondern dass sie große Ähnlichkeiten haben.

China hat sein ganz eigenes, dynamisches Meditationssystem, Tai Chi Chuan. Obwohl rein äußerlich nicht viel Gemeinsamkeiten zwischen Kriya Yoga und Tai Chi Chuan zu entdecken sind, ist ihr letztendliches Ziel das gleiche: beides sind Methoden, die zur Meditation führen, indem vollkommenes Gleichgewicht und Harmonie im physischen und mentalen Körper hergestellt wird. Beide machen sich den Pranafluss und erhöhte Wahrnehmung zunutze.

Alles, was wir sagen können, ist, dass Kriya Yoga eine geheime Technik ist, die Jahrhunderte hindurch aus dem Mund des Gurus zum Jünger weitergeflüstert wurde.

Der Sinn von Kriya Yoga

Der Sinn von Kriya Yoga ist es, das ganze Leben in einen unaufhörlichen Ausdruck von Freude, Glückseligkeit und Weisheit zu verwandeln. Es ist dazu da, Tamas in Sattva zu transformieren. Mit Kriya Yoga kann das ganze Wesen veredelt werden. Wir können sagen, dass Kriya Yoga folgende Veränderungen mit sich bringt:

  • Langsam verschwinden Ängste, Phobien, Konflikte, Depressionen, falsche Vorstellungen, Konditionierungen usw., die in den Tiefen des Unterbewusstseins versteckt liegen. Durch Kriya Yoga wird das ganze Bewusstsein von der Oberfläche bis zu den tiefsten Tiefen harmonisiert.
  • Kriya Yoga bringt 24 Stunden am Tag Entspannung; keine faule Entspannung, sondern dynamische Entspannung, durch die man ganz spontan sehr viel mehr Arbeit erledigen kann als vorher, mit bedeutend mehr Kraft und Effektivität.
  • Kriya Yoga führt zu Dhyana und intensiviert die spontane Wahrnehmung.
  • Diese Veränderungen, die nacheinander auftauchen, werden Körper und Bewusstsein in ein vollkommenes Instrument der Handlung und der Weisheit umwandeln.

Das Lenken der Energie

Kriya Yoga ist eine sehr anspruchsvolle Methode, um die natürlichen Kräfte und Energien unseres Wesens zu harmonisieren und zu synchronisieren. Die herausragenden Aspekte unserer Persönlichkeit werden so kanalisiert, dass sie ohne Unterdrückung in positive Richtungen fließen können. Ob nun die Gefühle, der Intellekt, die Ruhe, die Aggression oder was auch immer vorherrschen mag, all diese Energieformen können besser gelenkt werden.

Die physischen, psychischen und mentalen Kräfte werden so gelenkt, dass sie gemeinsam in einem ununterbrochenen mächtigen Strom fließen und uns den tieferen Aspekten unserer inneren Natur gegenüber sehr empfindsam machen. Man beginnt, mit den tieferen Kräften zu schwingen, mit ihnen in Resonanz zu kommen, was zu sehr subtiler Wahrnehmung führt, die uns vorher unbekannt war.

Folgendes Beispiel soll das verdeutlichen. In jedem Jahr gibt es Überschwemmungen. Die Wassermassen suchen sich den leichtesten Weg, die dem Wasser innewohnende Energie trägt diese Flut zum Meer. Wenn nun Deiche, Staudämme, Kanäle usw. gebaut werden, kann die gleiche Energie mit Hilfe von Turbinen sinnvoll genutzt werden. Man kann Elektrizität erzeugen oder es können Felder bewässert werden. Die verfügbare Energie ist genau die gleiche - sie wird nur durch eine geeignete Methode in eine neue, verfeinerte Form gebracht.

Durch Kriya Yoga entsteht eine vergleichbare Veränderung in der menschlichen Struktur. Hier wird die bereits existierende Energie genutzt, verfeinert und kanalisiert, um das wahre Sein zu erkennen. Es wird nichts Neues geschaffen, sondern das, was bereits da ist, darf aufblühen.

Kriya Yoga ist eine Methode der Verwandlung. Es ist eine Methode der Alchemie. Es ist der Stein der Weisen oder zumindest einer von ihnen. Es verwandelt ein Metall in Gold - der grobe, unkultivierte Zustand des individuellen Seins wird in einen reinen, leuchtenden und natürlichen Zustand verwandelt.

Während man Kriya Yoga macht, wird der Aspirant zum Mandala, zu einem psychischen Magneten, zu einem Netz energiegeladener Leere, voller Möglichkeiten und Kraft. Sein ganzes Wesen wird zu einem Vergrößerungsglas. Dieses Mandala ist die zentrale Verbindung zur Mitte der Welt.

Verfeinerung der Wahrnehmung

Alle Yogasysteme beabsichtigen, die subtile und direkte Wahrnehmung zu entwickeln. In Gyana Yoga geschieht dies durch konzentrierte Anstrengung, um ein überwältigendes Verlangen zu beantworten. In Bhakti Yoga werden die emotionalen Kräfte auf einen Punkt gelenkt. In Mantra Yoga ist man ununterbrochen auf das Mantra gerichtet. In Kriya Yoga wird eine subtile Wahrnehmung durch Harmonisierung der Kräfte des ganzen Komplexes Körper- Bewusstsein erreicht, was automatisch zu einer Verfeinerung der Wahrnehmung führt.

Durch Kriya Yoga beginnt man, die tieferen Aspekte der eigenen Natur wahrzunehmen - Prana Shakti strömt aus ihrem tief liegenden Untergrund des Bewusstseins hervor. Man beginnt, tief hinabzutauchen, um zu sehen, wo die anfanglosen Phänomene des Bewusstseins entspringen. Man betrachtet die Gedankenblasen, die aus den Urtiefen emporsteigen. Normalerweise ist dieses Bewusstsein wie ein trüber See, in dem man den Ursprung der aufsteigenden Blasen nicht sehen kann.

Diesen Vorgang kann man nur sehen, wenn man tief in das Wasser hineintaucht und den Grund genau begutachtet. Genauso ist es mit dem Bewusstsein; man muss eine sehr subtile Wahrnehmung entwickeln, tief in das Bewusstsein hineintauchen und sehr genau die Quelle der Gedankenblasen betrachten. Der moderne indische Mystiker Sri Dattabal sagt:

„Wenn du wahre Feinfühligkeit entwickelst, wird die ganze Welt ein offenes Buch für dich sein, auf jeder Seite werden dir neue Geheimnisse und wunderbares Wissen offenbart werden.“

Diese subtile Wahrnehmung unseres eigenen Seins wird eine totale Veränderung unserer Einstellung und unseres Begreifens der äußeren Welt mit sich bringen. Deshalb sollten Menschen, die nach Weisheit suchen, Kriya Yoga in Verbindung mit anderen Yogaformen machen.

Der Meisterplan

Die Kriya Yogaübungen folgen einem bestimmten Plan und können in drei entscheidende Gruppen eingeteilt werden. Diese drei Gruppen, miteinander verbunden, führen automatisch zu:

  • Pratyahara (Zurückziehen der Sinne)
  • Dharana (Konzentration)
  • Dhyana (Meditation)

Die Übungen der ersten Gruppe führen in Pratyahara, die der zweiten Gruppe in Dharana; das führt dann in Dhyana, was nicht mehr mit irgendeiner Technik verbunden ist. Der ganze Ablauf ist stufenweise und natürlich, ohne jede Anstrengung und Frustration. Es ist essentiell, dass Dhyana ganz von selbst aufsteigt. Aus diesem Grunde wollen wir diesen Ablauf in Einzelheiten beschreiben.

Pratyahara

Vom Tag unserer Geburt wurden wir so konditioniert, dass wir immer auf die äußere Welt gerichtet sind und sie als die einzige Realität betrachten. Unsere ganze Motivation ist auf den äußeren Ausdruck gelenkt. Das Ergebnis ist, dass es uns sehr schwer fällt, unsere Wahrnehmung nach innen zu richten. Dies ist das erste Hindernis auf dem weiterführenden Yogaweg, und es ist sehr schwer, dieses Hindernis zu überwinden. Gewohnheiten nehmen wir leicht an, aber es ist sehr schwer, sie wieder loszuwerden.

Das Bewusstsein ist darauf konditioniert, auf die ständig von der Außenwelt kommenden Informationen zu reagieren. Es braucht die äußere Stimulierung. Da diese äußeren Reize ständig auf unsere Sinne einhämmern, ist das Bewusstsein immerzu beschäftigt, ist in einem aufruhrähnlichen Zustand. Im Verlauf von Pratyahara trennen wir unsere Wahrnehmung von den Sinnesorganen. Dadurch können wir die Wahrnehmung nach innen lenken.

Das Bewusstsein ist wie ein ungezogenes Kind, es macht genau das Gegenteil von dem, was du möchtest. Die Erfahrung vieler Menschen zeigt, dass ein unbedingtes Vergessenwollen der äußeren Umgebung genau das Gegenteil bewirkt. Das unbedingte Vergessenwollen der äußeren Welt führt also zu einer erhöhten äußeren Wahrnehmung. Man ist dadurch frustriert und viele geben dann ihren Versuch der Introspektion auf.

Durch Kriya Yoga kann man dieses Problem in einzigartiger und einleuchtender Weise lösen. Wir betreten das Haus des Bewusstseins durch die Hintertür. In der ersten Kriya Gruppe machen wir keinerlei Versuche, die äußeren Sinnesstimuli zu zügeln oder abzubrechen. Ja, wir lassen sogar die Augen, die einen großen Teil der äußeren Stimuli empfangen, während der ersten Kriyas absichtlich geöffnet. Dies scheint der Logik zu widersprechen, aber es wirkt. Wir können dadurch die Wahrnehmung nach innen lenken. Wir machen jedes Kriya, lassen alles von innen hochkommen - und siehe da, das Unerwartete tritt ein: nach einiger Zeit richtet sich die Wahrnehmung spontan nach innen. Kriya Yoga bringt uns durch List in den Zustand von Pratyahara.

Die äußeren Sinnesanregungen abzuschneiden, bringt fast immer Probleme mit sich; es führt leicht in das entgegengesetzte Extrem - vollkommene Gefangennahme in innere Gedankenabläufe und psychische Bereiche. Wir sind so konditioniert, dass unsere Wahrnehmung immerzu mit etwas in Anspruch genommen oder in etwas verwickelt sein muss. Wenn wir also unsere Wahrnehmung von der äußeren Welt lösen, führt das zur Verwicklung und Identifizierung mit den inneren Bewusstseinsabläufen. Man beginnt, über persönliche Probleme zu grübeln oder sich von wunderschönen psychischen Bildern hinreißen zu lassen.

Es ist, als wenn sich eine Biene aus dem klebrigen Honig im Honigglas befreit und zum Honig an der Außenseite des Glases fliegt. Loslösung aus einem Extrem bringt uns in Abhängigkeit vom entgegengesetzten Extrem. Eines ist so schlecht wie das andere. Deshalb führt das Lösen von den äußeren Anregungen leicht in innere Verwicklungen. Beides sollte vermieden werden, wenn man erfolgreich Yoga machen will.

Viele versuchen zu meditieren. Sie schließen ihre Augen, schaffen es, die äußere Welt zu vergessen, werden aber sofort von unterbewussten Gedanken und inneren Visionen weggezogen. Wenn man mit Yoga beginnt, lässt sich das oft nicht vermeiden. Es ist sogar notwendig, weil es dazu verhilft, die negativen störenden Samskaras aus dem Unterbewussten zu lösen. Aber letztlich muss man verhindern, dass die Wahrnehmung weder in die Ereignisse der äußeren Welt noch in die der inneren psychischen und mentalen Bereiche entführt wird. Das heißt, man muss den Grat zwischen Ida und Pingala betreten, den Weg von Sushumna. Um Pratyahara herbeizuführen, muss man auf dem Sushumna Pfad fest verankert sein, und darf sich weder in der Ida Dimension noch in der Pingaladimension verlieren. Das führt wahrhaft zu Pratyahara und schließlich zu Dharana. Ohne sich in Pratyahara sicher zu fühlen, ist es unmöglich, in den Zustand von Dharana zu kommen.

Der meisterhafte Plan von Kriya Yoga ist es, der eine Balance herstellt zwischen total nach außen gerichteter Wahrnehmung und total nach innen gerichteter Inanspruchnahme in Form von Träumereien oder psychischen Bildern. Dadurch allein entsteht die Wahrnehmung von Sushumna. Wie schon erwähnt, bleiben die Augen in den ersten Übungen einige Zeit offen und werden dann einige Zeit geschlossen. Dadurch kann man sich auf den Mittelweg begeben; geschlossene Augen führen zur Innenschau, mit offenen Augen wenden wir uns nach außen. Schließlich führt dies zu einem Punkt des Gleichgewichts und so entsteht in intensiver Form Dharana. Das wiederum ist das Tor zu Dhyana.

Während der meisten Yogaübungen, besonders bei meditativen Übungen, ist man geneigt, die Augen zu schließen. Das führt oft in einen traumähnlichen Zustand, besonders bei Anfängern. In einigen Systemen, z.b. im Zen Buddhismus, versucht man, den introvertierten Tendenzen dadurch zu begegnen, dass man die Augen offen hält. Auch das bringt Anfängern oft Probleme, weil sie sich zu leicht von äußeren Dingen stören lassen. In Kriya Yoga gibt es einen Mittelweg zwischen den beiden Extremen: die Augen sind eine kurze Zeit geschlossen, dann eine kurze Zeit geöffnet. Das Resultat ist überraschend. Ganz systematisch und schnell ist der Pratyahara Zustand erreicht und geht ohne Anstrengung in Dharana über.

Dharana

Nach Vollendung der ersten Kriya Gruppe bist du höchstwahrscheinlich im Zustand von Pratyahara. Es hängt von der Regelmäßigkeit und Intensität der Übungen ab, und ebenso davon, ob du in innerem Aufruhr oder innerlich ruhig bist. Wenn man innerlich sehr ruhig ist, ist der Zustand von Pratyahara schnell erreicht. Wenn du innerlich jedoch sehr aufgewühlt bist, erfordert es regelmäßige Übung über einige Monate. Pratyahara hängt auch von günstigen Momenten ab. Das heißt, an einem Tag ist der Zustand vielleicht schnell erreicht, am nächsten Tag nicht. Das ist einer der Gründe, weshalb du regelmäßig üben musst; an einem günstigen Tag, an dem alle Voraussetzungen ideal sind, könntest du ganz leicht in Dharana und Dhyana hineingleiten. Es kann zu völlig unerwarteter Zeit geschehen und kündigt sich nicht vorher an.

Nach den Pratyahara Übungen bleiben die Augen geschlossen. Im besten Fall sind nun alle inneren und äußeren Störungen entwichen. Die zweite Kriya Gruppe führt in Dharana. Dies geschieht allmählich, indem man zuerst mit der Wahrnehmung auf dem inneren Kreislauf entlang rotiert. Langsam führt das zu stärkerer Empfänglichkeit. Mit Fortschreiten der Übungen wird die Wahrnehmung immer konzentrierter, so dass die Einpunktigkeit zunimmt. Dharana ist plötzlich da.

Es ist das entscheidende Merkmal von Kriya Yoga, dass die Konzentration nicht forciert wird; sie kommt ganz spontan als Konsequenz der Kriya Übungen. Oft wird die Konzentration während meditativer Übungen erzwungen, was nirgends anders hinführt als zu Kopfschmerz und Frustration. Viele Menschen beißen ihre Zähne zusammen, verspannen die Gesichtsmuskeln und kämpfen mit ihren Gedanken, um die Konzentration zu erzwingen. Sie tun dies, weil sie wissen, dass Konzentration eine höhere Stufe von Yoga ist, und dass sie durch Konzentration Dhyana herstellen können. Aber Dhyana muss spontan auftauchen. Erzwungene Konzentration ist keine wirkliche Konzentration. Sie erzeugt innere Spannung, und das ist das Gegenteil von Dhyana. Durch Übung von Kriya Yoga kommt die Konzentration und das führt zu Dhyana.

Dhyana

Zu Dhyana können wir nichts sagen, denn es ist ein Land ohne Worte. Wer es kennt, braucht keine Worte. Bevor man es erfahren hat, schaffen Worte nur Verwirrung, falsche Vorstellungen und Überintellektualisierung. Es ist besser, nichts zu sagen. Es gibt keine Techniken für Dhyana; alle Kriya Yoga Techniken führen in Dhyana.

Von Pratyahara ist es ein fließender Übergang zu Dharana und von dort zu Dhyana. Es gibt keine Unterteilung, so wie wir das jetzt hier machen. Diese Klassifizierung geben wir nur, um es verständlicher zu machen. Aber diese Einteilung sollte nicht zu ernst genommen werden. Wer Kriya Yoga einigermaßen beherrscht, wird automatisch von einem Zustand in den nächsten hineinfließen. Gedanken wie „Oh ja, ich muss nun mit Dharana beginnen“ sind unnötig, denn alles wird spontan geschehen. Das einzig Wichtige ist, während der Übung den Weg nicht zu verlieren.

Die Werkzeuge für Kriya Yoga

Jedes einzelne Kriya besteht aus einer Reihe untergeordneter Techniken, die die Grundwerkzeuge von Kriya Yoga sind. Viele dieser untergeordneten Techniken sind gut bekannt, weil sie auch unabhängig von Kriya Yoga praktiziert werden. Sie können in folgende Gruppen unterteilt werden:

  • Asana (Körperstellung)
  • Mudra (äußerer Ausdruck einer inneren Einstellung)
  • Bandha (physio-psychische Blockierung)
  • Mantra (bestimmtes Klangmuster, das eine subtile Wirkung und Veränderung hervorruft)
  • Pranayama (Manipulation des Atems, um Prana zu kontrollieren)
  • Wahrnehmung des psychischen Ganges

Diese sechs Gruppen von Techniken sind die Grundmauern der Kriyas. Sie sind in einer wissenschaftlichen und speziellen Art zusammengestellt, um eine Veränderung in unserem ganzen Sein hervorzurufen. Das Eintauchen in Pratyahara und der Übergang in Dharana und zu Dhyana ist der Weg.

Asanas

Dies sind ganz bestimmte Körperhaltungen. In Kriya Yoga sind es meistens sitzende Positionen. Ohne einen festen, bequemen Sitz ist es unmöglich, Pratyahara herzustellen. Es ist wichtig, das jeweilige Asana zu beherrschen, so dass es bequem ist und nicht eine Quelle von ständiger Störung und Schmerz ist.

Mudras

Dies sind bestimmte Körperhaltungen, die zu physiologischer, psychischer und mentaler Veränderung führen. Mudras sind oft mit Bandhas und Pranayama verbunden und beinhalten das Kreisen der Wahrnehmung auf bestimmten psychischen Passagen.

Bandhas

Dies sind physische Blockierungen, die bestimmte Körperbereiche zusammenziehen. Sie sind mit Anhalten des Atems und Konzentration auf bestimmte Körperteile verbunden. Neben der körperlichen Wirkung führen sie darüber hinaus zu tiefen psychischen und mentalen Veränderungen. Sie sind so wirkungsvoll, weil sie die Kontrolle des Pranafluss im Körper ermöglichen.

Mantras

Es gibt unendlich viele Mantras, jedes mit einer ganz bestimmten Kraft. In den ersten Kriyas werden zwei Mantras benutzt.

Pranayama

In der ersten Kriya Gruppe, die in Pratyahara hineinführen soll, wird Pranayama benutzt, um die pranischen Kräfte im Körper zu harmonisieren. Der Atemfluss wird mit der Wahrnehmung im psychischen Gang synchronisiert. Fast alle Kriyas werden in Verbindung mit Ujjayi Pranayama ausgeführt, wodurch Pratyahara und Dharana leicht zu erreichen sind.

Die Wahrnehmung des psychischen Ganges

Dies ist ein entscheidender Aspekt der Kriya Yoga-Übungen. Die subtile Wahrnehmung von Yogis aus der Vergangenheit und auch der heutigen Zeit lassen uns über diese Gänge etwas erfahren. Die Prana Wissenschaft ist in Indien und in China ganz besonders hoch entwickelt gewesen. In China entstand dadurch die Wissenschaft der Akupunktur. In Indien führte es zu der Entwicklung von Pranayama und Prana Vidya (die Wissenschaft des Atemflusses).

In Kriya Yoga rotiert die Wahrnehmung auf bestimmten Körperwegen. Dies wiederum bringt eine Veränderung in den Mustern der pranischen und psychischen Körperströme mit sich. Diese so zusammengeführten Ströme beeinflussen die noch feineren Aspekte unseres Seins und führen zu Pratyahara und Dharana.

Dies sind die sechs verschiedenen Techniken, die als Werkzeuge in Kriya Yoga dienen. Jedes einzelne ist schon in sich sehr wirkungsvoll auf physischer, psychischer und mentaler Ebene. Fügt man sie jedoch in einer Übung zusammen, vervielfältigt sich ihre Kraft. Sie alle haben eine sehr subtile Wirkung auf den pranischen und mentalen Körper. Sie verwandeln das ganze Sein in ein empfindliches, äußerst mächtiges Wahrnehmungsinstrument.

Folge und Dauer der Kriya Yoga Übungen

Jedes Kriya hat eine enge Beziehung zum vorhergehenden und zum folgenden und beeinflusst das nächste Kriya in ganz bestimmter Weise. Deshalb ist die Reihenfolge sehr wichtig. Wenn sie in falscher Reihenfolge ausgeführt werden, wird Kriya Yoga entweder keinerlei Erfolg haben, oder, was noch schlimmer ist, es führt zu negativen Ergebnissen. Die richtige Reihenfolge der Übungen führt Körper und Bewusstsein systematisch zur Ausgewogenheit, während eine falsche Reihenfolge zum Ungleichgewicht führen kann. Deshalb ist es so wichtig, in der angegebenen Reihenfolge zu üben.

Für jedes Kriya ist eine bestimmte Zeitdauer oder Anzahl der Runden festgelegt. Auch wenn das auf den ersten Blick willkürlich erscheinen mag, sollte man immer wieder bedenken, dass mit Kriya Yoga seit Jahrtausenden von vielen Yogis experimentiert wurde und nichts in dem System willkürlich ist. Deshalb sollte jedes Kriya in der angegebenen Dauer geübt werden, nicht weniger, nicht mehr und in der richtigen Reihenfolge.

Die innere Einstellung

Während der Übungen sollte man versuchen, ohne zu versuchen; zu tun ohne zu tun. Das ist nicht einfach, aber diese Einstellung wird am meisten Erfolg haben. Man sollte nicht zu sehr an der Methode hängen, aber gleichzeitig muss man sehr sorgfältig mit den Kriyas umgehen und sie korrekt ausführen.

Kriya Yoga sollte aus Freude an den Kriyas gemacht werden. Wenn es zu einer Last und Pflicht wird, dann fällt das Üben schwer und verhindert gute Ergebnisse. Die Kriya Übungen sollten so in das Alltagsleben integriert werden wie andere Aktivitäten auch, so dass sie zur Gewohnheit werden. Man frühstückt ohne jede Anstrengung. Nur wenig Menschen frühstücken murrend oder ungern; sie freuen sich auf das Frühstück. Genauso sollte man sich auf die täglichen Kriya Übungen freuen. Manchmal wird das schwierig sein, besonders dann, wenn die Gedanken sorgenvoll und unruhig sind. Freude und Enthusiasmus sind jedoch die ideale Einstellung.

Wenn sich Sinnlosigkeit durch Sinn und Ungezwungenheit durch Anstrengung herstellen lässt, dann ist der Weg richtig. Das Gefühl, etwas zu tun, sollte sich auflösen, dann können die Kriyas so geschehen, als ob man ein Mandala wäre.

Ohne Erwartung

Die Idee des Sinns ohne Sinn führt in den Zustand des Nichterwartens. Kriya Yoga muss ohne jede Erwartungshaltung ausgeführt werden. Wie gesagt, das ist nicht einfach, aber es ist ein Versuch - regelmäßiges Üben ohne Erwartung von Ergebnissen. Die Kriyas können eine Art Ritual sein, oder sie sind so, weil sie so sind. Die Shreemad Bhagavatam sagt dazu:

„Verehrung ohne Erwartung eines Ergebnisses ist sattvisch, mit Erwartung ist sie rajasisch, und mit der Absicht, anderen zu schaden, ist sie tamasisch.“

Die Kriyas sollten mit der sattvischen Einstellung gemacht werden: ohne Erwartung. Wie vorher erwähnt, lässt sich Dhyana nicht herstellen, es geschieht von allein. Dhyana ist plötzlich da, wenn wir uns nicht mehr festklammern und frei von jeder egoistischen Motivation sind. Erwartung erzeugt Spannung, und diese verhindert Dhyana.

Man sollte auch nicht versuchen, die Übungen mit dem Verstand begreifen zu wollen. Das erschwert die transformierende Kraft der Übungen. Die Antworten werden zur rechten Zeit kommen, wenn man ganz einfach regelmäßig übt, und dabei ist es unnötig, den Fortschritt messen zu wollen. Je weniger Erwartung, umso größer der Erfolg. In dem Moment, in dem man auf nichts wartet und sich vollkommen entspannt fühlt, wird Dhyana plötzlich da sein. Es ist nichts da, und genau in dem Moment kann etwas ganz Neues einströmen.

Es spielt keine Rolle, ob man als Gläubiger oder als Atheist den Kriya Yoga Pfad geht; weder in dem einen, noch in dem anderen Fall darf man auf spirituelle Erlebnisse aus sein, denn Erwartung ist gleichzusetzen mit Ego. Das Ego aber erlaubt es nicht, dass Dhyana an die Oberfläche kommen kann. Wo das Ego lauert, kann es niemals Meditation geben, so wie es am Tage niemals Nacht sein kann. Sie verhindern sich gegenseitig. Der Schlüssel ist, die Kriyas mit Regelmäßigkeit und Intensität auszuführen und nichts zu erwarten. Durch Nichterwarten kommt alles, was man sich einst wünschte und sogar noch mehr.

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