Vortrag zu den heiligen Schriften Indiens von Paramahansa Satyananda

Die Menschen in Indien haben immer versucht, die Ursache zu entdecken, die hinter der Existenz liegt. Dabei haben sie keine Möglichkeit außer Acht gelassen. Im Verlauf von vielen tausend Jahren kamen sie zu der Schlussfolgerung, dass der wahre Grund der Schöpfung allen Daseins jenseits der physischen Existenz liegen muss. Seit Tausenden von Jahren ist der indische Geist davon geprägt, dass die, dass die äußere Realität, die äußere Welt, nicht real ist, dass die Wahrnehmung eine Illusion ist. Die Veden sind Zeugnis für die unermüdlichen Vermutungen, Ergründungen und der letztendlichen Folgerung. Diese Vorgehensweise konnte während der letzten dreitausend Jahre von anderen Denkern nicht akzeptiert werden.

Die umfassenden Studien, über die ich hier spreche, sind als die vedische Literatur bekannt. Man spricht weder von der Hindu Literatur, noch von der indischen Literatur. Der klassische Sammelbegriff ist „vedische Literatur“. Die ältesten Bücher der vedischen Literatur sind als die Veden bekannt.

Nach Meinung von Historikern müssen sie mindestens 5000 Jahre alt sein. Einige große Historiker wie Will Durant, Max Müller u.a. gehen davon aus, dass die vedische Literatur fünfundvierzigtausend Jahre vor unserer Zeitrechnung ihren Anfang nahm und ca. 3000 vor Christus zum Abschluss kam. Sie verweisen darauf, dass einige der Veden, die sich mit der Geschichte dieser Erde befassen, im Eiszeitalter entstanden sein müssen. Einige der Hymnen in den frühen Veden scheinen im Gebiet des Nordpols oder der Arktis geschrieben worden zu sein.

Es ist nicht mein Anliegen, hier weiter über die Geschichte und die genauen Daten der vedischen Literatur zu sprechen. Bedeutende westliche Historiker betrachten die Veden als die ältesten Schriften der Menschheit. Die Sprache ist Sanskrit und das Thema lautet: Was ist all' das hier? Was ist die Schöpfung? Woher? Was ist der Sinn der Erschaffung und Zerstörung? Ist alles ein Zufall? Ist es ein zufälliges Zusammentreffen im Reich der Natur? Oder ist der ganze Kosmos von einer Person erschaffen? Gibt es einen Gott? Wenn es ihn gibt, wo ist er? Ist er in der Stratosphäre irgendwo da oben? Oder ist er in jedem einzelnen Element des Universums? Und wo immer er auch ist, wie ist er? Ist er männlich oder weiblich? Hat er eine menschenähnliche oder eine tierähnliche Form? Ist er eine Kraft? Oder ist er das Leben?

All diese komplizierten und verwirrenden, Geist sprengenden Fragen werden in den Veden diskutiert, nicht auf eine festgelegte Art, sondern auf jede nur denkbar mögliche Weise. Und das Wunderbarste an dieser vedischen Literatur ist, dass die verschiedenen Autoren nicht immer übereinstimmen, denn auf dem Gebiet der Erkenntnis und der Entdeckung kann die Entscheidung nicht immer einstimmig sein.

Wenn das Universum transzendent ist, liegt es jenseits des Verstandes. Wenn das Universum unendlich ist, ist es unmöglich, von Anfang und Ende zu sprechen. Wenn die Zeit ewig ist, wie lässt sie sich dann definieren? Wenn Gott transzendent ist, dann ist jede Definition von Gott begrenzt und eingeschränkt, weil unsere Denkkapazität begrenzt ist. Noch viel begrenzter ist unser Sprachvermögen, die Ausdrucksfähigkeit. Wie können wir mit Hilfe dieser Sprache, dieses Verstandes und dieser Gefühle, die so begrenzt sind - und wir sind uns dessen bewusst -, wie können wir damit wirklich etwas definieren, das transzendent ist?

An diesem Punkt hielt der vedische Geist inne. Man versuchte, auf diese und jene, auf alle denkbaren Arten eine Grundlage zu definieren, um letztendlich festzustellen, dass das ein großer Fehler ist. Wenn das Werkzeug der Erfahrung so begrenzt ist, das Subjekt und Objekt der Erfahrung jedoch unbegrenzt, dann muss ein anderer Weg beschritten werden. Und das taten die vedischen Denker, während die griechische Philosophie in dieser Begrenzung blieb.

Griechische Philosophen blieben, ob das nun richtig oder falsch war, an der Erkenntnis haften, dass Materie durch Vorstellung, durch logisches Denken, durch das Objekt der Erfahrung entsteht. Vor 2500 Jahren behaupteten die griechischen Philosophen, dass das Atom unteilbar ist, das Atom das kleinste Teilchen der Materie ist, die gesamte Schöpfung aus Atomen zusammengesetzt ist und Atome die elementaren Bestandteile der Materie sind. Die wörtliche Übersetzung für Atom ist "unteilbar". Auf diesem Grundsatz beharrten sie.

Später versuchten die griechischen Philosophen, die Idee der reinen Vernunft zu entwickeln, wozu auch die Kant'sche Philosophie gerechnet werden kann. Aber sie konnten den Punkt, zu dem die vedischen Denker vorgestoßen sind, nicht erreichen. Sogar noch in neuerer Zeit, bis zurzeit Isaac Newtons, war das ganze Universum so etwas wie ein mathematisches Gebilde. Und alles war aus objektiver, aus realer Materie zusammengesetzt. In den letzten drei oder vier Jahrzehnten entdeckten die Wissenschaftler jedoch dasselbe, was die vedischen Denker vor Tausenden von Jahren entdeckt haben.

Mit der Entdeckung der Relativitätstheorie, mit der Entdeckung der Quantentheorie und vieler der Prinzipien, über die man heute in der Physik spricht, kommen wir mehr oder weniger in eine Sackgasse des ganzen philosophischen Systems, welches von den griechischen Denkern dargelegt wurde.

Die Unteilbarkeit des Atoms nach Demokrit entspricht nicht mehr der Wahrheit. Wissenschaftler haben andere Formen entdeckt, die nicht zum materiellen Bereich, sondern zum Bereich der Energie gehören. Das heißt, dass Demokrits Aussage, Materie sei das Elementarste, jetzt vollständig aus der wissenschaftlichen Philosophie eliminiert ist.

Materie ist eine Kondensation, eine Verdichtung des Energieprinzips Shakti. Falls das stimmt, ist die Existenz der Materie nicht das Grundlegende, das Elementare. Dann ist die Existenz von Zeit und Raum ebenfalls nicht das Grundlegende und nicht absolut. Materie existiert, die objektive Wirklichkeit existiert, Zeit und Raum existieren, aber im relativen Sinn, nicht im absoluten Sinn. Die moderne Wissenschaft drückt das so aus: Materie ist nicht absolut, Raum und Zeit sind nicht absolut. Was nicht absolut ist, kann nicht real sein, denn etwas Reales muss absolut sein, das ist wichtig.

Heute wird versucht, die höheren Kräfte der Natur und der Schöpfung zu erklären. Ist Energie das Höchste? Zu welchem Bereich gehrt das Kondensat, die Manifestation des Kondensats?

Die vedischen Denker sagten: Nein, Shakti ist auch nicht absolut. Shakti ist eine Manifestation des Bewusstseins, des höchsten Bewusstseins, des absoluten Bewusstseins. An diesem Punkt angekommen, folgerten die vedischen Denker, dass das Denken transzendiert werden müsse, da es nicht das Endgültige ist. Daraus ergab sich jedoch ein neues Problem: Wenn man das Denken transzendiert, kann man dann immer noch denken? Ganz praktische und ganz persönliche Erfahrung führte sie im Laufe vieler Jahrhunderte zu dem Schluss, dass es möglich ist, zu wissen ohne zu denken. Es ist möglich, eine Erfahrung zu machen ohne zu denken.

Dadurch existierten für sie nun zwei verschiedene Arten des Wissens. Eine Art des Wissens war bekannt als Aparavidya, empirisches, nachweisbares Wissen, und das andere, das transzendentale Wissen hat den Namen Paravidya. Aparavidya bezeichnet das objektive Wissen, wozu die Sinne und der Verstand als Werkzeug nötig sind. Was die griechischen Philosophen als Wahrnehmung und Erkenntnis bezeichneten, nennt man Aparavidya. Durch die Sinne und den Verstand erreicht man die Wahrnehmung und das Erkennen eines Objektes bis zu einem bestimmten Ausmaß und nicht darüber hinaus. Dieses Wissen, das durch oder in Form von Wahrnehmung und in Form von Erkenntnis erreicht wird, erlangt man durch das, was wir Logik nennen.

Natürlich weiß jeder, dass die Sinne sehr begrenzt sind. Das Gleiche gilt für den Verstand. Ein Hund kann z.B. andere und feinere Geräusche hören aufnehmen, als wir. Wissenschaftler erkannten deutlich, dass die Kapazität der Sinne einer Steuerung und Begrenzung unterliegt. Selbst die besten menschlichen Augen können nur bis zu einer bestimmten Entfernung sehen, während es Tiere gibt, die weiter sehen können als wir.

Daraus müssen wir schließen, dass die Sinne hoffnungslos begrenzt sind. Wenn das der Fall ist, wie können dann die Sinne etwas wahrnehmen, das immateriell ist? So betrachtet, können wir uns auf das Wissen, das durch die Sinne erworben wird, nicht verlassen. Das Bewusstsein, das durch moderne, mechanische Werkzeuge erworben wird, ist ebenfalls nicht zuverlässig.

Bis zum heutigen Tag sind die Wissenschaftler noch nicht fähig zu entscheiden, ob Licht eine Welle oder ein Elementarteilchen ist. Sie geben zu, dass der Verstand des Experimentierenden über die Schlussfolgerung nach einem Experiment entscheidet und das stellt die Objektivität der Wissenschaft infrage. Zu dem Ergebnis, zu dem Dr. Einstein kam, kam Dr. Neel nicht. Derselbe Schluss, zu dem Isaac Newton kam, wurde von Max Planck und Arthur Eddington völlig widerlegt.

Aber allmählich lautet die Fragestellung der Wissenschaft anders: Was ist die Grundlage und was ist die Basis des Objekts? Was ist die Ursache der Schöpfung, wenn es sie überhaupt gibt? Wenn wir über Ursache und Wirkung reden, dann muss es etwas Aufeinanderfolgendes sein. Wenn diese Schöpfung, wenn dieser Kosmos, wenn diese Inkarnation, wenn diese Erscheinung der Welt ein Ergebnis ist, was ist die Ursache? Und wenn es eine Ursache gibt, dann muss sie einen Sinn haben. Oder kann man sagen, dass es eine Ursache ohne einen Sinn geben kann? Wenn es eine Ursache ohne Sinn gibt, dann muss es Anarchie geben. Aber wenn wir die Natur erforschen, finden wir im Bereich der Physik ein absolutes System, sogar im Verhalten der Natur. Das heißt, wir sind keine zufälligen Schöpfungen. Es gibt einen Sinn für meine Verkörperung. Da ist ein Sinn hinter dieser Schöpfung. Aber was ist dieser Sinn?

Dies sind Fragen, die durch logische Diskussion nicht gelöst werden können. Darum wurde versucht, eine Methode zu entwickeln, mit der wir die Sinne und den Verstand zurückziehen können. Wenn die Sinne zurückgezogen sind und der Verstand ausgeschaltet ist, dann wird sich das innere Bewusstsein manifestieren. Dieses innere Bewusstsein hat in der vedischen Literatur verschiedene Namen, einer davon ist Atma. Dieser Atma manifestiert sich nur, wenn die Sinne von der Erscheinungswelt abgezogen sind und der Verstand keinerlei Wirkungsfeld hat.

Das Wissen, das man durch dieses innere Bewusstsein erlangt, wird Erfahrung genannt. Erfahrung ist ein Vorgang der Erleuchtung, der aus dem Inneren erwächst und nicht von außen. Bei dieser Erfahrung ist das Wissen nicht von der Qualität des Objekts abhängig, sondern ausschließlich von der Qualität des inneren Bewusstseins. Diese bestimmte Erfahrung ist als Veda bekannt.

Die Veden sind in vier Bereiche aufgeteilt und mit ihnen beginnt das, was wir vedische Entdeckung nennen. Die Sprache ist hoch entwickelt, die Grammatik ist perfekt, das Versmaß ist wundervoll. Die Verse werden auf drei verschiedenen Tönen rezitiert, dem ersten, dem fünften und dem siebten von den sieben Tönen der Tonleiter. Eine willkürliche Abwandlung ist nicht möglich. Den vedischen Gesang zu erlernen, erfordert Jahre. Jedes einzelne Wort hat die Betonung auf dem ersten, dem fünften oder dem siebten Ton.

Der älteste Veda wird Rigveda genannt. Die erste Silbe allein wird 'Rik` geschrieben. Aber kombiniert mit Veda wird daraus 'Rig`. Deshalb findet man beide Schreibweisen: Rikveda oder Rigveda. Der Rigveda enthält Mantras oder Verse.

Diese Verse wurden von verschiedenen Rishis geschrieben, also nicht von einer einzigen Person. Rishi bedeutet wörtlich "Einer, der sehen kann". Ein Seher ist jemand, der in der Lage ist, ohne die Augen zu sehen. Eine Vision zu haben oder etwas zu visualisieren ist eine bestimmte Fähigkeit, ebenso wie Musik ohne Ohren zu hören. Ein Bild, ein Licht mit geschlossenen Augen oder sogar ohne Augen zu sehen, ist eine Fähigkeit der inneren Wahrnehmung. Diese innere Wahrnehmung ist das letztendliche Thema der Veden, was später in Tantra und Yoga seinen Höhepunkt erreichte.

Wieder und wieder tauchte die Frage auf: Woher wissen wir? Und wie kannst du sicher sein, dass das, was du weißt, die Wahrheit ist? Du bist bisher nicht weiter vorgedrungen. Du sagst nur etwas mit Hilfe deines Verstandes, mit Hilfe deiner Sinne und mit Hilfe dessen, was du durch die Tradition gelernt hast. Du sagst, dass das und jenes in den Büchern steht und dass es die Wahrheit ist; die meisten Menschen glauben es. Aber jemand, der auf der Suche ist, der diesen Fragen ernsthaft nachgeht, nun, er wird sagen: Das glaube ich nicht. Was ist der Beweis dafür, dass das, was du sagst, die Wahrheit ist? Laut den Veden muss dieses Wissen aus deinem Inneren erwachsen.

Ein anderer Veda wir 'Yajurveda` genannt. Der dritte Veda heisst 'Samaveda`. Der vierte Veda heiat 'Atharvaveda`. Dies sind die vier Veden. Es sind nicht einfach vier Bücher, und aus diesem Grund habe ich das Wort Literatur benutzt. Jeder Veda ist wiederum in vier Untergruppen unterteilt.

Ein Teil ist für Menschen geschrieben, die dem entsagt haben und auf Suche nach spirituellem Wissen sind. Der zweite Teil ist für Menschen, die der Begierden dieser Welt überdrüssig wurden. Der dritte Teil betrifft diejenigen, die im Alltagsleben stehen. Und der vierte Teil ist besonders für diejenigen, die das Wissen dieser Welt erlernen und in der äußeren Welt etwas Großes erreichen wollen.

Dies sind die vier Phasen des Lebens, die laut der Veden die Spanne der menschlichen Existenz umfassen, in umgekehrter Richtung, beim Höchsten beginnend. Jeder Lebensabschnitt ist als Ashrama bekannt. Das ganze Leben wird auf diese Weise in vier Ashramas aufgeteilt, für den jeweils 25 Jahre berechnet sind. Ashrama ist ein Sanskritwort und bezeichnet einen Platz, wo du dich um etwas bemühst, große Anstrengungen unternimmst. Shrama bedeutet "hart arbeiten, sich abmühen". In jedem Ashrama wird hart gearbeitet, geistig und körperlich. Es hat Gültigkeit für jeden Einzelnen, bezogen auf sein Leben, und ist somit nicht mit einem Kloster gleichzusetzen.

Die ersten 25 Jahre sind als Brahmacharya Ashrama bekannt, in dem der junge Mensch unverheiratet bleibt und lernt. Er entwickelt seinen Körper, sein Bewusstsein und seine Intelligenz.

Für die nächsten 25 Jahre begibt sich der Mensch in Grihastha Ashrama. Es betrifft Menschen, die verheiratet sind und Kinder haben, ihre Wünsche erfüllen und all' die Verrücktheiten des Lebens erfahren. Sie erfüllen ihre Aufgaben, und sie erfüllen ihre Wünsche.

Der dritte Ashrama wird Vanaprastha genannt. Nach einem Leben von ca. 50 Jahren ziehen sich die Partner zurück in die Abgeschiedenheit, früher war das der Wald. Sie lösen sich allmählich von allen Pflichten und Verpflichtungen, die Haushalt und Familie mit sich brachten. Es bleiben nun nur noch wenige Verpflichtungen übrig. Während dieser 25 Jahre bereiten sie ihr Bewusstsein, das nun schon mehr oder weniger unter Kontrolle ist, auf Samadhi vor. Sie haben das materielle Leben kennen gelernt und können daraus folgern, dass niemals alle Wünsche zu befriedigen und Sehnsüchte ohne Ende sind, dass das ganze Leid, die ganze Dramatik, das ganze Theater unvollkommen ist. Sie ziehen den Schluss, dass das, was wir von diesem Leben erwartet haben, was wir von außen erwartet haben, aber nicht von uns selbst, nicht richtig war.

Es ist eine Form der Desillusionierung, der Ernüchterung, woraus wahres Wissen und die Erkenntnis entsteht, dass es nur darum gehen kann, Atma, das innere Bewusstsein, die Seele, hervorkommen zu lassen. Sie versuchen nun, Bewusstsein und Sinne zu kontrollieren, sie ziehen sich vom sinnlichen Vergnügen zurück und bereiten sich auf den vierten Ashrama vor.

Der vierte Ashrama ist als Sannyasa Ashrama bekannt, in dem man keine Verpflichtungen hat, keine Pflichten, keine Verantwortung. Man hat nur ein einziges Dharma, eine einzige Pflicht, keine andere Pflicht. Was ist dieses Dharma? Es ist die Pflicht, das höchste Bewusstsein zu erfahren, das die Grundlage, der Kern, der Mittelpunkt eines jeden Menschen ist.

Im ersten Ashrama strebst du nach physischen, geistigen und intellektuellen Fähigkeiten. Im zweiten Ashrama strebst du nach Vergnügen, nach Erfüllung, nach Vermögen und so weiter. Im dritten Ashrama versuchst du, die Sinne zurückzuziehen und das Bewusstsein einschließlich der Gedanken und Gefühle zu kontrollieren.

Im vierten Ashrama strebst du nur noch nach Selbsterkenntnis - Atmavidya, Paravidya - Selbstverwirklichung, das alles bedeutet das gleiche. Einige nennen diese Erfahrung Nirvana oder Schoonya. Andere nennen es Moksha, Befreiung von Abhängigkeit, Erlösung. Andere Begriffe sind Samadhi, Kaivalya oder Darshan. Einige bezeichnen es als Vereinigung von Shiva und Shakti. Dies sind nur verschiedene Worte für die gleiche Erfahrung.

Diese Erfahrung kann sich nur dann einstellen, wenn alle Tore geschlossen sind. Man spricht von zehn Toren im Körper. Neun davon sind: die Augen, die Nase, der Mund, die Ohren, die Harnöffnung und der Anus. Diese Tore sind alle geöffnet. Es gibt aber eine zehnte Tr, die sich in der dritten Hirnkammer befindet. In Sanskrit wird dieser Platz als Brahmarandra, als das Tor für Brahma, bezeichnet. Wenn alle anderen Tore geschlossen sind, kann sich das Bewusstsein vom ganzen Körper zurückziehen und in Brahmarandra weilen.

Das sind also die vier Ashramas, von denen die umfangreiche vedische Literatur berichtet. Die Namen der unendlich vielen einzelnen Bücher habe ich zum Teil vergessen. Sie legen dar, was für Pflichten und Aufgaben ein jeder hat. Wie ein Brahmachari leben sollte, welche Art Kleidung er tragen sollte, was er essen sollte, wann er schlafen und wann er aufwachen sollte. Das nennt man Dharma.

Dharma ist ein Sanskritwort und wird als Führung des Einzelnen im Verhältnis zu den Bedingungen oder den Umständen, unter denen er lebt, verstanden. Häufig wird Dharma mit Religion besetzt, was aber auf der vedischen Grundlage nicht richtig ist. Dharma meint dein Verhalten in Beziehung zu der Situation, in der du dich befindest und entsprechend deiner Persönlichkeit. Ein Brahmachari hat ein Dharma, das Dharma des Lernens: er lernt Geschichte, Geographie, Mathematik, Physik, Chemie, Astrologie, Astronomie usw. wenn er acht, zehn oder zwölf Jahre alt ist und ein heranwachsender Mensch wird.

Er hat seine eigenen Probleme. Die Probleme der Unschuld, Probleme mit dem Gleichgewicht der Hormone, damit, was wir sexuelle Gefühle nennen, und von dem er noch nicht weiß, was es ist. Er hat das Problem, die Kluft zwischen ihm selbst und seinen Eltern zu verstehen: seine Altersgenossen, die er wie sich selbst wahrnimmt und die Eltern, die ganz anders sind. Er wird mit der Notwendigkeit von Disziplin konfrontiert. Warum ist es notwendig, Geschichte, Geographie und Mathematik zu lernen, Schulabschlüsse und Diplome zu machen? Er hat das Problem, den Wert von Geld zu begreifen, das seine Eltern unter großen Schwierigkeiten verdienen und das man einfach so rausschmeißen kann. Wie man mit all' diesen Problemen umgeht und sie löst, wird in den Büchern beschrieben, die den jungen Menschen betreffen.

Wenn das Leben in einer Partnerschaft beginnt, tauchen neue Probleme und Schwierigkeiten auf, die emotionaler, psychischer, materieller oder sozialer Natur sein können. Diese Probleme begleiten dich nicht nur ein oder zwei Jahre, sondern viele Jahre lang. Es sind Probleme, die nicht nur dich selbst betreffen und die sich nicht einfach wegschieben lassen. Sie müssen gelöst werden.

Alle vier Ashramas haben ihre eigene Bedeutung, trotzdem sind die Texte über Sannyasa Ashrama am wichtigsten. Sie werden als Höhepunkt der Veden betrachtet. Große Gelehrte und Philosophen der westlichen Welt wie Max Müller, Schopenhauer und viele andere sagten, dass die Veden, die Upanishaden als Essenz der Veden, keinen Vergleich in der gesamten Weltliteratur haben.

Morgins/Schweiz, 1984