Liebe bewirkt Wunder

Liebe ist Kraft. Liebe ist Energie. Sie ist von allen Energieformen die höchste. Sie ist so erhaben, dass wir sie Gott nennen. Liebe ist Gott und gleichzeitig ist sie auch unsere wahre innere Natur. Sie ist das Zentrum unseres Seins, weil sie getrennt von uns nicht existieren kann. Doch wir Menschen glauben, dass Liebe nur außerhalb von uns zu finden ist, wir suchen außen nach etwas, das in uns liegt. Deshalb haben wir unser Zentrum verloren. Wir betteln nach dem, was wir selbst schon sind. Der Mensch ist ein König, aber er sieht sich selbst als Bettler.

Weil der Mensch die Liebe in sich selbst nicht findet, sucht er einen Menschen, eine Idee, eine Gruppe, die ihm das Gefühl von Zugehörigkeit vermittelt. Er will geliebt werden und sucht eine äußere Quelle der Liebe, die seine Bedürfnisse befriedigt. Da jedoch sein Suchen rein selbstsüchtig ist, beginnt er, zu fordern und Bedingungen an andere zu stellen, die seine Bedürfnisse erfüllen sollen. Er will Liebe und er will geliebt werden, aber er selbst ist nur bereit zu lieben, wenn alle seine Bedingungen von den anderen erfüllt werden. Eine solche Liebe, die auf Bedingungen gegründet ist, ist keine Liebe – es ist Anhaften.

Heute wird der Begriff Liebe gänzlich missverstanden. Meistens ist das, was wir als Liebe spüren oder fühlen, nur das Anhaften. Das aber ist ein Vertrag, ein Austausch: „Wenn du das tust, dann werde ich dich lieben.“ Liebe und Erwartung wirken gegeneinander. Sie können nicht gleichzeitig existieren, weil sie einander ausschließen. In der Liebe gibt es keine Forderung, keine Erwartung an den anderen. Es kann nur um der Liebe willen geliebt werden.

Mit dem Festhalten bilden sich starke Erwartungen und es gibt einen „ Grund“, ein gewünschtes Resultat, ein Ziel in der Beziehung. Aus diese Weise wird das Festhalten zu einer Sucht, zu einer Abhängigkeit von dem erwünschten Ziel. Wird der Grund für diese Sucht nicht erfüllt, liebt man nicht mehr.

Das Festklammern konzentriert sich auf einen anderen, auf ein Objekt, das als Zentrum der eigenen Existenz gesehen wird. Liebe jedoch strömt aus dem inneren Kern, während durch Anhaften anderer dazu benutzt wird, Bedürfnisse, Wünsche und Süchte zu erfüllen. Wer sich im Zustand des Anhaftens befindet, ist von dem Objekt, an das er sich klammert, abhängig. Verschwindet das Objekt, verschwindet auch das Gefühl von Liebe. Ein Mensch, der die innere Quelle der Liebe gefunden hat, wird dagegen das Licht der Liebe überall hintragen, egal wohin er geht.

Wenn du wirklich liebst, dann spürst du Mitgefühl mit anderen, aber sie werden nicht zum Quell deiner Erfüllung. Du bleibst in deiner eigenen Mitte, unabhängig und fähig, deine Glückseligkeit aus deinem eigenen Kern zu schöpfen. Dieser Kern wird zum Quell deiner Erfüllung.

Im Anhaften findet ein Austausch oder Handel statt. Emotionen dienen als Tauschobjekt für die Garantie, geliebt zu werden. Dieser Tausch ist nicht Liebe, sondern Anhaftung, Festhalten und das beruht auf Sentimentalität, auf dem Bedürfnis nach Kontrolle und Macht und der Angst, dies zu verlieren. Das führt unweigerlich zu Schmerz. Liebe ist ganz anders - sie führt zu Mitgefühl, Frieden, Zufriedenheit, Wahrhaftigkeit, Geduld, Dauerhaftigkeit und Freude. Liebe bewirkt Frieden und ist die einzig wahre Quelle der inneren Glückseligkeit, nach der der Mensch eigentlich sucht.

Wer so gefangen ist, lebt in Angst, stirbt in Angst und wird in Angst wieder geboren. Jedes Mal, wenn du versuchst, einen anderen Menschen dazu zu bewegen, dass er deine Wünsche und Bedürfnisse erfüllt, bist du von Selbstsucht motiviert. Du wirst abhängig davon, dass der andere deine egoistischen Bedürfnisse erfüllt und wenn er dazu nicht bereit ist, fühlst du dich bedroht. Du hast diese Bedrohung selbst produziert, weil du den anderen zum Medium gemacht hast, das deine Bedürfnisse erfüllen soll. Je mehr Menschen du als Objekt benutzt, die deine Wünsche erfüllen sollen, desto mehr Wesenheiten erschaffst du, die dir als Bedrohung erscheinen.

Wenn die Person, an die du dich klammerst (Partner, Eltern, Kinder usw.) deine Forderungen, Bedingungen, Erwartungen und Wünsche nicht erfüllt, wirst du immer ängstlicher. Bekommst du nicht was du haben willst, wird deine Angst, dass deine Erwartungen nicht erfüllt werden, immer größer. Diese zunehmende Angst mündet schließlich in Gewalt, Eifersucht, Neid und Hass. Die Person, die einmal das Objekt des Anklammerns, das Objekt deiner Angst war, wird zum Opfer deiner Angst. Derart gefesselt liebst du jemanden auf deine Art. Wenn dieser Andere erwartet, dass deine Liebe sich anders ausdrücken soll, geraten diese zwei „Lieben“ miteinander in Konflikt. Es ist nicht mehr Liebe, sondern Krieg.

In diesem Moment wirst du fordern: “Ich liebe dich nur, wenn du das und das tust“, oder „Ich liebe dich nur, wenn du meine Bedürfnisse nach diesem und jenem erfüllst. Wenn du es nicht tust, dann liebe ich dich nicht. Dann bist du für mich nicht gut, nicht richtig!“ Auf diese Weise wird Liebe zu einer Geschäftbeziehung, zu einem Handel.

Ein Mensch, der viele Vorschriften, viele Vorlieben und viele Antipathien hat, wird immer nur solche Menschen mögen, die diesen Vorstellungen entsprechen. Und er wird diejenigen hassen, die es ihm schwer machen, das zu bekommen, was er will. Sobald wir anfangen, bestimmte Bedingungen, bestimmte Menschen und bestimmte Situationen zu fordern, um uns selbst zu befriedigen, werden wir jene, die das nicht tun, als Gegner betrachten. Wir sehen sie als „Feinde“ und dadurch trennen wir uns von ihnen. Es entsteht Einsamkeit. Bindung in Form von Festklammern wirkt teilend, ausschließend, Liebe aber eint, ist einbeziehend. Sie akzeptiert alles. Sie ist völlig frei von Angst, weil sie keine Forderungen stellt. Anhaften verursacht Schmerz und Angst, weil es das eine will und das andere nicht.

Anhaftung ist individuell und selbstbezogen und als Folge werden immer und überall Konflikte auftauchen. Liebe ist universal und bedingungslos. Wahre Liebe ist flexibel und annehmend. Der wirklich Liebende ist frei von Erwartungen, Bedingungen und Forderungen. An Bedingungen geknüpfte und selbstsüchtige Liebe begegnet vielen Konflikten und führt zu Einsamkeit und Angst. Um die Konflikte, die durch das Anhaften verursacht werden, aufzulösen, entsteht das Bedürfnis, zu kämpfen und zu beweisen, dass man im Recht ist. Dieser Kampf ist ein Kampf gegen einen Schatten, der aus den eigenen Forderungen und Erwartungen entstanden ist. Sobald jemand selbstsüchtig ist, verursacht er seinen eigenen Krieg gegen die ganze Menschheit. In diesem Krieg ist alles gegen ihn gerichtet, denn er kann nicht erzwingen, dass die Welt ihm zu Füßen liegt. Weil Anhaftung in Schmerz und Einsamkeit endet, ist es eine destruktive Art, jemanden zu „lieben“.

Liebe bleibt immer Liebe, aber Anhaftung wird oft zu Hass. Liebe hält ewig, weil sie frei von Bedingungen und Vorgaben ist. Vorgaben sind ein Produkt des menschlichen Denkens. Unser Denken ist von Raum und Zeit begrenzt, so auch die Anhaftung. In einer Beziehung, die auf Festklammern und Sucht gegründet ist, verschwindet die Liebe, sobald der Grund für die Sucht erfüllt ist. Solange jemand glaubt, dass er das bekommt, was er will, bleibt er süchtig. Sobald er aber entdeckt, dass er auf keinen Fall das bekommt, was er will, beendet er die Beziehung. Die so genannte „Liebe“ fällt in sich zusammen. Wo vorher Liebe war, ist jetzt nur Bitterkeit, Eifersucht und Konkurrenz. Liebe ist nicht begrenzt. Sie ist ohne Ende Sie ist kein mentales, emotionales oder egoistisches Phänomen, das von Raum und Zeit gefangen oder begrenzt ist. Liebe ist ein universales Phänomen.

Empfindet sich ein Mensch als fähig, schöpferisch und frei, dann kann er lieben. Erlebt er sich als unerfüllt und bedürftig, dann sucht er jemanden außerhalb von sich, der ihm diese fehlenden Qualitäten verleihen kann. Dann wird er an diesen Menschen gefesselt sein. Nun wird er den anderen unbedingt brauchen und er gerät in Knechtschaft. Er wird dies unbewusst spüren und den Rückzug des anderen fürchten. Aus dieser Angst entsteht Hass. Er hasst den, der die Quelle für seine Angst und Furcht ist. Er selbst hat diese Furcht verursacht, aber er wird den anderen hassen. Er wird ihn für seine Unsicherheiten und Ängste verantwortlich machen. Immer, wenn jemand Liebe von einem anderen erwartet, bittet er, ohne es zu wissen, um das Gegenteil von dem, was er will.

Liebe bei anderen zu suchen, führt immer in Gefangenschaft. Auch, wenn wir jemanden von uns abhängig machen, entsteht Hass. Der Bedürftige kann nicht das Objekt seines Bedürfnisses lieben, weil ihm das unbewusst eine Bedrohung ist. Alle Süchte und jegliches Anhaften sind immer Probleme des Hasses. Nur, wenn wir und unsere „Liebe“ frei sind von Abhängigkeiten, ist Liebe wirklich möglich, weil es Liebe nur zwischen zwei freien Individuen gibt. Suchen und Sehnen, auch im Namen der Liebe, verdirbt und verdreht die Liebe. Diese Art von Suchen findet in der äußeren Welt statt, aber Liebe befindet sich nur innen. Nur, wenn wir in uns die wahre Quelle der Liebe suchen, werden wir fähig, echte Liebe in der äußeren Welt zu erfahren. Jesus hat gesagt: „Das Reich Gottes befindet sich in eurem Inneren.“ (Lukas 17, 21) Dieses Reich ist die Quelle der Liebe in uns.

Unsere Sehnsucht, geliebt zu werden, ist in Wirklichkeit ein tiefes inneres Bedürfnis, Liebe zu geben. Ist dieses Bedürfnis durch Selbstsucht gefärbt, wird es zu einer Sucht in Form von Sehnsucht, Liebe zu bekommen, einer Sucht, die auf Erwartungen und Forderungen des Egos gegründet ist. Diese Art von Liebe wird zu einem Vertrag mit Bedingungen, wobei wir Liebe einhandeln und kontrollieren und Macht über andere gewinnen wollen. Dieser Kampf um Macht entsteht aus dem Festklammern.

Um uns vor Schmerz und Verlust zu schützen, werden wir versuchen, den anderen zu kontrollieren. Dadurch entsteht Spannung. Wer diese Art Machtwunsch in sein Leben gebracht hat, muss unweigerlich mit zwei Folgeerscheinungen rechnen. Versucht man, die Macht zu behalten, wird das zu Spannung führen. Verliert man sie, führt das zu totaler Vernichtung und Verzweiflung. Anhaften erzeugt die Sucht nach Macht, und dies verursacht Abhängigkeit, die nach Anerkennung verlangt, Liebe ist frei von Machtgefühlen, weil sie absolut ist und aus sich selbst heraus existiert. Macht ist künstlich, Liebe aber ist natürlich. Alles Natürliche ist leicht zu erhalten.

Von jemandem angezogen zu sein, ist immer mit Bedingungen verknüpft. Der andere scheint fähig zu sein, meine besonderen Erwartungen zu erfüllen. Ich sehe ihn nur durch die Brille meiner eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Ich sehe den anderen nicht, wie er in Wirklichkeit ist, als jemanden, der auch Wünsche und Erwartungen hat. Ich suche jemanden, der mich „ganz“ macht. Das ist unreife Liebe mit Erwartungen. Sie wird mit Sicherheit scheitern.

Wenn ich dem anderen näher komme, merke ich, dass er nicht fähig ist, meine Erwartungen zu erfüllen. Probleme und Meinungsverschiedenheiten treten auf. Wenn die physische Anziehung stark genug ist, wird jeder alles daran setzen, die Unterschiede durch sinnlichen emotionalen Reiz und Erregung zu verdrängen. Durch diese Erregung glauben beide, dass ihre Liebe für die Ewigkeit halten wird. Sobald beide nach der ersten Phase des Verliebseins ihre Masken ein bisschen fallen lassen, treten diese Unterschiede und Uneinigkeiten zutage. Die Anziehung verschwindet allmählich und die Widersprüche treten in den Vordergrund – die Liebe erstickt in Hass.

Die niederen Formen der Anziehung, die emotionaler Natur sind, bestehen meist nur am Anfang einer Beziehung. Emotionale Kräfte sind unberechenbar und schreien meist danach, sich nach außen ausdrücken zu können. Sie können plötzlich auftauchen, aber auch genauso schnell wieder verschwinden. Wahre Liebe dagegen ist zart, weich, gewaltfrei und nicht eindringlich. Um sie wirklich spüren zu können, muss man sehr feinfühlig sein. Liebe bewegt sich wie eine sehr sanfte Brise, wie ein sehr zarter Duft. Menschen, die an grobe, gewalttätige, aggressive und emotionale Liebe gewöhnt sind, sind meist unempfänglich für zarte, unverhaftete, wahre Liebe und Mitgefühl.

Diese Liebe ist so zart, dass oft, wenn man in die Nähe eines wirklich Liebenden kommt, seine Liebe nicht einmal wahrnehmen kann. Mit Freund oder Freundin zusammen zu sitzen, wird daher sehr viel eher das Gefühl von Liebe vorgaukeln. Das Ego ist ein sehr reales Phänomen, nicht nur ein Wort oder ein Begriff. Es kontrolliert dich und hat dich und deinen Alltag im Griff. Es mischt sich überall ein, bei allem, was du tust.

Das Ego ist die Summe aller Eindrücke aus diesem und den vergangenen Leben. Das zentrale Thema dieser Eindrücke ist immer „ich, mich, mein, dein, du“. All diese Eindrücke wurden durch den Kanal der Selbstsucht und der Trennung empfangen und haben um dich, um dein göttliches Selbst, eine Mauer errichtet. Nur selten kann ein Strahl dieses göttlichen Lichtes durch diese selbst errichtete Mauer dringen. In einem solchen Moment beginnst du, die Glorie des göttlichen Selbst, das in dir wohnt, wahrzunehmen. Es befindet sich jenseits des Egos, das immer neue Masken trägt und das dich immer an das Rad der Wiedergeburt kettet.

Eine zugrunde liegende Funktion des geistigen Lehrers ist es, dich, während du dich von dem Zentrum deines Egos zu dem Zentrum deines Herzens bewegst, durch diesen finsteren Tunnel zu führen und zu begleiten. Es wird Phasen geben, in denen du nicht weitergehen magst, nicht weiter wachsen und sogar zurück in die alte Lebensweise willst. Die alten, von Selbstsucht geprägten Gewohnheiten ziehen dich zurück, obwohl dort die Hölle ist. Das dir bekannte scheint dir sicherer und verleiht Trost. Der Guru vermittelt dir einen Ort oder eine Atmosphäre, in der das Weiterwachsen möglich ist, wo du mit bestimmten Kräften umgeben bist, die dir Stärke verleihen, dich dem Ego zu stellen. Nur jemand, der selbst sein Ego überwunden hat, kann dir in solchen Zeiten helfen. Nur derjenige, der selbst in das Reich der Liebe hineingewachsen ist, kann dich durch Schmerz und das Leiden deines Egos in das Reich der Liebe führen.

Wie kann man sich von den Ketten des Festhaltens befreien? Jeder muss dort seinen Weg beginnen, wo er gerade ist. Die meisten Menschen sind in der Phase des Anhaftens nicht der Liebe fähig. Wenn du zur Liebe fähig werden willst, musst du gerade mit dem Anhaften anfangen. Das Geheimnis ist – schenke deine im Moment mögliche Liebe einem Guru, einem Menschen, der schon Liebe verwirklicht hat! Das Anhaften an einen solchen Menschen wird sich Schritt für Schritt in reine Liebe umwandeln.

Liebe kann nur durch Erfahrung gelernt werden. Auch wenn wir hier über Liebe sprechen, so wird sie doch zuerst nur mit dem Intellekt verstanden. Liebe kann man nicht aus Büchern oder Vorträgen lernen. Um in die Liebe hineinwachsen zu können, musst du erst die Erfahrung machen, geliebt zu werden.

Zu lieben ist nicht einfach. Wenn du ein Anfänger bist, musst du genau schauen, wohin sich deine Liebe richtet. Du wirst bestimmt verletzt, wenn du den Falschen liebst. Und dann besteht die Gefahr, dass du kein Vertrauen mehr zu den Menschen hast. Du wirst dich nicht trauen, wieder zu lieben. Du wirst vielleicht anfangen, andere zu hassen, so wie du dich selbst hasst.

Unsere Natur ist Liebe, aber diese Liebesenergie, die sich durch unser Herz ausdrückt, wurde durch vergangene Situationen und Erlebnisse blockiert. Dieses blockierte, verschlossene Herz kann nur durch eine Beziehung der reinen Liebe wieder geöffnet werden, durch jemanden, der selbst die Liebe ist. Dein Herz oder Herz Chakra kann nur durch jemanden geöffnet werden, der dich bedingungslos und ohne Erwartungen liebt. Doch zuerst, ehe du dein Herz ganz öffnen kannst, um die Liebe strömen zu lassen, musst du vertrauen können.

In unserer heutigen Welt gibt es nicht viele Menschen, die so lieben können. Leider hungern auch die, die in unserer Gesellschaft als Helfer (Lehrer, Therapeuten, Ärzte) tätig sind, nach Liebe. Sie sind selbst nicht über ihre Wünsche und Süchte hinausgewachsen. Unsere heutige Welt hat so wenig Liebe anzubieten, weil es kaum Menschen gibt, die zu dieser selbstlosen Liebe fähig sind.

Der geistige Lehrer, der Guru, ist jemand, der zu diesem Zentrum und damit zum Medium der Liebe geworden ist. Er hat sein Ego überwunden, auch seine sinnlichen Wünsche. Er kann bedingungslos lieben und kann dich annehmen wie du bist. Und während du anfängst, seine Liebe zu spüren, passiert etwas Eigenartiges! Plötzlich hast du wieder Vertrauen in die Liebe, du öffnest dein Herz und all die Liebe, die dort gefangen halten war, strömt allmählich heraus. Durch Öffnen, was deine Liebe ausströmen lässt, wirst du nun zu einem Gefäß der Liebe, was auch das Einströmen möglich macht.

Wenn du jemanden finden kannst, der dich liebt, so wie du bist, dann wage es, diesen Menschen in reiner Liebe zu lieben – ohne Ängste und Hemmungen. Wenn du jemanden findest, der dich akzeptiert wie du bist, kannst du lernen, dich selbst zu akzeptieren. Wenn du zu dir selbst „Ja“ sagen kannst, wirst du das auch bei jedem anderen können. Dieses Annehmen ist wahre Liebe, Liebe ohne Bedingungen oder Erwartungen. Der Guru fördert diesen Prozess des Annehmens und Liebens, weil er dich liebt und akzeptiert. Eine Beziehung, die auf wirkliche Liebe gegründet ist, kann spontane und plötzliche Änderungen hervorrufen.

Wenn du einen wahren Guru liebst, fließen automatisch seine Qualitäten und Tugenden in dich hinein und dadurch kannst du wachsen und dich weiterentwickeln. Wird deine Liebe zu ihm stärker, d.h. stärker als deine Forderungen und dein Festklammern, dann werden sich diese Bindungen in seiner Liebe auflösen. Du wirst auf diese Weise wie derjenige, den du liebst. So wird die Liebe zum Guru ständig wachsen und gleichzeitig lösen sich immer mehr Bindungen in dem Ozean seiner reinen Liebe auf. Der Guru ermöglicht dir, zu lieben und geliebt zu werden. Auf diese Weise ist er wie ein Tor in das Reich der Liebe. Durch ihn wird es dir möglich, höhere Bereiche des Bewusstseins zu betreten. Er liebt dich auf eine sehr reine Weise. Diese Liebe allein bringt alles andere in Bewegung. Sie kann dein Herz so erfüllen, dass es keinen Platz mehr in dir gibt für niedere Wünsche oder destruktive Gewohnheiten.

Alles, was du dadurch erfährst, liegt bereits in dir. Der Guru gibt dir nichts, was du nicht schon in dir trägst. Er erweckt diese Liebe in dir, die reine Liebe, die wir den „inneren Guru“ nennen. Der äußere Guru entfernt die Schleier, die uns bis jetzt gehindert haben, wirklich zu lieben und diesen inneren Guru zu erkennen. Der äußere Guru spiegelt das Innere so wieder, dass wir nun auch den inneren Guru sehen und spüren können. Weil der Guru frei von Bedingungen und Süchten ist, wird er zu einem Spiegel unseres Selbst, des göttlichen Selbst, das sich hinter all unseren Süchten, Bindungen und Erwartungen verbirgt.

Wenn du den Guru liebst, tust du dir selbst etwas Gutes. Er braucht deine Liebe und deinen Dienst nicht. Er erlaubt dir, ihm deinen Dienst und deine Liebe zu schenken. Dadurch macht er es dir möglich, für seine Hilfe empfänglich zu werden. Dienen und Lieben sind für die Weiterentwicklung des Schülers wichtig, so dass er sich allmählich öffnen kann. Dann erst kann der Guru seine Energie in den Schüler einströmen lassen.

Den Guru zu lieben heißt, dich selbst zu lieben! Es gibt zwischen deinem wahren Selbst und dem Guru keinen Unterschied. Der Guru will nur eines – deine innere Entwicklung und deine Glückseligkeit.

Wenn du den Guru liebst, wird seine Lehre ein Bestandteil deines Lebens. Seine Lehre ist ein Weg zur Glückseligkeit. Wenn du den Guru liebst, wirst du das lieben und üben, was er lehrt. Dann werden selbstloses Dienen sowie Freude, Frieden und Hingabe zum Teil deines Lebens.

Wenn du den Guru wirklich tief liebst, dann kann diese Liebe Wunder für dich bewirken. Wenn du ihm gegenüber offen bist, kann jedes seiner Worte dich so durchdringen und erfassen, dass sich dein Verhalten und deine Person total verändern. Diese Liebe zwischen dir und dem Guru kennt keine Grenzen. Sie ist eine Kommunion, eine Mitteilung von Herz zu Herz, die den Verstand mit seinen Ideen, Meinungen und Vorurteilen umgeht. In dieser Kommunion fließt die Energie des Gurus ständig in dich hinein. Du wirst ihn auch ohne Worte verstehen. Diese Beziehung zwischen dir und dem Guru kann alle Hindernisse überwinden und umwandeln. Sie kann dein Leben völlig verändern. Doch beide sind notwendig, der Guru, dessen Aufgabe es ist, dich zu erwecken – und dein inniger Wunsch, lieben zu lernen. Der Guru ist Auslöser und bietet dir die Gelegenheit, sie wahrzunehmen.

Doch beide sind notwendig, der Guru, dessen Aufgabe es ist, dich zu erwecken – und dein inniger Wunsch, lieben zu lernen. Der Guru ist Auslöser und bietet dir die Gelegenheit, sie wahrzunehmen. Mit der Hilfe eines Gurus ist eine innere Verwandlung schnell möglich, denn er liebt dich in einer objektiven und mitfühlenden Weise. Er betrachtet nichts persönlich und ist frei von Vorurteilen. Das ist keinesfalls Gleichgültigkeit, nein, es ist ein liebevolles Wahrnehmen, bindungsfreies Mitgefühl. Der Guru ist an dich nicht gebunden, nicht in dich „verliebt“ und deshalb kann er dich so sehen und annehmen, wie du bist. Weil er von dir nicht abhängig ist, kann er deine Probleme und dein Anhaften verstehen, ohne dass er dabei emotional enttäuscht wird. Er erwartet von dir nichts, deswegen kann er dir wahrlich helfen.

Solange du dich nicht wirklich öffnen kannst, wirst du dich an den Guru festklammern. Doch dieses Klammern wird dich vor jeder anderen Art des Festklammerns schützen. Da die Bindung an den Guru höherer Natur ist, führt sie dich über die Abhängigkeit in die absolute Unabhängigkeit, bis du mit ihm eins wirst. Dann ist der innere Guru schon aktiviert und du merkst, dass der Guru, den du so sehr liebst, in dir ist. Dann verschwindet der Wunsch des Festhaltens und du erfährst reine und unverhaftete Liebe.

Der Mensch will immer geliebt und verstanden werden. Weil das aber ein selbstsüchtiger Wunsch ist, wird er sich immer weiter von der Liebe, die er sich wünscht, entfernen. Er verliert sich so sehr in seinen eigenen Wünschen, dass er die Wünsche von anderen nicht mehr sieht. Seine Sehnsucht nach Liebe ist deshalb so zerstörerisch, weil sie ihn von anderen trennt und eine echte Beziehung zu anderen unmöglich macht; weil er andere Menschen nur in Beziehung zu seinen eigenen Wünschen sieht. Echte Kommunikation ist nun nicht mehr möglich. Die ganze Welt sieht er dann als etwas, was ihm Liebe oder irgendetwas schuldet. Dadurch spricht er sein eigenes Urteil aus: Einsamkeit, Angst, Anspannung, Skepsis, Misstrauen. Und all dem gibt er den Namen Liebe.

Statt Liebe von anderen zu fordern, lerne erst, dich selbst zu akzeptieren! Man kann das Gefühl von Angenommensein erzwingen, aber wahrhaftig erfahren lässt es sich nur in seiner eigenen Tiefe, vermittelt durch einen reifen Menschen. Lerne, dich selbst zu akzeptieren, dann werden viele andere dich akzeptieren. Lerne, dich selbst anzunehmen, dann wirst du die wahre Liebe, die von Angst Ausgeschlossenheit und Abhängigkeit frei ist, erfahren.

Es gibt nur einen Weg, wie man Liebe bekommen kann – indem du liebst! Wenn du ohne Motiv und ohne Erwartung liebst, und nicht damit rechnest, Liebe zurückzubekommen, dann wirst du erst reif, Liebe zu empfangen. Aber die meisten Menschen messen ihre Liebe, halten über ihre Liebe, die sie geben, Wache, um sicher zu sein, dass sie das gleiche Maß zurückbekommen! Liebe kann nicht gemessen werden. Liebe, die ich gebe, nur um Liebe zu bekommen, ist keine Liebe. Das ist nur ein Vertrag. Wenn du unbedingt Liebe haben willst, dann gib total, ohne einen Gedanken, etwas dafür zu bekommen.

Wie kann ich lernen, in meinem Alltag auf ganz konkrete Weise mehr zu lieben?

Um Liebe zu üben, musst du nicht wissen, was die Liebe ist. Du brauchst nur alles in deinem Leben loszulassen, was nicht Liebe ist. Lasse soviel wie möglich von deinen negativen Eigenschaften fallen. Dann wirst du ganz allmählich in Liebe verwandelt. Du weißt, dass Hass nicht Liebe ist, dass Eifersucht keine Liebe ist, dass Gewalt nicht Liebe ist. So übe Gewaltlosigkeit, räume Hass, Eifersucht und Neid aus deinem Leben. Lerne, deine persönlichen Wünsche und Interessen nicht so wichtig zu nehmen. Im gleichen Maße, wie du dich von Eigennutz trennst, wirst du auch lieben können. Übernimm ganz bewusst Aktivitäten, die Gott geweiht sind, die ihm dienen – diene der Menschheit, diene deinem Guru, diene deinen Mitmenschen.

In der Zeit, in der du in der Art des Liebens Fortschritte machst, wirst du auch deine alltäglichen Gewohnheiten, Neigungen und deine Weltanschauung ändern müssen. Du kannst es dir nicht mehr leisten, jemanden aufgrund deiner Vorurteile abzulehnen. Du kannst keine negativen Gedanken mehr hegen. In dieser Übungs- und Wachstumszeit ist es wichtig, schöpferisch und produktiv zu sein, neue Erfahrungen zu machen und Tugenden zu entfalten.

Und es ist auch wichtig, deine Erwartungen an andere, an die Welt und and Gott aufzulösen. Wenn deine Wünsche und Erwartungen verschwinden, verschwinden auch deine Ängste! Dann wir plötzlich Platz in dir frei für die Liebe.

Wenn du lieben lernst, lernst du auch, dass sich alle äußeren Bedingungen und Zustände stets ändern. Dies ist ein Gesetz – alles ist in Bewegung. Es gibt nie ideale äußere Bedingungen, die immer ideal bleiben. Es ist sehr albern und ignorant zu glauben, dass eine Beziehung, die ich eingehe, immer die gleiche bleiben wird. Wenn du dich von einer Minute zur anderen ändern kannst, warum nicht auch dein Freund oder deine Freundin?

Wenn du dieses Gesetz der Wandlung ganz verstehst, es akzeptierst und in dein Leben integrierst, wenn du von niemandem mehr etwas erwartest, dann hast du es geschafft, flexibel zu sein und dich an die anderen anzupassen.

Liebe bedeutet, beweglich sein, sich anpassen können, alles akzeptieren, was in dir und um dich herum passiert. Dies ist die Bedeutung von „Dein Wille geschehe, Herr, nicht meiner“.

Zu lieben bedeutet, sich hinzugeben, in Harmonie mit dem göttlichen Willen zu sein. Das ist Liebe im höchsten Grad. Wenn du die Freude des anderen, dem du wahre Liebe schenkst, wahrnimmst, wird in dir eine ganz neue Dimension deines Lebens geöffnet. Du entdeckst, dass das Leben viel mehr enthält und dir schenkt, als du überhaupt erträumen konntest. Fang an, kleine Liebesdienste zu vollziehen, ohne Lob oder sonst etwas zu erwarten.

Wie wunderschön ist es, die ganze Schöpfung zu lieben und zu entdecken, dass außerhalb dieser Liebe nichts anderes existiert. Wenn du auf diese Weise liebst, liebt und wirkt Gott durch deine Liebe. Deine Liebe wird zu einem Medium seiner reinen Liebe. Deine Liebe ist Gott und jede deiner Taten sind Seine Handlungen.

Die Rolle des Gurus

So wie der Guru handelt, so lehrt er. Geistige Erfahrungen sind meistens nur unter der Führung eines erfahrenen Meisters wertvoll. Viele Menschen machen spirituelle Erfahrungen, ohne Hilfe zu bekommen, ohne die Lehre von einem Meister zu erfahren. Aber solche Erfahrungen können, wenn sie nicht richtig verstanden werden, in manchen Fällen für die Entwicklung dieses Menschen ungünstig sein. Der Wert solcher Erfahrungen liegt darin, wie wir sie empfangen, verstehen und nutzen. Wenn wir die wahre Bedeutung dieser Erlebnisse nicht richtig verstehen, sind sie für uns wirklich nutzlos.

Um den Wert solcher Erlebnisse zu erkennen, ist es von unschätzbarem Wert, einen Meister oder Guru zu haben. Seine Aufgabe ist es, dich durch diese Erfahrung zu führen und dir zu helfen, darüber hinauszuwachsen.

Ohne Guru ist es fast unmöglich, den höheren Weg zu gehen. Warum? Weil dieser Weg voll von Hindernissen ist. Ein Prozess, der vielleicht sechs Monate, sechs Jahre oder ein ganzes Leben braucht, kann manchmal allein durch einen Blick von ihm herbeigeführt werden. Es gibt auf dem spirituellen Weg viele Schwierigkeiten, und wenn wir Zeit und Energie sparen wollen, können wir die Hilfe eines Gurus suchen. Der Guru hilft uns, die Zeit unseres Leidens zu verkürzen, er vertreibt unsere Ängste und er schützt uns. Ein guter Meister zeigt uns unsere Probleme und unsere blinden Flecken und hilft uns, unsere Energien besser einzusetzen.

Gott hat uns nicht nur Energie gegeben, sondern uns auch die Wahl gelassen, wie wir mit ihr umgehen. Wir haben jedoch diese Entscheidung so lange hinaus geschoben, dass wir nun nicht mehr wissen, wie wir mit dieser Energie umzugehen haben. Dieses „nicht mehr wissen“ heißt Ignoranz. Wir haben die Freiheit zu wählen, den so genannten freien Willen, aber wir benutzen ihn nicht. Wir wissen nicht mehr, wie wir unsere Energien auf höherer Eben einsetzen können. Deshalb brauchen wir einen Meister – einen erwachten Menschen, der unsere Probleme und Schwächen kennt – um diese nach und nach auflösen zu können.

Die Verantwortung des Gurus ist es, uns bewusst zu machen und die Liebe in uns zu erwecken. Indem er bedingungslos liebt, wird alles andere folgen. Es ist die Liebe des Gurus, die uns die Kraft verleiht, uns weiterzuentwickeln und unsere Probleme zu überwinden.

Die Liebe des Gurus ist keine emotionale Liebe, keine egoistische Liebe. Emotionale Liebe erregt uns, weil sie sinnlich ist, und dann deprimiert sie uns. Aber die Liebe des Gurus ist jenseits von Erregung und Depression, denn sie stellt keine Bedingungen. Der Guru will nur, dass der Schüler wächst. Sein Verhalten, seine Taten und seine Lebensführung sind so, dass der Schüler zu Liebe und Vertrauen, was in ihm verschüttet ist, zurückfindet. Wenn er Glauben und Vertrauen in uns weckt, muss er nichts anderes lehren, weil allein dies es ist, was alles vollbringt. Das, was auf diese Weise über die Liebe gelehrt wird, wird nie verloren gehen.

Um die Gegenwart des inneren Gurus zu spüren und seine Hilfe und Führung wahrzunehmen, muss man aus seinem Herz heraus handeln und fühlen. Den inneren Guru nur mit dem Verstand erkennen zu wollen, wird sehr schnell Zweifel aufkommen lassen. Hier liegt die Erklärung, warum ein äußerer Guru notwendig ist. Der innere Guru ist nur vorhanden, wenn du aus deinem Herzen heraus lebst. Solange die Führung zwischen deinem Herzen und deinem Kopf hin und her wandert, brauchst du die Hilfe eines Meisters.

Die Liebe zwischen Guru und Schüler ist die höchste Liebe. Es gibt nichts anderes auf dieser Welt, was wir mit dieser Liebe vergleichen können. Sie ist das Höchste, weil sie dich zu den höchsten Stufen des Bewusstseins führt.

Sobald du Liebe für den Guru empfindest, kann er für dich alles machen. Mach dir keine Sorgen darum, ob deine Liebe zu ihm Bindung ist oder nicht. Wenn diese Liebe dich verwandelt, ist es egal, ob du es Anhaften nennst oder nicht. Die richtige Person festhalten zu wollen, führt dich, wenn es bewusst stattfindet, schließlich aus dem Festhalten heraus. Der Meister kann dir helfen, weil er sich nicht an dich klammert. Du brauchst nur deinen Meister zu lieben, so viel und tief, wie du kannst; gib dich ihm hin, so weit du kannst. Solange er sich nicht an dich klammert, kann er dein Anhaften in reine Liebe umwandeln. An den Guru verhaftet zu sein, ist keine schlechte Stufe unserer Entwicklung, denn wir werden uns auch das, was er ist und das, was er lehrt, zu Eigen machen. Er lehrt dich Dinge, die dir weiterhelfen. Wenn du ihn liebst und diese Liebe erhalten willst, dann musst du das, was er lehrt, üben. Wenn du beständig übst, wirst du allmählich Freiheit erlangen.

Der Guru ist Repräsentant einer höheren Form des Lebens. Indem du dich ihm hingibst, schließt du dich dieser Lebensform an.Wir sehen also, dass der Guru ein Tor ist. Du trittst hindurch, aber hältst dich nicht daran fest. Das Tor folgt dir auch nicht, nachdem du es durchschritten hast. Du musst nicht von dem Meister abhängig sein, obwohl es anfänglich oft so ist und wir uns davor fürchten. Du magst denken: „Was soll ich dann tun, wenn ich von ihm abhängig bin?“ Dabei vergisst du, wie sehr du vom Geld abhängig bist oder von der Macht des Vergnügens, oder vom Reiz der Sinne oder vom Besitztum. Solche Abhängigkeiten sind dir recht, aber von einem Meister abhängig zu sein, was dich eventuell von all diesen anderen Abhängigkeiten befreien kann, das willst du nicht! Du willst deine Freiheit. Sehr leicht vergisst du all deine anderen Süchte, wenn es um spirituelles Abhängigsein geht. Plötzlich redest du von Unabhängigkeit! Aber in dieser Situation hast du nicht die Wahl zwischen Unabhängigkeit oder Abhängigkeit. Du kannst nur wählen, wovon du abhängig sein willst.

Es gibt einen Zeitraum, in dem der Schüler an den Guru gebunden ist, aber diese Abhängigkeit ist nur eine Stufe auf dem Weg, der uns jenseits von Anhaften und Abhängigkeit führt. Um deines Wachstums willen lernst du allmählich, die feinstoffliche Energie des Gurus zu spüren. Dann wirst du auch seine feinstoffliche Form in deinem Herzen tragen können. Vierundzwanzig Stunden am Tag spürst du ihn dort. In diesem Moment bist du aus der Gefangenschaft von Anhaften und Abhängigkeit herausgewachsen.

Vertrauen in den Guru

Die Grundlage für Verstehen ist Vertrauen. Jeder Schüler erfährt durch seine Beziehung zum Meister etwas anderes. Jeder bekommt etwas Individuelles, entsprechend seinem ganz persönlichen Bewusstseinszustand. Die weiterführende Lehre kann nur durch Liebe und Erfahrung und nicht durch Worte vermittelt werden. Der Guru hat sein Bewusstsein sehr weit entwickelt, aber er kann höhere Erlebnisse nicht mit Worten an einen Schüler weitergeben. Deswegen muss eine andere Art der Mitteilung zwischen Meister und Schüler geschaffen werden. Nur die Liebe kann den Verstand umgehen. Alle Mitteilungen, die über das Gehirn laufen, werden verdreht, weil das, was wir mit dem Verstand empfangen, immer in der übertriebenen Sprache des Egos interpretiert und verstanden wird. Das Ego verdreht alles. Das Ego benutzt unser Gehirn für äußere Mitteilungen. Für die innere Mitteilung brauchen wir unser Herz.

Durch Glauben, Vertrauen und Liebe entsteht eine Energiebrücke zwischen dem Schüler und dem Guru. Mit Hilfe dieser Brücke können seine Energien fließen. Weil die spirituelle Lehre nur erfahren und nicht verstanden werden kann, wird von dem Schüler bei den Übungen viel Geduld und Ausdauer gefordert. Ohne Ausdauer und Geduld wird die spirituelle Erfahrung ausbleiben. Das Maß unserer Empfänglichkeit hängt von dem Maß unseres Vertrauens ab, dass wir in unserem Herzen finden können. Der Meister, der schon das Höchste erreicht hat, kann einem Schüler, der nicht vertraut, der nicht liebt und sich nicht hingeben kann, keinerlei Erfahrungen vermitteln. Selbst, wenn er es wollte, wäre es ihm nicht möglich, denn „Geben“ und „Empfangen“ sind für die Übermittlung eines subjektiven Erlebens wie Erleuchtung gleichrangig. Nur seine Bereitschaft, zu geben, reicht also nicht. Unsere Bereitschaft, zu empfangen, ist von gleicher Wichtigkeit. (Jesus: „Dein Glauben hat dich geheilt“.) Wenn die Sonne draußen scheint, du aber alle deine Fenster und Türen geschlossen hast, gibt es für dich die Sonne nicht. Man muss seine Türen und Fenster öffnen, um die Wärme und Helligkeit der Sonne spüren zu können.

Weil unsere Aufnahmefähigkeit für seine Lehre von unserem Vertrauen in ihn abhängt, ist es zuerst notwendig, Vertrauen und Glauben in uns zu stärken. Vertrauen ermöglicht es, unsere vorgefassten Ideen und Meinungen, unsere intellektuellen Zweifel und unsere selbst interpretierten Erfahrungen wegzuwerfen.

Wo beginnt Vertrauen? Vertrauen beginnt mit Erfahrung. Wenig Vertrauen kann zu viel Vertrauen wachsen. In jeder Beziehung muss es am Anfang ein bisschen Vertrauen geben, so dass ein tieferes Vertrauen wachsen kann. Bis das Vertrauen auf Erfahrungen basiert, muss man dem äußeren Guru vertrauen. Über den äußeren Guru wird man mit dem inneren Guru in Verbindung kommen.

Dem Guru zu vertrauen bedeutet, Vertrauen in dich selbst, in dein Herz zu haben. Dieses Vertrauen lässt sich nicht lehren. Auf dem spirituellen Weg gibt es vielerlei Erfahrungen, die aber wenig nützlich sind, wenn Glauben und Vertrauen in den Guru fehlen. Wenn es dir an diesem Vertrauen mangelt, wirst du vor solchen Erfahrungen weglaufen wollen. Ohne Vertrauen und Glauben kannst du nicht wachsen und wirst immer wieder in die alten Probleme zurückfallen.

Verehrung

Verehrung ist wie Liebe, nur mit einem Unterschied. Liebe fühlt man für jemanden, der auf der gleichen Ebene steht, Verehrung fühlt man für jemanden, der eine Ebene höher steht.

Wenn eine liebende Intimität zu einem Menschen, der höher steht, entstanden ist, dann ist das Verehrung. Dieses Gefühl wird wie von selbst in der Gegenwart des Gurus wach, weil es eine natürlich Folge von Liebe und Vertrauen ist. Verehrung ist notwendig, um vom geistigen Lehrer Kraft empfangen zu können. Ein Meister kann seine Schüler, wenn sie „höher“ entwickelt sind als er, nicht lehren. Der geistige Lehrer muss auf einer höheren Ebene sein als der Schüler. Energie fließt vom Höheren in das Niedrigere hinein. Wenn du versuchst, dich über die Ebene deines Gurus zu erheben, wirst du so trocken bleiben wie die Wüste. Dadurch, dass der Schüler sein Ego aufgibt und demütig, offen und empfänglich dem Guru gegenüber ist, empfängt er vieles von seinem Meister. Aus diesem Grunde muss der Schüler sich beugen, nicht der Meister.

Ein Guru ist nicht seine physische Form, nicht sein Leib. Es mag sein, dass du am Anfang seine Form liebst, aber hier darf deine Liebe nicht stehen bleiben. Es kommt eine Zeit, wo du diese Art von Liebe überwinden wirst, wo seine physische Form für dich verschwinden wird und du dich in einer tiefen Erfahrung der Liebe befindest.

Die Liebe für den Guru ist nicht das Wesentliche, sondern dein Herz muss sich durch deine Liebe öffnen. Ist dein Herz offen, schließt es niemanden aus, es umschließt alle. Die meisten lieben den Guru zuerst auch in seiner Form, weil wir gewöhnt sind, Liebe über den Körper zu erkennen. So beginnt zwar diese Liebe, aber so bleibt sie nicht – sie verändert und verwandelt sich und führt uns ganz woanders hin. Wenn sie so anfängt, ist das in Ordnung, solange du den Meister liebst. Er nimmt am Anfang diese Liebe an, um sie dann in etwas Höheres zu verwandeln. Lass diese Liebe für ihn exklusiv werden, so dass nichts anderes als die Liebe in deinem Kopf und Herzen bleibt. Dann wird sie verwandelt.

Das Geheimnis auf dem spirituellen Weg ist dies: Die Liebe verwandelt. Wenn die Liebe so deutlich und „laut „ wird, dass alles andere nachlässt, dann hast du einen großen Fortschritt gemacht. Körperliche Liebe hat dem Guru gegenüber keine Ausdrucksmöglichkeit (körperliche Hingabe heißt, alle Wünsche aufzugeben). Du wirst gezwungen, sie in etwas Feineres und Geistiges zu verwandeln. Dann wird deine Liebe ihn nie verlassen und seine Liebe wird unentwegt durch dich tätig sein und wird dein ganzes Wesen durchdringen, auch wenn du physisch von ihm getrennt bist. Am Anfang liebe ihn, wie du willst, aber bleibe immer achtsam.

Der Guru ist nur auf dein spirituelles Wachstum bedacht. Er möchte nur, dass du deine Schwächen wegwirfst und sie in den Flammen seiner Liebe verbrennst. Je stärker das Feuer deiner Liebe, umso größer wird deine Kraft, all deine persönlichen Wünsche und Sehnsüchte zu verbrennen, um sie in diesem Feuer zu reinigen. Die Beziehung zwischen dir und deinem Guru ist anders als jede andere Beziehung, die du kennst. Du kannst sie mit keiner anderen vergleichen. Der Meister will, dass du ihn liebst, so dass du dich selbst liebst, um das Göttliche in dir zu erwecken.

Wenn du den Guru liebst, liebst du dich selbst. Du hast in dir etwas Liebenswertes entdeckt, und du benutzt nun den Guru als Spiegel. Mehr als ein Spiegel will er für dich nicht sein. Du kannst dich selbst nicht so ohne weiteres lieben, weil du dir selbst so nah bist. Diese Nähe macht blind. Aber du kannst dich selbst über den Guru lieben. Er entfernt dich von dir selbst, so dass du dich selbst sehen kannst. Die Liebe zum Guru hilft uns, uns selbst gegenüber objektiv zu werden. Ohne objektiv zu sein gibt es keine Liebe.

In der Liebe zu ihm geht es vorerst nur darum, dass du zu ihm eine Verbindung herstellst. Ist diese Verbindung da, kannst du das, was er zu geben hat, empfangen. Empfänglich zu sein heißt, ihm dein ganzes Herz zu schenken. Und während deine Liebe zu ihm wächst, wird deine Energie in seine verwandelt. Über die Liebe des Schülers wird automatisch dieser Energiefluss zwischen Meister und Schüler in Kraft treten und viele Probleme werden dadurch weggespült.

Hast du zu deinem Guru keine Liebesbeziehung, ist es schwer für dich, von ihm zu lernen. Aber sobald du ihn liebst, findet Lernen ohne Worte statt. Es ist wichtig, dass du alles, aber wirklich alles tust, um deine Liebe zu deinem Guru zu intensivieren. Dazu musst du von ablenkenden Personen und Büchern, die in dir Zweifel schüren, Distanz halten. Verscheuche alle störenden, zweifelnden und misstrauischen Gedanken. Wenn du zweifeln willst, kannst du an jedem Menschen zweifeln. Die Menschen haben auch an Jesus gezweifelt. Der Guru kann dir jede Frage beantworten, aber auf deine Zweifel kann er nicht antworten.

Nicht nur der Guru spielt eine wichtige Rolle, sondern auch der Schüler. Es wird gesagt, dass der reife Schüler seinen Guru findet. Solange der Schüler sich für eine solche Beziehung noch nicht öffnen kann, wird er den Guru nicht erkennen. Der Guru wird nur mit demjenigen in Verbindung treten, der die Liebesfähigkeit hat, nur dann kann die Energie zwischen Meister und Schüler fließen.

Der Guru wird seine Energie nie ohne das Bitten des anderen übertragen. Das Sprichwort „Hilf dir selbst, dann hilfst dir Gott“, sagt dasselbe aus. Es beginnt immer bei dir. Du musst dich öffnen, dich empfänglich machen und dein Wunsch nach geistigem Wachstum muss aus ganzen Herzen kommen.

Hingabe und Disziplin

Es gibt eine ganze Reihe Hindernisse, die den Energiefluss zwischen dem inneren und äußeren Guru nicht möglich machen. Wenn du aber bereit bist zur Hingabe, werden sich die beiden vereinigen können. Damit verschwinden deine Spannungen, Ängste, Sorgen und emotionalen Probleme. Du musst dich nur hingeben können. Hingabe bedeutet, in der Gegenwart zu leben. Wenn du in der Zukunft lebst, dich von deinen Träumen und Hoffnungen wegziehen lässt, dann lebst du nicht in der Gegenwart. Solange du noch von den Hoffnungen auf die Zukunft lebst, hast du dich nicht hingegeben. Hingabe zerschmettert jeden Traum von Zukunft. Glückseligkeit existiert nicht in der Zukunft, sondern ausschließlich in der Gegenwart.

Hingabe bedeutet totales Vertrauen und das Annehmen der Gegenwart. Vertraust du dem Guru, akzeptierst du seine Führung und die Gegenwart. Du kannst aber dem Guru nur vertrauen, wenn du zuerst dir selbst vertraust. Es ist ein Paradox – es ist der Guru, der dir hilft, dich selbst zu akzeptieren und zu vertrauen, wodurch du dir selbst hilfst, ihm auf vollendete Weise zu vertrauen.

Der Guru reicht dir die Hand und führt dich Schritt für Schritt, ohne zu erwarten, dass du am Anfang alles glaubst. Aber wenn du bei ihm bleibst, wird sich dein Vertrauen und dein Glauben in ihn immer mehr ausdehnen. Der Meister beansprucht für sich selbst nichts, er will dir nur helfen, dich Gott hinzugeben. Er hilft dir, dich aus deinen Bindungen zu befreien – aus einer falschen Identität, von deinen Ängsten, deinen Kämpfen und deinen wechselhaften Stimmungen. Er fordert dich auf, ihm all deine Probleme zu geben – mehr nicht.

Viele Menschen befürchten, dass ein Guru ihnen alles wegnehmen wird, sind sich aber nicht im Klaren darüber, was sie, außer ihren Problemen, anzubieten haben. Der folgende Vers stammt von dem Bhakta Bapuji: “Was kann ich dir, Herr, anbieten, was du nicht schon hast? Alles was ich dir geben kann, sind meine Probleme. Sie sind das einzige, was ich selbst geschaffen habe. Was kann ich dir sonst geben? Wohin ich auch schaue, die ganze Schöpfung ist dein. Nur meine Probleme, die habe ich selbst geschaffen.“

Deine Probleme sind das beste Geschenk für deinen Guru. Er will nichts anderes, als dass du ihm dein Ego hingibst. Wenn du deine Schwäche opferst, wird in deinem Leben ein neues Licht erstrahlen.

Hingabe ist der Weg des Vergessens – du darfst deine Probleme vergessen. Der Guru übernimmt die Verantwortung für sie. Auf diese Weise gibst du auch die Früchte deines Handelns hin. Weder um Erfolg noch Misserfolg brauchst du dir Sorgen zu machen. Dadurch wirst du zwar nicht leichtfertig, aber sorgenfrei. Wir müssen uns ganz hingeben können, nur so werden wir frei von Spannungen, Ängsten und Furcht.

Verstehe gut, dass du bereit sein musst, deine Wünsche, Meinungen, fixen Ideen, Vorstellungen, deinen Kampf- und Konkurrenzgeist, hinzugeben. In der äußeren Welt musst du vielleicht kämpfen, um das zu bekommen, was du haben willst. In der geistigen Welt ist es anders, hier musst du dich hingeben können. Die Wertvorstellungen in diesen zwei Welten stehen sich diametral gegenüber. Um dich hingeben zu können, musst du sehr achtsam mit deinen Energien umgehen. Um dich deinem Ego zu stellen und es zu überwinden, brauchst du viel Energie, viel Kraft und Ruhe. Um es aufzugeben und dich hingeben zu können, ist es wichtig, dass du in allem was du tust, optimal handelst. Wenn du alles optimal tust, wird von innen her eine sehr hohe Energie freigesetzt. Es ist die nun fließende Energie, die es möglich macht, dass du in dich selbst und in alle anderen Vertrauen gewinnst.

In der wahren Hingabe liegt die Liebe für den Guru. Erwarte nichts von dieser Liebe. Hingabe muss man üben, dann wird sie zu wahrer tiefer Hingabe. Übe das, was der Guru lehrt, dir sagt und empfiehlt – dann wächst deine Hingabe ganz von selbst und dein Leben wird ruhiger und harmonischer. Mit innerem Gleichmut wirst du Raum und Zeit leicht überschreiten können. Aber das erreichst du nur, wenn du in dir selbst zentriert bist – d.h. dich nicht mit deinen Wünschen, Erwartungen, Hoffnungen und Träumen identifizierst. Der Prozess des Zentrierens ist Hingabe.

Hingabe ist nur dann möglich, wenn du in einer bestimmten Form der Disziplin verankert bist. Disziplin wird dich zu Hingabe führen und mit Hingabe kommt Freiheit. Freiheit ist Disziplin. Aber zuerst musst du Disziplin üben. Mache dir am Anfang keine Sorgen um die Hingabe. Lege deine ganze Kraft und Anstrengung in die Disziplin, dann wird die Hingabe ganz natürlich folgen. Beachtest du die Disziplin am Anfang nicht, wird ein falsches Konzept von Freiheit und Unabhängigkeit entstehen und dir wird dies als Art Freibrief für negative Gewohnheiten dienen. Falsch verstandene Freiheit führt zu Selbstzerstörung, Selbstverleugnung und noch größerer Knechtschaft.

Es ist vergleichbar mit einem Fluss, der in den Ozean mündet und dann den anderen Flüssen sagt, dass ihre Ufer unnötig und selbst auferlegt sind. So eine Aussage wäre für die anderen Flüsse, die ihren Vater, den Ozean noch nicht getroffen haben, eine Katastrophe. Wenn sie die Ufer der Disziplin vorzeitig aufgeben würden, ehe sie in den Ozean münden, würden sie sich ausbreiten und viele Äcker und Dörfer zerstören. Sie würden austrocknen und sich selbst zerstören, noch ehe sie ihr Ziel erreichen konnten.

Freiheit in den Händen eines Dummkopfs kann tödlich sein. In den Anfangsphasen der geistigen Übungen braucht das spirituelle Kind liebevolle Begleitung, Umsorgen, eine liebevolle Atmosphäre und liebevolle Disziplin. Weil wir selbst noch nicht unterscheiden können, ist Disziplin als Schutz nötig. Sobald wir selbst unterscheiden können, werden wir für die Freiheit reif.

Auf jeder Ebene brauchen wir Disziplin, ehe wir die Freiheit erlangen können. Disziplin führt zu Hingabe und Hingabe kann erst zu Freiheit führen. Hingabe ist nur dann möglich, wenn du alles, was du tust, so gut machst, wie du kannst. Um dich hingeben zu können, musst du reinen, klaren Herzens sein. Während du lernst, dich hinzugeben, fängst du an, die Frucht deiner Hingabe zu schmecken – Verantwortung. Verantwortung heißt, dass du in der Lage bist, auf jede Situation zu antworten. Das ist nur möglich, wenn du in der Gegenwart lebst.

Je mehr du dich hingibst, desto mehr wirst du geschützt sein. Wahre Liebe ist nur möglich, wenn du loslassen kannst – und in dieser Liebe nimmt die Hingabe eine Tiefe an, in der kein Raum ist für Angst. Deswegen wird die Hingabe derart hervorgehoben. Wenn du dich hingibst, kann der Meister für dich tätig werden. Gott kann für dich tätig sei. Du bist dann immer geschützt. Aber der Schutz steht in direktem Verhältnis zu deiner Hingabe.

Lebst du jedoch aus deinem Ego, bist du für dein Handeln selbst verantwortlich. Du musst für dich selbst antworten. Doch gibst du dich Gott und deinem Guru hin, dann sind sie verpflichtet, für dich zu sorgen. Sie werden deine Beschützer und Begleiter sein. Das ist aber nur dann möglich, wenn du gehorsam bist. Wenn du dich hingibst, gibt es nichts, was du willst. Du gibst dem Meister alles und deine Angst verschwindet. Du weißt, dass der Meister für dich sorgt – es gibt nichts in diesem Leben, was du nicht annehmen könntest. Kein Hindernis, keine Herausforderung, nichts hält dich von deiner inneren Ruhe ab.

Mit der Zeit werden Meister und Schüler eins. Sie fließen im Ozean von Sat-Chit-Ananda zusammen. Die Zeit vergeht, und die Disziplin wird milder und milder, im gleichen Maße wie der Schüler fähig wird, sich jeder Situation zu unterwerfen. Je selbstverständlicher der Gehorsam wird, desto weniger Disziplin ist nötig.

Zuerst muss sich der Guru liebevoll um das Kind (Schüler) sorgen, um es vor vielen Gefahren zu bewahren. In dieser Anfangsphase ist der Guru wie eine Mutter für den Schüler – er schützt und sorgt für ihn. Aber wenn der Schüler sich weiterentwickelt, braucht er einen Vater, der ihn führt und diszipliniert – der Guru wird zum Vater. Nachdem der Schüler Fortschritte gemacht hat, wird er für brüderliche und später freundschaftliche Disziplin reif. Der Guru ist alles: Vater, Mutter, Bruder, Freund. Er begleitet dich auf all den Stufen deines Weges. Er begleitet dich auf deinem Weg zu Gott.

Gibst du dich dem Meister hin, kann er dich von deinem angesammelten Karma befreien. Karma ist die Ernte von allen Gedanken, Gefühlen und Taten, die wir in der Vergangenheit als Saat ausgelegt haben und die unser jetziges Leben stark beeinflussen.

Diese Hingabe entwickelt sich, während der Schüler sich selbst innerlich und äußerlich hingibt – seine Zeit, seine Begabungen, seine Kraft, sein Ego, seine Wünsche. Dieser Prozess des Gebens wird „Guru seva“ genannt. Guru seva bedeutet, dem Meister selbstlos im Geiste des Karma Yoga zu dienen. Diese Handlungen oder Dienste sind ein Ausdruck der Liebe, nicht des Egos. Der Meister selbst braucht dieses Dienen nicht das Dienen ist ein Bedürfnis des Schülers und ist für seine Entwicklung notwendig. Es öffnet den Schüler für die Lehre des Meisters, und auf diese Art wird der Schüler für die Gnade des Gurus geöffnet. Durch diese Gnade werden Vertrauen und Standhaftigkeit im Schüler gestärkt, was er auf seinem Weg unbedingt braucht.

Der Guru akzeptiert diesen Dienst, ohne darauf angewiesen zu sein. Dieser Dienst am Guru mag am Anfang mit dem Ego verknüpft sein, aber gleichzeitig wird eine Verbindung zwischen Meister und Schüler hergestellt. Sobald der Schüler aus sich selbst heraus gibt, wird er sich schrittweise verwandeln – auf eine mühelose, unsichtbare und sehr subtile Art. Seine Ansammlung von Karma baut sich ab, und der Schüler wird durch seine Hingabe und sein Dienen allmählich von seinem Ego und seinen Wünschen befreit.

Weil der Guru dies weiß, kann es auch sein, dass er es dem Schüler erlaubt, zu glauben, dass er die Dienste seines Schülers brauche. Manchmal kann es dann vorkommen, dass es für den Schüler nötig ist, dass der Guru sein Ego füttert, obwohl er sich bewusst ist, dass er später dieses Ego wieder gnadenlos schlachten wird. Wenn der Schüler sein Ego ausgelebt hat, dann wird er begreifen, dass dieses Ego der Grund seines Leidens ist. Er wird nun selber daran arbeiten, das Ego verschwinden zu lassen. Am Anfang konzentriert sich die Aufmerksamkeit des Gurus auf den Schüler – er liebt ihn – egal wie der Schüler sich verhält. Um dem Schüler zu helfen und mit ihm in Verbindung zu sein, ist der Meister bereit, seine Energieschwingungen und sein Bewusstsein auf die Energieebene des Schülers herabzusetzen. Damit wird zuerst einmal das Ego des Schülers gestärkt, aber es gibt keinen andern Weg, ihn zum Ziel zu führen.

Wenn ein Gabelstapler einen Stapel vom Boden aufheben will, muss der Stapler sich auf das unterste Objekt des Stapels herablassen können. Um den Schüler über seine destruktiven und egoistischen Gewohnheiten zu erheben, begibt sich der Meister auf die Ebene der weltlichen Details und des Handelns in einer vollkommen unverhafteten Art. Durch jede seiner Handlungen lehrt er den Schüler. Durch jede seiner Handlungen ist er ein Führer, ein Instrument für das Wachstum des Schülers.

Sobald du dich dem Meister völlig hingibst, bist du nicht mehr Opfer deiner eigenen Gewohnheiten und Wünsche. Egal, was mit dir passiert – ob Erfolg oder Misserfolg, Glück oder Unglück, Freude oder Leid – du gibst dich dem Meister (bzw. Gott) hin und bleibst in „Guru seva“ verankert. Während du in deinem alltäglichen Handeln ständig an den Guru erinnert wirst, verwandelt sich dein Leben in eine unaufhörliche Meditation. Während du aus seiner Liebe und Energie schöpfst, wirkt er in dir, wäscht all deine Unreinheit ab und verwandelt dich auf allen Ebenen deines Seins.

Wie kannst du auf die Energie und die Lehre des Gurus eingestimmt bleiben? Wenn du in rechter Weise ausgerichtet bleibst, kannst du mit dieser Energie verbunden bleiben. Bleibe während des ganzen Tages aufmerksam und innerlich ruhig. Entferne alle Wünsche, Vergleiche und mentalen Sehnsüchte. Denke an den Meister – sei offen, wünsche nichts, erwarte nichts. Sobald die Stille dich durchdringt, wirst du spüren, dass Gott in dir ist und du wirst die Gegenwart deines Gurus spüren. Danach mache weiter mit dem, was du zu tun hast.

Sobald du lernst, mit dem Meister ständig in Verbindung zu bleiben, kannst du jede Menge Arbeit in vollkommener Weise erledigen; aber nur, wenn du aufmerksam bleibst. Sage dir so oft wie möglich: „Ich will nichts haben. Ich will nichts werden. Ich habe nichts mitgebracht und werde auch am Ende nichts mitnehmen. Für mich selbst will ich nichts erreichen. Ich gebe mein Leben Gott und meinem Meister hin.

(Aus: YOGA Nr. 50) - von Yogi Amrit Desai - München 1990